Grosse Fotografen: James Nachtwey

 

James Nachtwey ist einer der bekanntesten Kriegsfotografen unserer Zeit. Sein großer Verdienst ist es, uns alle immer wieder eindrücklich darauf hinzuweisen, dass Krieg ist – immer, irgendwo. Seine Bilder sind eindringlich, naturgemäß Momentaufnahmen und sehr nah dran am Geschehen.

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James Nachtwey wurde am 14.03.1948 in Syracruse (USA) geboren. Er studierte am Darthmouth College in New Hampshire Kunstgeschichte und Politikwissenschaften und entschloss sich bereits während des Studiums, Fotograf zu werden. Nach dem Studienabschluss jobbte er auf Handelsschiffen und als Lastwagenfahrer, bis er Assistent eines Nachrichtenredakteurs des Fernsehsenders NBC wurde. Die Fotografie erlernte er autodidaktisch und orientierte sich an Vorbildern wie Henri Cartier-Bresson, Josef Koudelka und Don McCullin.

1976 begann er seine Karriere als Lokalfotograf in Mexiko. Ab 1980 war er freier Fotograf in New York, von 1985 bis 2001 gehört er der renommierten Agentur Magnum an, anschließend bis 2011 der Agentur VII.

Die erste Reportage entstand 1981: Nachtwey dokumentierte die Unruhen in Belfast. Seitdem ist er in den Krisenherden der Welt unterwegs: im Nahen Osten, in Afrika, den lateinamerikanischen Ländern und den Ländern des ehemaligen Ostblocks. 9/11 erlebte er als Augenzeuge und natürlich mit der Kamera.

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1985 schrieb Nachtwey über seine Tätigkeit:

Warum fotografiere ich den Krieg?
Kriege gibt es, seit es Menschen gibt. Und je „zivilisierter“ Menschen werden, desto wirksamer, desto grausamer werden ihre Methoden zur Vernichtung von Mitmenschen. Auch heute ist Krieg auf der Welt. Und es gibt wenig Grund zu hoffen, dass sich das ändern wird.
Kann Fotografie etwas ausrichten gegen ein menschliches Verhalten, das die Geschichte überdauert? Eine geradezu lächerlich überzogene Vorstellung, sollte man meinen. Und doch ist es genau diese Vorstellung, die mich antreibt, Krieg zu fotografieren.“ 

Im Grunde beinhalten diese wenigen Sätze alles, was James Nachtwey in seiner Tätigkeit ausmacht. Er ist immer auf Augenhöhe, immer nah dran. Er benutzt Weitwinkel- statt Teleobjektive; er produziert lieber Serien, die einen Zusammenhang schaffen denn Einzelbilder. Nicht nur physisch ist er dem Geschehen nahe, auch emotional. Menschen, die mit ihm gearbeitet haben, bescheinigen ihm, immer mittendrin zu sein, nie nur als Unbeteiligter zu dokumentieren. Einen von einem Mob gehetzten Menschen versucht er zu retten, indem er sich mehrfach vor den Verfolgern auf die Knie wirft und um Gnade bittet – vergebens. Was bleibt ihm übrig, wenn er etwas bewegen will, als die Bilder zu veröffentlichen? Seinen Bildern sieht man sie an, diese Nähe. Und genau deswegen sind sie so berührend.

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Freunde, Bekannte und Kollegen bezeichnen Nachtwey als ruhigen, eher scheuen und grüblerischen Menschen, der erstaunlicherweise über seine Erlebnisse nicht zynisch geworden sei. Eine Familie und ein richtiges Zuhause gibt es nicht.

Von 1999 an begleitete der Schweizer Filmregisseur und -Produzent Christian Frei James Nachtwey zwei Jahre lang in Indonesien, Kosovo, Palästina und anderen Orten und produzierte den 2001 erschienenen Dokumentarfilm „War Photographer„. 2002 wurde der Film für den Oscar in der Kategorie „Bester Dokumentarfilm“ nominiert.

Das Filmplakat zitiert James Nachtwey:

„Jede Minute an diesem Ort denke ich an Flucht.
Ich will das nicht mit ansehen.
Soll ich weglaufen oder soll ich mich der Verantwortung stellen,
mit meiner Kamera alles festzuhalten?“

Der Film nimmt den Zuschauer mit, im doppelten Wortsinne. Frei benutzte Mikrokameras, die auf die Kamera Nachtweys montiert wurden. Jedes Atmen, jedes Auslösegeräusch ist zu hören.

Der Film ist mittlerweile auf Vimeo freigegeben (danke für den Tipp!), allerdings auf englisch ohne Untertitel:

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Das folgende englischsprachige Video zeigt James Nachtwey bei der Verleihung eines Preises von TED. Achtung: in dem Video werden auch Bilder von James Nachtwey gezeigt, die erschüttern und tief berühren können; Bilder von verletzten und sterbenden Menschen, Bilder von Gewalt. Das Video ist jedoch ohne Altersbegrenzung freigegeben.

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Nachtwey engagiert sich nicht nur in den Krisengebieten der Welt. Auch dort, wo kein Krieg, aber andere Missstände herrschen, ist er präsent. Sei es die Armut in Asien oder Aids in Afrika: es bewegt ihn und er versucht, diese Bewegung weiterzugeben.

Lassen wir ihn zum Abschluss noch einmal selbst zu Wort kommen. Beim Aufrufen seiner Homepage begrüßt Nachtwey seine Besucher mit dem Zitat:

„I have been a witness, and these pictures are

my testimony. The events I have recorded should

not be forgotten and must not be repeated.“

Bilder mit freundlicher Genehmigung von Kool Filmdistribution, der für den Filmverleih von „War Photographer“ in Deutschland zuständigen Firma.

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