Picasso in der Kunst der Gegenwart

Anja HoenenPicasso? Das war doch ein Maler. Was hat er in einer Ausstellungsankündigung auf einem Fotografie-Blog zu suchen? Nun, die Deichtorhallen in Hamburg zeigen nicht ein einziges Werk von Picasso, dafür aber Arbeiten von Künstlern, die sich mit ihm beschäftigen. Darunter sind auch viele Bilder aus der fotografischen Sammlung F. C. Gundlach. Wir meinen: unbedingt empfehlenswert!

Picasso in der Kunst der Gegenwart

Anlässlich ihres 25-jährigen Bestehens und als spektakuläre Eröffnungspräsentation in der aufwendig sanierten und modernisierten Halle für aktuelle Kunst zeigen die Deichtorhallen Hamburg eine groß angelegte Ausstellung zum Thema »Picasso in der Kunst der Gegenwart«. Zeitgleich zum 25-jährigen Jubiläum der Deichtorhallen jährt sich mit dieser Schau die erstmalige Präsentation von Picassos »Guernica« als bedeutendste Antikriegsikone der Moderne in Deutschland mit den damaligen Stationen München, Köln und Hamburg zum sechzigsten Mal.

Die hochkarätige Schau zu Picasso und seinen Folgen für die Kunst versammelt rund 200 Leihgaben von 90 internationalen Künstlerinnen und Künstlern und wird in einer beeindruckenden Rauminszenierung auf rund 3.000 m² Ausstellungsfläche präsentiert.

WARUM PICASSO?
In der Geschichte der Kunst gibt es keinen Künstler, dessen unerhörter, immer wieder beschworene Form und Ausdruckskraft jemals soviel Aufmerksamkeit gewidmet wurde wie der Picassos – kein Künstler des 20. Jahrhunderts genießt in der öffentlichen Wahrnehmung so große Beachtung wie Picasso – kein anderer moderner Künstler lockt weltweit Millionen von Besuchern in Ausstellungen. Picasso verkörpert die Kunst des 20. Jahrhundert. Dieses von den Deichtorhallen Hamburg über zwei Jahre wissenschaftlich erarbeitete Projekt (Kurator: Dirk Luckow) nimmt eine Untersuchung der Auswirkungen und Folgen von Picasso auf die Gegenwartskunst vor, die bis heute weit unterschätzt werden. Die daraus resultierende Ausstellung wird dabei kein einziges Original von Pablo Picasso enthalten – zugleich ist Picasso als Inspirationsquelle in allen Werken präsent.

Wie sich in den teils euphorischen Reaktionen der eingeladenen Künstlerinnen und Künstler zeigt, trifft die Ausstellung einen Nerv, der deutlich die Aktualität und Notwendigkeit einer Aufarbeitung der künstlerischen Picasso-Rezeption zeigt.

EIGENE BESTÄNDE ALS AUSGANGSPUNKT DER AUSSTELLUNG
Die Deichtorhallen Hamburg, die seit nahezu 25 Jahren mit spektakulären Wechselausstellungen zu einem der wichtigsten Ausstellungsorte Deutschlands avanciert sind, verfügen seit einiger Zeit über zwei bedeutende Sammlungskomplexe; die fotografische Sammlung F. C. Gundlach, die im Haus der Photographie beherbergt ist sowie die Sammlung Falckenberg, die mit ihren eigenen Ausstellungsräumen in den Phönix-Hallen in Harburg den Deichtorhallen zu einem dritten Standort verholfen hat. Aus beiden Sammlungen werden in der Ausstellung maßgebliche Picasso-bezogene Werke gezeigt, fotografische Arbeiten u.a. von Erwin Blumenfeld, Jacques-Henri Lartigue, Gijon Mili, Madame d’Ora, Irving Penn, André Villers, Joel Peter Witkin. Aus der Sammlung Falckenberg wird ein großer Werkkomplex des Künstlerduos Clegg + Guttman sowie ein wichtiges Werk von Peter Saul vertreten sein. Da die Deichtorhallen Hamburg keine Möglichkeit haben, ihre Sammlungsobjekte im Rahmen einer Dauerpräsentation permanent der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, ist diese kunsthistorisch umfassende Ausstellung eine äußerst willkommene Gelegenheit, den Facettenreichtum der beiden Sammlungen zu dokumentieren.

PICASSOS WIRKUNG UND BEDEUTUNG FÜR NACHFOLGENDE KÜNSTLERGENERATIONEN
Das Spiel mit dem Vorbild, mit den großen Vorläufern der eigenen Gattung hat Picasso selbst bis zuletzt umgetrieben; diese Art originär künstlerischen Diskurses schreibt die Ausstellung bis heute fort. Alle großen Stoffe und Schaffensphasen Picassos treten in der Ausstellung wieder auf: die Blaue Periode und die damit verbundenen Themen wie Einsamkeit und soziales Elend, aber auch belebtere Motive aus der Rosa Periode wie Zirkuswelt, Harlekin oder Seiltänzer. Darüberhinaus regte »Les Desmoiselles d’Avignon« als erstes kubistisches Bild und Picassos Werke der zwanziger und dreißiger Jahre, in denen Picasso die strengen kubistischen Elemente mit weiten, sanften und runden Kurven kombinierte, Künstler seit der Generation der Abstrakten Expressionisten zu Reaktionen an. Andererseits mündeten Picassos aggressive Deformationen ebenfalls aus den 1930er Jahren, die im anklagenden Antikriegsbild »Guernica« gipfelten, in einer spektakulären Folge politischer Bildsetzungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts bis heute.

Die große Faszination, die Picassos Werk auf viele der namhaftesten Gegenwartskünstler weltweit – zwischen Aneignung und Abgrenzung bzw. Neuinterpretation, Herausforderung und Ansporn – seit Jahrzehnten ausübt, wird genauso beleuchtet wie die Veränderungen kultureller und gesellschaftlicher Vorzeichen in der Rezeption des Picasso’schen OEuvres. Dabei haben alle für die Ausstellung ausgewählten Künstlerinnen und Künstler Eines gemein, nämlich ihren Willen, sich mit Picasso und seinem Werk zu messen, mit seiner listigen Intelligenz, dem Kämpferischen, seinem Genius. Künstler wie Martin Kippenberger oder David Hockney, Hanne Darboven, John Stezaker oder Cindy Sherman verfolgen grundlegend unterschiedliche künstlerische Ansätze und reagieren doch alle gleich intensiv auf Picassos epochales Werk und seine Übermacht in der Kunstwelt. Viele der ausgewählten Arbeiten sind das Gegenteil eines pietätvollen Umgangs mit
Leben und Werk des brillanten Jahrhundertkünstlers. Die Ausstellung »Picasso in der zeitgenössischen Kunst« bringt somit Licht in den Wandel der künstlerischen Rezeption von Picassos Werken, die 1914 mit dem Gemälde Hommage à Picasso von Paul Klee einsetzt.

Der Schwerpunkt der Ausstellung liegt allerdings auf den letzten 50 Jahren künstlerischen Schaffens einsetzend mit Werken von Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Claes Oldenburg, Asger Jorn und Jasper Johns. Die große Sinnlichkeit und schier unerschöpfliche Imaginationskraft, die Spannbreite von Picassos Werk zwischen Abstraktion und Figur, künstlerischer Kreativität und politischer Anklage fordern diese Künstler – teilweise noch im Wettbewerb mit dem Jahrhundertgenie zu Lebzeiten – zu besonders spannungsreichen Dialogen mit dem Phänomen Picasso heraus.

Andererseits enthält die Ausstellung zahlreiche neue, eigens für diese Ausstellung produzierte Arbeiten beispielsweise von Thomas Houseago, der Künstlergruppe Gelitin, Robert Longo oder John Stezaker sowie noch nie gezeigte Entdeckungen wie z.B. die Frühwerke von Jonathan Meese, die sich explizit auf Picasso beziehen.

Katalog
Begleitend wird ein umfassender Katalog mit Abbildungen aller ausgestellten Arbeiten in deutscher und englischer Sprache erscheinen. Zahlreiche Essays von namhaften Autoren werden die Ausstellung wissenschaftlich untermauern. »Picasso und die Folgen, warum übt Picasso bis heute einen so großen Einfluss auf Künstler aus?«. ca. 416 Seiten, 48,- Euro

Besucherinformationen

Deichtorhallen Hamburg
Haus der Photographie
Deichtorstraße 1-2, 20095 Hamburg
Tel +49 (0)40 32103-0
Fax +49 (0)40 32103-230
mail(at)deichtorhallen.de

Ausstellungsdauer: bis 12. Juli 2015
Öffnungszeiten: Di bis So 11−18 Uhr, jeden 1. Do im Monat 11−21 Uhr
Feiertage: Karfreitag, Ostersonntag und -montag, Pfingstsonntag und -montag, Christi Himmelfahrt, 1. Mai 11-18 Uhr
Eintritt: 10 Euro, ermäßigt 6 Euro

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Deichtorhallen Hamburg.

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Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
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