Meinrad Schade – Krieg ohne Krieg

Ebenfalls in Winterthur, jedoch in der Fotostiftung Schweiz, gibt es eine völlig andere, nicht weniger tiefgehende Ausstellung mit Bildern von Meinrad Schade.

Meinrad Schade – Krieg ohne Krieg

«Vor, neben und nach dem Krieg – Spurensuche an den Rändern der Konflikte». Er bereiste Regionen im heutigen Russland und in Staaten der ehemaligen Sowjetunion, in Israel und im Westjordanland, um sich in engagierten Essays mit ehemaligen, noch schwelenden und vielleicht wieder ausbrechenden Konflikten zu befassen. Diesem Projekt ist die neue Ausstellung in der Fotostiftung Schweiz gewidmet.

Meinrad Schade ist kein Kriegsfotograf im klassischen Sinn. Er fotografiert nicht an den Brennpunkten kriegerischer Auseinandersetzungen, um die Sensationspresse mit gewalttriefenden  Bildern zu bedienen. Diesem heute auch im Internet florierenden «Markt» widersetzt er sich bewusst – einerseits, weil er schlicht den Mut zur knallharten Kriegsfotografie nicht hätte, und andererseits, weil er die aufklärende oder abschreckende Wirkung von Bildern dieses Genres in Frage stellt. Schade arbeitet langsam und über längere Zeit. Er konzentriert sich auf die Nebenschauplätze von Konflikten, auf Orte, die von den Medien übergangen oder wieder vergessen wurden. So reist er 1999 auch nicht direkt ins Kriegsgebiet im Kosovo, sondern fotografiert die Flüchtlinge, wie sie in der Schweiz ankommen und durchs Aufnahmeprozedere geschleust werden, und Kriegs- und Folteropfer, die in der Schweiz medizinisch betreut werden.

2003 beginnt Schade sein Langzeitprojekt mit einer weiteren Flüchtlingsgeschichte. Diesmal geht es um Menschen, die sich vor dem Tschetschenienkrieg nach Inguschetien in Sicherheit gebracht haben – eine trügerische Sicherheit, wie sich herausstellen sollte. 2007 und 2009 folgen Aufenthalte in Kiew und Wolgograd (dem ehemaligen Stalingrad), wo Schade Museen, Gedenkstätten und Denkmäler fotografiert, an denen der «Große Vaterländische Krieg», wie der Zweite Weltkrieg in der ehemaligen Sowjetunion genannt wird, erinnert wird. Im Jahr darauf besucht er das ehemalige Atomwaffentestgelände «Polygon Semipalatinsk» im Osten Kasachstans, auf dem während des Kalten Krieges über 500 Atomwaffentests durchgeführt wurden. Die katastrophalen Folgen sind heute noch in der trostlosen Steppenlandschaft und in vielen nicht minder trostlosen Gesichtern der direkt betroffenen Menschen ablesbar.

Und 2011 und 2012 fotografiert er im abgelegenen Nagorny-Karabach, einem Land, das sich nach dem Zerfall der Sowjetunion mit Waffengewalt von Aserbaidschan abspaltete. Die Folgen waren auch hier für Hunderttausende von Menschen eine existenzielle Katastrophe, nicht zuletzt für die, die sich selbst «befreit» hatten. Sie leben zwar heute in einer Art eigenem Staat, doch wird dieser international von niemandem anerkannt. Isoliert und umstritten – ein nächster Krieg scheint unausweichlich zu sein. Dasselbe gilt für die Situation in Israel und die palästinensischen Gebiete, wo Schade seit 2013 sein Projekt weiterführt.

Meinrad Schade versucht sich in alle diese Krisensituationen einzufühlen, hört zu, beobachtet, bezieht einen Standpunkt und entwickelt eine Perspektive – immer eine sehr persönliche. Unbestechlich und präzise zeigt er die Spuren der Konflikte, die sich in den Landschaften, Städten und Dörfern eingeschrieben haben. Er gibt den körperlich und seelisch geschädigten Menschen ein Gesicht und beobachtet jene kritisch, die heil davon gekommen sind und stolz ihre früheren Siege feiern. Schade entwirft ein beunruhigendes Bild eines labilen existenziellen Zustands zwischen Katastrophe und Normalität. Er versucht, größere Zusammenhänge zu ergründen, die überall ähnlich sind, sei es in Osteuropa oder in Israel und den palästinensischen Gebieten.

Seit einiger Zeit fotografiert Meinrad Schade auch andere, von einem Massenpublikum frequentierte Kriegs-Schau-Plätze, an denen – entweder mit offenen wirtschaftlichen Interessen oder unter dem Deckmantel der historischen Aufklärung – Kriege realitätsnah inszeniert werden: die Waffenmesse «Eurosatory» in Paris und die «War & Peace Show» im englischen Beltring. Einerseits zeigt Schade mit seinen Bildern auf, dass es vor allem auch das Geld ist, das dafür sorgt, dass weltweit die Reihe der Kriege nicht abbricht. Und andererseits weist er darauf hin, dass in unserer Gesellschaft eine tief verwurzelte Faszination für Krieg und Gewalt existiert, die auch seine eindringlichen Bilder – und dessen ist sich Meinrad Schade bewusst –  nicht aus der Welt schaffen werden.

Begleitpublikation:
Parallel zur Ausstellung erscheint im Verlag Scheidegger & Spiess (Zürich) das von Nadine Olonetzky herausgegebene Buch Krieg ohne Krieg – Fotografien aus der ehemaligen Sowjetunion mit Texten von Nadine Olonetzky, Fred Ritchin, Michail Schischkin und Daniel Wechlin. Hardback, ca. 270 Seiten, 163 Illustrationen, vierfarbig, im Shop CHF 50.00 (im Buchhandel CHF 59.00).

Reportagen Extra:
Zur Ausstellung erscheint eine Sonderausgabe des Magazins Reportagen (März 2015) mit einer Palästina-Reportage von Christian Schmidt, Fotografien von Meinrad Schade und Bildbetrachtungen von Daniele Muscionico.

Besucherinformationen

Fotostiftung Schweiz
Grüzenstrasse 45, CH-8400 Winterthur (Zürich)
Telefon  +41 52 234 10 30
Infoline +41 52 234 10 34
Fax      +41 52 234 10 40
[email protected]

Ausstellungsdauer: 7. März bis 17. Mai 2015
Öffnungszeiten: Di bis So 11-18 Uhr, Mi 11-20 Uhr, Mo geschlossen 
Eintritt: CHF 10.-, ermässigt CHF 8.-

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung der Fotostiftung Schweiz.

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