Eine Weihnachtsgeschichte

Anja HoenenWeihnachten ist eine besondere Zeit. Von den einen freudig erwartet, von anderen als schmerzhaft oder unangenehm empfunden. Wie auch immer Ihr es seht, für alle von Euch haben wir als Weihnachtsgruß eine ganz besondere Weihnachtsgeschichte – geschrieben von Samuel Amsler, unserem geschätzten Referenten und Freund, und wie immer unvergleichlich.

Unseren Community-Mitgliedern und Kooperationspartnern danken wir herzlich für das Vertrauen, die Zusammenarbeit, die Besuche in der Bild-Akademie, für Feedback und Anregungen. Alles davon ist für uns sehr wichtig und wir sind dankbar dafür. Wir wünschen Euch und Ihnen ein frohes und gesegnetes Weihnachtsfest und einen guten Übergang in das neue Jahr 2015!

Und nun geht es los mit Sams Geschichte:

Ben der Rabe – oder die Geschichte vom Silberstreifen am Horizont…

Diese Geschichte entstand heute Morgen auf einem langen Spaziergang. Unsere Kinder liebten immer Geschichten, welche nicht in einem Buch zu finden sind. So musste ich viele, viele Geschichten ad hoc erfinden und sie ihnen erzählen….

Und vielleicht ist so eine Weihnachtsgeschichte entstanden, ad hoc, heute Morgen, welche Ihr gerne weiter erzählen dürft.

Ben der Rabe – oder die Geschichte vom Silberstreifen am Horizont

Ben war ein alter Rabe. Bald, das wusste er, würde er von seinem Leben hier auf Erden Abschied nehmen müssen. Ben führte ein gutes Leben. Na ja, halt ein Rabenleben mit den üblichen familiären Hochs und Tiefs. Aber dennoch war Ben immer besorgt die Truppe beisammen zu halten und wenn es Streit gab, dann versuchte er immer wieder zu schlichten. So führten sie an und für sich ein tolles und abwechslungsreiches Leben, Ben und seine Rabenfamilie.

Eines Tages beobachtete Ben, dass die Menschen in der Stadt wie wild umherrannten. Er flog auf einen Baum und lauschte den Gesprächen. Es sei, so vernahm er, eine Volkszählung im Gange und jeder müsse sich in seiner Heimatstadt registrieren gehen. So mussten viele Menschen ein paar Sachen packen und sich auf den Weg machen, irgendwohin um sich registrieren zu lassen. Ben verstand das nicht. Raben würde man auch nicht zählen und wenn man gemeinsam entschloss, von einem Ort wegzuziehen, dann tue man das einfach. Ben wunderte sich manchmal über die Menschen.

Er sass noch eine Weile auf dem Baum, hörte den Menschen zu und wollte gerade zu seiner Familie zurückkehren. Da sah er ein Mann welcher einen Esel führte. Und auf dem Esel sass eine Frau mit dickem Bauch. Oh, das geht nicht mehr lange, dachte Ben, und dann gibt es Nachwuchs. Doch irgend etwas liess ihn inne halten. Irgend etwas sagte ihm, dass er der kleinen Karawane folgen muss. Schnell flog er zur seiner Familie und sagte, dass er nun gehe. Er würde wieder kommen, vielleicht, aber er müsse diesem Paar folgen. Die anderen wussten, dass sie Ben nicht aufhalten konnten. Sie liessen ihn ziehen und wünschten ihm alles Gute. Ben fand die kleine Karawane schnell wieder. Sie waren daran ihre Stadt zu verlassen und gingen langsam in Richtung einer andern. Den ganz Tag wanderten sie, es war heiss und Ben suchte immer wieder schattige Plätzchen um sich etwas auszuruhen. Langsam wurde es Abend. Ben erblickte die Stadt, in die das Paar mit der schwangeren Frau wollte. Er begleitete sie hinein. Die Frau blieb auf dem Esel sitzen und der Mann ging in ein Haus. Nach einer Weile kam er hinaus, sagte etwas zu seiner Frau und sie gingen weiter. Der Weg führte sie wiederum aus der Stadt. Ben war müde, merkte aber auch, dass die Menschen und der Esel ebenfalls am Rande ihrer Kräfte waren.

Plötzlich sah Ben eine Scheune. Er flog auf das Dach und krächzte laut. Irgend wie wollte er sich nicht bemerkbar machen, aber irgendwie fühlte er sich gedrängt, die kleine Karawane auf die notdürftige Unterkunft aufmerksam machen zu müssen. Der Mann blickte auf, sah die Scheune und lächelte. Er stupste die Frau auf dem Esel leicht an und zeigte mit seinem Wanderstock in Richtung der Scheune. Dann lächelte auch sie. Ben freute es riesig als sie vor der Scheune angekommen waren. Gleich flog er durch eine kleine Lucke in das Innere der Scheune und setzte sich an einem dunklen Ort auf einen Balken. Die Frau und der Mann traten herein und schauten sich um. Sofort machte sich der Mann daran, etwas Stroh zu einem Schlafplatz her zu richten. Sie teilten sich noch ein Stück Brot und legten sich dann hin. Ben war mittlerweile auch eingeschlafen. Mitten in der Nacht aber erwachte er. Es war plötzlich hell im Stall und es schien, dass alles so anders war. Von seinem dunklen Versteck sah er, dass in der Mitte des Stalles in einer Futterraufe ein Gesichtchen herausguckte. Oh, was habe ich gesagt, dachte Ben, es geht nicht mehr lange. Ben schaute das Kind lange an. Der Stall erschien immer noch in einem hellen Licht, obwohl er durch eine kleine Ritze im Dach in die dunkle Nacht hinaus sah. Er war schon wieder leicht eingenickt, als er Schritte und Stimmen draussen vernahm. Die Scheunentüre ging auf und drei wunderschön farbig gekleidete Menschen kamen herein. Sie legten den Mantel ab, gingen zur Futterraufe und knieten nieder. Jeder brachte ein schönes Geschenk mit,. Sie legten es vor dem Kinde hin, beteten lange und verschwanden dann leise wieder. Ben sah der Szene verwundert zu. Das muss ein spezielles Kind sein, dachte er und plötzlich war ihm, als wollte er dem Kind auch etwas schenken. Aber was schenkt ein Rabe schon einem Kind? Er sah sich um. In die Nacht hinaus fliegen und etwas suchen, das würde nichts bringen. Als musste er hier im Stall etwas finden. Dort am Boden, nahe der Scheunentür glitzerte etwas. Er flog leise hin und sah einen orange-goldenen Faden. Es war ein Faden von einem Mantel, welche die drei Männer am Eingang abgezogen hatten. Schnell nahm er den Faden in den Schnabel, flog zur Futterraufe hin und legte den Faden auf die Brust des kleinen Kindes. Er wollte schon wieder wegfliegen, als das Kind die Augen öffnete und Ben betrachtete. Ben war ergriffen vom Blick dieses Kindes und er meinte zu sehen, dass das Kind ihm zu blinzelte, als ob es ihm danken wollte.

Schnell flog Ben wieder auf den Balken in der Scheune wo ihn niemand sah. Er hatte sich noch nie so glücklich gefühlt wie jetzt und er konnte nicht schlafen. Er bemerkte auch nicht, dass noch mehr Menschen zum Kind kamen. Er musste eingeschlafen sein, der alte Ben. Noch vor Sonnenaufgang nahm er wahr, dass der Mann und die Frau aufgestanden sind und sich auf den Weg machten. Ben merkte, dass er ihnen nicht mehr folgen konnte. Seine Kräfte verließen ihn. Dennoch flog er noch zum Baum vor der Scheune und wartete bis die Sonne aufging. Es war ein wolkiger Morgen und Ben wollte eigentlich noch einmal die Sonne sehen. Enttäuscht schloss er die Augen. Aber als er sie erneut öffnete, da sah er den orangen goldigen Streifen am Himmel.

Und er hatte genau dieselbe Farbe des Fadens, welchen er im Stall gefunden und dem Kind auf die Brust gelegt hatte. Ben erfüllte dieser Anblick mit grossem Glück und unendlicher Freude. Und er wusste, dass es das Kind war, welches ihm für seine letzte Reise jene Farbe zurück gab, die er dem Kind in der Nacht geschenkt hat. Er sah noch wie sich der Himmel öffnete, die Wolken wichen. Ein letztes Mal hob er die Flügel und flog dem Himmel und dem Licht entgegen.

*****

Ja. Diese Geschichte steht in keinem Buch. Aber daraus hat sich der Satz gebildet: „der Silberstreifen am Horizont“. Und der Silberstreifen am Horizont ist damals entstanden und soll uns Menschen immer wieder daran erinnern, dass es Hoffnung und Licht gibt. Auch wenn der Himmel noch so bewölkt ist. Und wenn Ihr die nächsten Tage spazieren geht, dann achtet auf die Silberstreifen. Sie sind immer und überall zu finden. Und dann kommt Euch vielleicht die Geschichte mit Ben wieder in den Sinn …

In diesem Sinne wünsche ich Euch für die kommenden Festtage ganz viel Licht und ganz viel Silberstreifen …

Bilder und Text mit freundlicher Genehmigung von Samuel Amsler.

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Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen