Die fotografierte Ferne. Eine Ausstellung zur Reisefotografie

Fotografen auf Reisen (1880–2015)

Ausstellungsansicht „Die fotografierte Ferne“, Berlinische Galerie 2017, © Foto: Harry Schnitger

Die Berlinische Galerie zeigt noch bis zum 11. September 2017 eine umfassende Fotoausstellung zum Thema Reisefotografie und spannt den Bogen über insgesamt 135 Jahre.

Das Reisen ist seit mehr als 100 Jahren ein großes Thema der Fotografie. Mit Aufkommen des massenhaften Tourismus im späten 19. Jahrhundert entstand das Genre der Reisefotografie, das die Erwartungen an das Exotische in der Fremde bestätigte.

Erst seit den 1920er-Jahren ist das Reisen für Fotografen auch Anlass für die künstlerische Auseinandersetzung mit den kulturellen, politischen und sozialen Zuständen anderer Länder. Die Bilder entstehen als spontane Reaktion auf Unbekanntes oder im Zusammenhang mit vorher geplanten konzeptuellen Ideen.

Die Ausstellung vermittelt mit über 180 Bildern von 17 Fotografen eine Geschichte der künstlerischen Fotografie des 20. Jahrhunderts. Die verschiedenen Positionen veranschaulichen, wie sich Bildsprache und Wahrnehmung von der frühen Reisefotografie bis in unsere globalisierte Welt verändert haben.

Unbekannter Fotograf, Japan, 1875-1910

Im Prolog zur Ausstellung „Die fotografierte Ferne“ wird die Historische Reisefotografie aus dem Mittelmeerraum und Japan gezeigt, die von inszenierten Alltagsszenen bis hin zu realistischen Darstellungen von Landschaften und Bauwerken reicht. Es wurden so nicht nur Klischees und Stereotypen der Andersartigkeit und Exotik bestätigt, sondern auch ein eurozentrischer Blick auf die noch fremden Regionen geprägt.

Robert Petschow, Viadukt von Eglisau in der Schweiz in der Morgensonne, um 1930

Robert Petschow (1888–1945) bereiste zwischen 1920 und 1939 ganz Deutschland mit dem Ballon, dem Zeppelin und später mit dem Flugzeug, baute ein Archiv von 30.000 Negativen auf und wurde zum bekanntesten Luftbildfotografen Deutschlands zwischen den Weltkriegen. Es verwundert nicht, dass ab den späten 1920er-Jahren auch das Flugbild Eingang in internationale Ausstellungen fand, denn hier waren genau die ungewohnten Perspektiven und Bildwelten der „Neuen Fotografie“ zu sehen: der Blick aus der Vertikalen und die Auflösung des Raumes.

Erich Salomon, Fairfax Hunt Club, Virginia, 1930/1932, © Urheberrechte am Werk erloschen, Repro: Anja-Elisabeth Witte

Erich Salomon (1886–1944) reiste 1930 zum ersten Mal in die USA. Zu dem Zeitpunkt war er bereits prominent und galt als der Fotograf der politisch-gesellschaftlichen Welt in Europa. Salomons überraschende Bilder aus Nordamerika zeigen, dass er sich mit dem Verlassen der engen europäischen Grenzen und seines vertrauten Arbeitsgebiets nicht länger an seinen bewährten Darstellungsmustern festhalten brauchte. Statt wie bisher auf die atmosphärische Schilderung der Ereignisse zu setzen, reagierte er auf die neue Umgebung mit einem nüchternen dokumentarischen Stil.

Tim N. Gidal, Ohne Titel, aus der Serie: Reise nach Berlin, 1931, Neuvergrößerung, 1983, © The Israel Museum, Jerusalem

Tim Gidal (1909–1996) begann 1929 zu fotografieren, um sein Studium zu finanzieren. Nachdem er sich in seiner Heimatstadt München an der Universität eingeschrieben hatte, lebte er in Berlin und pendelte häufig mit der Eisenbahn – dem zu dieser Zeit modernsten Massenverkehrsmittel. So ist es nicht verwunderlich, dass das Erlebnis einer solchen Reise einen jungen Fotoreporter dazu anregte, diese Erfahrung in Bilder zu übersetzen. Die Serie von 23 Motiven, die bisher völlig unbekannt geblieben ist, zeigt Szenen wie den Aufbruch, das Unterwegssein und die Ankunft.

Evelyn Richter, Minsk, 1957, © Evelyn Richter Archiv der Ostdeutschen Sparkassenstiftung im Museum der bildenden Künste Leipzig / VG BILD-KUNST Bonn, 2017

Eine Reise nach Moskau zu den Weltjugendspielen 1957 war der entscheidende Durchbruch in der fotografischen Arbeit von Evelyn Richter (*1930) bei der sich ihre Bildsprache grundlegendveränderte. Verantwortlich dafür war neben dem Ortswechsel ein technischer Defekt, der nicht vorhersehbar, aber für ihr zukünftiges Arbeiten maßgebend war: Als ihre Mittelformatkamera versagte, eröffnete ihr der Wechsel zu einem handlichen Kleinbildapparat den Weg zu einer neuen Arbeitsweise, mit der sie von nun an das Leben auf den Straßen fotografierte.

Hans Pieler / Wolf Lützen, aus der Serie: Transit Berlin-Hamburg, 1984, © Wolf Lützen und Dr. Johan Filip Rindler

Im Oktober 1984 durchquerten die West-Berliner Hans Pieler(1951–2012) und Wolf Lützen (*1946) mit einem Kleinbus die DDR auf der Transitstrecke Hamburg – West-Berlin und zurück. Die Serie Transit erzählt von der bizarren Atmosphäre auf einer deutsch-deutschen Transitstrecke und dadurch auch von dem Verhältnis zwischen den beiden deutschen Staaten. Für die beiden Fotografen waren die Zustände auf den stark bewachten Straßen der DDR heikel: an der Grenze fanden massive Kontrollen statt, es war strengstens untersagt die vorgegebene Strecke zu verlassen und natürlich herrschte ein striktes Fotografierverbot.

Ulrich Wüst, Güstrow, aus der Serie: Kopfreisen und Irrfahrten, 1985, © Ulrich Wüst

Wie alle DDR-Bürger war Ulrich Wüst (*1949) von staatlichen Restriktionen betroffen, die es ihm bis in die späten 1980er-Jahre praktisch unmöglich machten, in den Westen zu reisen. Um mit dem drängenden Fernweh fertigzuwerden, griff Wüst mit der Serie Kopfreisen zu einer außergewöhnlichen Form der Sublimierung. Er suchte in seiner Lebensumgebung im Osten Deutschlands nach Bildern, die seinen Vorstellungen von der fernen Welt entsprachen und entdeckte so die Ägäis in Mecklenburg und die Toskana in Thüringen. Nach dem Fall der Mauer reiste Wüst tatsächlich in diese Welt. Daraus entstand die Werkgruppe Irrfahrten, mit der er ernüchtert belegte, dass die Realität mit der Illusion nicht nur nicht in Einklang zu bringen ist, sondern dass ihn die alltägliche Wirklichkeit paradoxerweise sogar an die DDR erinnerte.

Karl von Westerholt, aus der Serie: Die Welt in Auszügen, Teil III, (Die Reisen des Käpt’n Brass), 1995-1999, © Karl v. Westerholt

Karl von Westerholt (*1963) reiste in den 1990er Jahren fünf Jahre um die ganze Welt und fotografierte Objekte und Orte, die im Laufe des modernen Massentourismus als Sehenswürdigkeiten angesehen wurden und sich damit im kollektiven Gedächtnis eingeprägt haben. Die Reisen des Käpt’n Brass, wie der Untertitel des dritten Teils von Die Welt in Auszügen lautet, ist neben der Problematisierung von Wahrnehmungsfragen, die die Fotografie als abbildendes Medium betrifft, auch eine Persiflage auf die weltreisenden Touristen, die sich mit ihren Fotografien wie Sammler durch die Welt bewegen und am Ende meinen, das Leben in der Fremde zu verstehen.

Hans Christian Schink, Sichigahama, Shobudahama, Miyagi Prefecture, 2012, © Hans-Christian Schink

Hans-Christian Schink (*1961) fuhr im Frühjahr 2012 für ein dreimonatiges Stipendium des Goethe-Instituts in die Villa Kamogawa nach Kyoto. Genau ein Jahr nach dem verheerenden Tsunami wollte er sich sein eigenes Bild von der Lage vor Ort machen. Seine Aufnahmen sind behutsame Bestandsaufnahmen dieser Katastrophe. Bei längerem Betrachten finden sich jedoch mehr und mehr Indizien dafür, dass hier etwas Außergewöhnliches geschah. Durch die Abwesenheit von Menschen und durch den wolkenlosen grauen Himmel widersetzten sich die aus der Totale aufgenommenen Landschaftsfotografien einer zeitlichen Zuschreibung.

Künstlerliste

Max Baumann (*1961), Kurt Buchwald (*1953), Marianne Breslauer (1909–2001), Tim Gidal (1909–1996), Thomas Hoepker (*1936), Sven Johne (*1976), Robert Petschow (1888–1945), Hans Pieler (1951–2012) und Wolf Lützen (*1946), Evelyn Richter (*1930), Erich Salomon (1886–1944), Hans-Christian Schink (*1961), Heidi Specker (*1962), Wolfgang Tillmans (*1968), Karl von Westerholt (*1963), Ulrich Wüst (*1949), Tobias Zielony (*1973)

Publikation

Aus Anlass der Ausstellung in der Berlinischen Galerie erscheint im Prestel-Verlag der Ausstellungskatalog „Die fotografierte Ferne. Fotografen auf Reisen (1880–2015)“. Herausgeber: Ulrich Domröse. Autoren: Ulrich Domröse, Thomas Köhler, Anne Wriedt. Deutsch, Englisch, 23,0 x 27,0 cm, 248 Seiten, 152 farbige Abbildungen
ISBN: 978-3-940208-48-4 (Museumsausgabe), 978-3-7913-5642-6 (Buchhandelsausgabe)
Preis: 29,80 € (Museumsausgabe) / 39,95 € (Buchhandelsausgabe)

Ausstellung und Katalog werden ermöglicht durch den Förderverein Berlinische Galerie e.V.

Besucherinformationen

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128, D-10969 Berlin
Tel +49 (0)30-789 02-600

Ausstellungsdauer: bis 11. September 2076
Öffnungszeiten: Mi bis Mo 10–18 Uhr, Di geschlossen
Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 7 Euro, bis 18 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Berlinische Galerie.

Die fotografierte Ferne. Fotografen auf Reisen (1880–2015): Faraway Focus. Photographers go travelling (1880–2015)


New From: EUR 39,95 In Stock
Used from: EUR 39,94 In Stock
Release date May 22, 2017.

Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen