(Mis)Understanding Photography im Folkwang-Museum: Ein Ausstellungsbericht

„(Mis)Understanding Photography. Werke und Manifeste“
14.06.-17.08.2014

Mit großer Freude präsentieren wir den Bericht unseres Forenmitglieds jazzmasterphoto über die unbedingt empfehlenswerte Ausstellung „(Mis)Understanding Photography. Werke und Manifeste“ im Essener Folkwang-Museum:

Die von Florian Ebner kuratierte Ausstellung „(Mis)Understanding Photography
– Werke und Manifeste“, die noch bis zum 17. August im Museum Folkwang in Essen zu sehen ist, gehört mit zu den spannendesten, tiefgründigsten und nachdenkenswertesten Präsentationen fotografischer Werke, die ich in meinem Leben gesehen habe.

(Mis)Understanding Photography – bis 17. August im Museum Folkwang Essen

Ein erstes Mißverständnis war es, zu glauben, ich habe meine Speicherkarte in meiner P330 … weit gefehlt. So galt es, für die Pressevorbesichtigung den internen Speicher klug zu nutzen und sich auf max. 32 Bilder zu konzentrieren.

Dazu paßt hervorragend jener Text von Zoe Leonard, der das Cover des in der Edition Folkwang / Steidl erschienenen Begleitbuches ziert:

„Was ist Fotografie? Ist der Abzug gemeint, ein Objekt oder ein JPEG auf Deinem Bildschirm? Existiert sie nur, wenn du sie ausdruckst? Zählt sie nur, wenn sie als große Datei vorliegt, als TIFF? Oder meint Fotografie den Schnappschuss auf deinem Telefon oder eine Diaprojektion oder eher das Bild, das du im Sinn hast, bevor du den Auslöser drückst? Ist damit jenes großartige Bild gemeint, das du nicht machen konntest, weil dein Film voll war oder die Kamera klemmte oder weil du sie schlichtweg nicht dabei hattest? Um es kurz zu machen: Ist Fotografie ein Objekt oder ein Bild, oder ist Fotografie eine Art des Sehens?“

Seit ihrer Erfindung vor 175 Jahren haben Fotografen, meist weitaus radikaler als andere Künstler, das Wesen ihres Mediums hinterfragt. Was macht eine Fotografie aus, wie ist sie von ihrem Material, aber auch von der Technik und Ausarbeitung abhängig, wie steht sie zu ihrer längst unbestreitbaren, aber durchaus problematischen Popularität, wie objektiv ist sie und wie wirkt sich der Übergang von einem analogen zu einem digitalen Medium aus?

In vier Themenschwerpunkten gibt (Mis)Understanding Photography nicht etwa Antworten auf diese Fragen, sondern visualisiert sie anhand künstlerischer Auseinandersetzungen.

„I. Meditationen über das Material der Fotografie“ zeigt unterschiedlichste Positionierungen, so unter dem Rubrum „Aufnehmen & Sichtbarmachen“:

(Mis)Understanding Photography – bis 17. August im Museum Folkwang Essen
Stanislav Markowski: Selbstdarstellung 1974

Vertreten sind hier u.a. Arbeiten von Jochen Gerz und Timm Rautert. Barbara Probst spielt mit dem Thema in einem feinen Tripthychon …

(Mis)Understanding Photography – bis 17. August im Museum Folkwang Essen
Barbara Probst: Exposure #104, 2013

… während im Vordergrund Michael Snow mit „Cover to Cover“ von 1975 ein Buchprojekt mit einem Video kombiniert, wo das Umblättern eben dieses Buches zu sehen ist.

Faszinierend die Auseinandersetzung von Adrian Sauer mit dem großen Thema Bildbearbeitung, dem er sich unter dem Titel „Unboxing Photoshop“ (zu sehen im Hintergrund) zunächst nähert, um dann in opulenter Expression ein riesiges Tableau zu fertigen:

(Mis)Understanding Photography – bis 17. August im Museum Folkwang Essen
Adrian Sauer: 16.777.216 Farben, 2010/11

Verblüffend, daß die Summe aller digital darstellbaren Farben auf ersten Blick eine monochrome Fläche von vibrierender Intensität ergibt, die sich jedoch bei einer Annäherung in vielfarbige Pixelwolken auflöst.

Der zweite Schwerpunkt „Individuen, Rituale, Sonntagsbilder“ versammelt unter so schönen Titeln wie „Girlfriends & Objects“ vielteilige Werkstücke u.a. von Christian Boltanski, Erik Kessels oder Thomas Ruff, die alle auf unterschiedliche Art und Weise sich mit der Akkumulation von Bildern und Veränderungsprozessen beschäftigen.

(Mis)Understanding Photography – bis 17. August im Museum Folkwang Essen
Hans-Peter Feldmann: Sonntagsbilder 1976/77

Vis à vis präsentiert Viktoria Binschtok ihre Installation „Globe“ von 2002:

(Mis)Understanding Photography – bis 17. August im Museum Folkwang Essen

Davor versammelt zum „Familienfoto“ … v.l.n.r.:
Tobia Bezzola (Direktor MF), Clare Strand, Barbara Könches (Kunststiftung NRW), Florian Ebner (Leiter Fotografische Sammlung MF), Katja Strucke, Wolfgang Tillmans, Erik Kessels, Florian Freier und Jeff Guess

Der dritte Schwerpunkt „Vorbilder, Nachbilder, Ikonen“ ist vielleicht jener, der die meisten Fragen aufwirft. Darf man, wie Pavel Maria Smejkal oder Zbigniew Libera, ikonografische Fotos wie das „Napalm-Mädchen“ überhaupt (künstlerisch) bearbeiten, gar verfremden, wie sie die Sektion „Kollektive Überbelichtungen“ zeigt? Man darf, denn wie o.g. Stichwort auch ohne Foto beweist – ermöglichen, ja erzwingen die Bildmanipulationen doch einen ganz neuen Blick auf die Ikonen der Fotogeschichte.

„IV. Die Evidenz der Dokumente und die Obession des Sammelns“ spiegelt selbstmurmelnd ebenjene. Wobei etwa Bogomir Ecker für „Archäologen der Flohmärkte und Archive“ steht, während die Vitrine von Claire Strand mit ihren während vieler Jahre gesammelten Bildmotiven ein hinreißendes Beispiel für das Themenfeld „Erfundene Wissenschaft“ ist.

Besonders viel Zeit nehmen sollte man sich freilich für den leseintensiven Ausstellungsteil „Manifeste“, der in Zusammenarbeit mit dem Fotomuseum Winterthur entstand.

(Mis)Understanding Photography – bis 17. August im Museum Folkwang Essen

Jeweils auf einer Wandfläche werden Pamphlete und Essays, Positionen und Forderungen von fast 60 Fotografen und Künstlern präsentiert. Wobei die Kuratoren die gesamte Fotogeschichte von Daguerre 1839 über Francis Frith (The Art of Photography, 1859) und die üblichen Verdächtigen (Man Ray, Otto Steinert, John Heartfield etc.) bis hin zu Hossam el-Hamalawy (The Revolution will be flickrised, 2011) grandios Revue passieren lassen.

Für manche verblüffend dürfte sein, wie aktuell viele Fragen auch heute noch sind – bittschön lesen:

(Mis)Understanding Photography – bis 17. August im Museum Folkwang Essen

Seine spitze Antwort auf die augenscheinlich zeitlose Frage „Wer ist ein Amateurphotograph?“ gab Oscar Krifka übrigens schon 1886.

Die Ausstellung „(Mis)Understanding Photography – Werke und Manifeste“ endet mit einer Einladung von Erik Kessels und dem Museum Folkwang:

„Wall of You – Dein Leben in einem Bild“„Schau ganz genau hin, und Du wirst das Bild finden, das am besten zeigt, wer Du bist. Auch wenn dieses Bild anderen unwichtig vorkommen mag, vielleicht banal,  kann die Geschichte, die es erzählt, seine vermeintliche Banalität in etwas Großartiges oder Tragisches verwandeln. Mit anderen Worten: Gesucht wird ein einzelnes Foto, das von großer Wichtigkeit für Dich ist.  Wir laden Dich ein, jenes Bild, das mehr als jedes andere Bild über Dich aussagt, zusammen mit seiner Geschichte einzureichen. Das Bild wird anonymisiert in der Austellung (Mis)Understanding Photography  gezeigt, wo Fotos von bekannten Fotografen und Künstlern mit denen des Publikums vermengt werden.

Dein Bild kannst Du (bitte nicht den Absender vergessen) … per E-Mail einsenden an
[email protected]
Wir freuen uns auf Eure Bilder!
Erik Kessels und Florian Ebner“

Schließen möchte ich mit einem Bild, an das man immer denken sollte:

(Mis)Understanding Photography – bis 17. August im Museum Folkwang EssenBesucherinformationen:

(Mis)Understanding Photography
Werke und Manifeste
14. Juni – 17. August 2014

Museum Folkwang
Museumsplatz 1
D-45128 Essen

Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 10 – 18 Uhr
Freitag 10 – 22 Uhr

Eintritt:
Standard 8,00 €,  ermäßigt 5,00 €
Familienkarte Folkwang 1: 16,50 €
Familienkarte Folkwang 2: 8,50 €

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung unseres Forenmitglieds jazzmasterphoto. Vielen Dank,  Sven!

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