Edward Steichen

Man darf ohne Übertreibung sagen, dass Edward Steichen (*27. März 1879 in Bivange / Luxemburg, † 25. März 1973 in West Redding, Connecticut / USA) eine der Schlüsselfiguren in der Geschichte der Fotografie ist.

Edward Steichen
Bild: F. Holland Day [Public domain], via Wikimedia Common

Edward Steichen und der Pictorialismus
1881 wandert die Familie Steichen nach Amerika aus. Edward Steichen absolviert eine Ausbildung zum Lithographen und studiert Malerei. Seine ersten Fotografien fertigt Steichen bereits 1895 an und macht die Bekanntschaft von Alfred Stieglitz, der ihn ermuntert und fördert. Beide gemeinsam gründen 1902 die Photo-Secession, einen Club, der sich dem Pictorialismus, also der Fotografie als Kunstform widmet. Steichen verhilft dem Pictorialismus zu einem Aufschwung: seine stimmungsvollen Bilder mit den typischen Merkmalen dieser Ausrichtung (Landschaften, Portaits und Aktfotografie mit geringer Konturenschärfe, diffusem Licht und fließenden, unscharfen Übergängen) werden vielfach in der Clubzeitschrift Camera Work veröffentlicht.

1. Weltkrieg
Mit Beginn des 1. Weltkriegs werden viele Vertreter des „romantisch angehauchten“ Pictorialismus von der Wirklichkeit eingeholt. Auch Steichen ergeht es so; er wendet sich der Kriegsfotografie zu und agiert in beiden Weltkriegen als Kriegsreporter und Kurator entsprechender Fotoausstellungen.

Major Steichen and Base Photo Section at Headquarters, Air Service, Paris, France. Air Service Photographic Section.... - NARA - 512865
Major Steichen and Base Photo Section at Headquarters, Air Service, Paris, France. Air Service Photographic Section., ca. 1918 – ca. 1919. Bild von Unbekannt [Public domain], via Wikimedia Commons

Der Modefotograf
Nach einigen ruhigen Jahren in Frankreich beginnt Steichen 1923 in den USA seine Karriere als  Modefotograf für den Verlag Condé Nast, insbesondere für die Magazine Vanity Fair und Vogue. Auch hier ist seine Fotografie richtungsweisend. Schnell wird er zum teuersten und bekanntesten Mode- und Portraitfotografen und fotografiert u.a. Greta Garbo, Marlene Dietrich und Charlie Chaplin. Beispiele seiner Arbeiten aus dieser Zeit sind aktuell noch bis zum 19. Oktober 2014 in der Ausstellung Zeitlos schön in Zürich zu sehen.

2. Weltkrieg
Im zweiten Weltkrieg wieder als Kriegsfotograf tätig, produziert Steichen für die U.S. Navy  den amerikanischen Dokumentarfilm „The Fighting Lady“, der den Dienst, den Alltag, aber auch die Missionen auf einem Flugzeugträger begleitet. Der Film wird 1945 mit einem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet.

Wer etwa eine Stunde Zeit mitbringt, kann den Film hier anschauen:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Der Kurator
Von 1947 bis 1962 ist Steichen Direktor der Fotoabteilung des New Yorker Museum of Modern Art. Dort kuratiert er 1955 die wohl meistgesehene Fotografieausstellung unserer Zeit „The Family of Man“. Nach den vorhergehenden Kriegserfahrungen einer ganzen Generation ist es das Anliegen dieser Ausstellung und insbesondere das ihres Kurators, deutlich aufzuzeigen, dass Mitgefühl und Liebe Zerstörung, Gewalt und Hass verhindern können. 503 Aufnahmen von 273 Fotografen wie Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Dorothea Lange, Robert Doisneau, August Sander oder Ansel Adams aus 68 Ländern trägt er als Manifest für den Frieden zusammen.  Es sind Momentaufnahmen mit großen Emotionen, die auch heute noch die Betrachter berühren. Nicht wenige davon sind Ikonen der Fotografiegeschichte.

Front_page_of_exhibition__The_Family_of_Man__catalog
von Dinales (Eigenes Werk) [CC-BY-SA-3.0 (https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)], via Wikimedia Commons

„The Family of Man“ ist seit 2003 UNESCO Weltdokumentenerbe und nach den verschiedensten Reisen zu insgesamt 150 Ausstellungorten seit 1974 als Dauerausstellung in Luxemburg im Schloss Clerveaux zu sehen. Eine weitere von Steichen kuratierte Ausstellung wird ebenfalls in Luxemburg gezeigt: „The Bitter Years“ – Bilder des ländlichen Amerika von Fotografen der Farm Security Administration aus der Zeit von 1935 bis 1941. Zu den beiden Ausstellungen gibt es eine hervorragende Website mit viel Bildmaterial und Informationen für Besucher.

Am 25. März 1973 stirbt Edward Steichen in West Redding, Connecticut / USA.

Steichen war nicht nur Fotograf und Kurator, er betätigte sich auch als Editor, Gartenbauarchitekt, Unternehmer, Förderer und Schausteller.  Auch seine Motive waren vielfältig und in sehr unterschiedlichen Bereichen angesiedelt: Portrait, Akt, Pflanzen, Mode, Tanz, Theater, Stilleben, Landschaft und Natur faszinierten ihn gleichermaßen.

Edward Steichen (American - Moonlight- The Pond - Google Art Project
Moonlight: The Pond von Edward Steichen (American, 1879 – 1973) (photographer, Details of artist on Google Art Project) [Public domain], via Wikimedia Commons

Der Wechsel von der künstlerischen zur kommerziellen Fotografie ist kennzeichnend für das Spannungsfeld, in dem Steichen Zeit seines Lebens als Fotograf stand. Von Vertretern beider Seiten als polarisierend wahrgenommen, wurde er entweder angefeindet oder belächelt, versuchte jedoch stets (aus heutiger Sicht erfolgreich), beide Konzepte in seinen Arbeiten miteinander zu vereinen. Er war einer der ersten Fotografen, die den Brückenschlag zwischen kreativer und kommerziell-redaktioneller, rein abbildender Fotografie schafften. In Europa nur über wenige Ausstellungen wahrgenommen, ist sein Schaffen in den USA bis heute wegweisend und weit bekannt.

1963 entstand die folgende sehenswerte Dokumentation über und vor allem mit Edward Steichen:

YouTube

Mit dem Laden des Videos akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von YouTube.
Mehr erfahren

Video laden

Add to Flipboard Magazine.

Letzte Artikel von Anja Anton-Hoenen (Alle anzeigen)