Globalisierung trifft Tradition. Eine Reise durch Rajasthan

Anja HoenenReiseberichte haben in unserer Community eine lange und gute Tradition. Umso mehr freuen wir uns, wenn wir ausgewählten Reportagen auf dem Blog noch einmal einen besonderen Präsentationsrahmen bieten können. Lasst Euch von unserem Community-Mitglied Volker Gottwald auf eine Reise durch Rajasthan mitnehmen und begegnet den Menschen Nordindiens!

Globalisierung trifft Tradition

Eine Reise durch Rajasthan

von Volker Gottwald

Der Artikel ist ein Auszug aus einem längeren Bericht über die Reise und beschränkt sich auf die Beobachtung der nordindischen Gesellschaft und seiner Menschen. Links zu mehr Fotos und dem kompletten Bericht gibt es am Ende des Artikels.

Der Hinduismus, dem 80 Prozent der Inder angehören, liefert mit der Vorstellung der Wiedergeburt alles Lebendigen die Grundlage des Respekts vor dem Tier, aber auch die Grundlage für das Kastensystem, das die indische Gesellschaft tief prägt. 16 Prozent der indischen Bevölkerung werden der Kaste der „Unberührbaren“, 8 Prozent der Stammesbevölkerung (den Tribes) zugeordnet. Beide werden dem unterprivilegierten Teil der Gesellschaft zugerechnet und sozial stark diskriminiert. In der Verfassung werden diese Gruppen durch Quoten gefördert, soziale Programme mit ihren Bildungsangeboten, auch in den ländlichen Gebieten, versuchen die Durchlässigkeit der Kasten zu fördern, haben aber in der traditionellen Gesellschaft zusammen mit den Bestrebungen zur Besserstellung der Frauen (von einer Gleichstellung kann noch lange keine Rede sein …) immer noch wenig Erfolg und sind politisch stark umstritten. Im Umgang der Menschen, die verschiedenen Kasten angehören, erscheint der Unterschied lebendig und auch für Außenstehende greifbar. Für einen Brahmanen ist ein „Unberührbarer“ kein Gesprächspartner.

Das „Unten“ und „Oben“ in der Gesellschaft ist klar geregelt, genauso wie die Stellung der Frau. Selbst im Sonderfall von im Umgang mit westlichen Touristen ausgebildeten Hotelangestellten, wird der Kontakt mit dem männlichen Touristen vorgezogen. Eine Touristin wird nur angesprochen, wenn es denn gar nicht anders geht. Das mag in internationalen Hotels in den Städten nicht so deutlich sein, in Rajasthan ist es uns überall begegnet.

In gebildeten, urban geprägten Kreisen wird die Veränderung der traditionellen Lebensweise in der Großfamilie zu sehen sein, denn es gibt viele gut ausgebildete und kluge Männer und Frauen in Indien, die die Probleme ihres Landes analysieren und Lösungswege aufzeigen. Aber das Land ist groß, agrarisch geprägt, die religiöse und traditionelle Bindung ist stark und die flächendeckende Bildung aller Schichten insbesondere der Mädchen sowohl in den ländlichen Regionen als auch in den verslumten Millionenstädten steht noch am Anfang, genauso wie der Widerstand gegen den Verlust von Privilegien, die bei Änderungen nun mal auftreten. Teilen bedeutet auch, dass der, der über mehr Macht verfügt, etwas abgeben muss. Das gilt natürlich auch für die Verhältnisse in den Großfamilien. Aber unsere emanzipatorischen Ansprüche hatten wir ja zu Hause gelassen … So nahmen wir ohne Bewertung wahr, wie im agrarisch geprägten Rajasthan die Hauptlast der Versorgung der Familie und die Arbeit auf dem Feld den Frauen auferlegt ist. Sie spielen auch die Hauptrolle bei der Verbesserung der Impfquote zum Beispiel gegen Polio in den Dörfern, bei der Vermittlung von Wissen zur Geburtenkontrolle, hygienischen Maßnahmen und der Erziehung der Kinder. Glücklicherweise geht die Geburtenzahl auch auf dem Land durch die Aufklärungsprogramme zurück, die medizinische Versorgung ist immer noch schlecht und die Ernährungslage wird durch die Regenmenge des Monsuns bestimmt. Öffentliche Schulen gibt es, wenn auch nicht alle Eltern, insbesondere die ganz Armen, ihre Kinder zur Schule schicken, sondern lieber zum Betteln. „Easy Money“ nannte das unser Guide.

Wenn man sich in Indien umsieht, fällt auf, dass sehr viel mehr junge Männer zu sehen sind als junge Frauen. Das liegt leider daran, dass die Familien männlichen Nachwuchs bevorzugen. Das wird – ganz modern – durch pränatale Geschlechtsbestimmung und nachfolgende Abtreibung, oder altertümlich durch Tötung des weiblichen Nachwuchses erreicht, was natürlich verboten ist, aber immer noch stattfindet. Das gelebte Familienmodell ist die Großfamilie, die Söhne bleiben in der Familie, die Mädchen wechseln in die Familie des Mannes. Hat eine Familie Mädchen, verliert sie deren Arbeitskraft und damit ihre Versorgung fürs Alter, da ein Sozialsystem westlicher Prägung nur für die Staatsbeamten existiert, alle anderen müssen die Altersvorsorge auf freiwilliger Basis leisten. Das ist natürlich nur für die Besserverdienenden der Gesellschaft möglich, alle anderen sind auf die Versorgung durch die Familie angewiesen und da spielen die Frauen die entscheidende Rolle. Allerdings wird dieses Modell genauso wie in westlichen Gesellschaften in dem Maße Veränderung erfahren, wie sich die Rolle der Frau von der rechtlosen Familienarbeiterin und Arbeiterin in eine gebildete Arbeitnehmerin mit eigenem Einkommen verändern wird.

Diese Veränderung wird noch mehrere Generationen dauern. Das Modell der von der Familie vermittelten Heirat innerhalb der gleichen Kaste mit allen gesellschaftlichen Regeln wie der Prüfung der Übereinstimmung der Horoskope, der Auftritt des Heiratsvermittlers, die Verhandlungen mit der Brautfamilie über die Mitgift, die teilweise astronomische Höhen erreicht und zum Ruin von Familien führen kann, wird sich mit der Stärkung der Frauenrolle verändern.

Das Steuersystem Indiens unterscheidet in der Besteuerung von Fraueneinkommen und Männereinkommen in der untersten Einkommenskategorie, um Frauenarbeit zu fördern. Das gilt nicht mehr, wenn Frauen mehr verdienen. Es könnte sein, dass dies den Weg in eine Stärkung der Frauen ebnet. Wir sind davon überzeugt, dass diese paradigmatische Veränderung nur aus der Gesellschaft heraus und nicht von außen erfolgen kann. Die Missachtung der Frau, die sich auch aktuell an den Vergewaltigungen zeigt, liegt tief in der Entwicklung der patriarchalischen Gesellschaft Indiens verankert. Sie ist verstärkt durch den Einfluss der islamischen Gesellschaften, die durch die Mogulherrschaft bis zur Mitte des 19. Jahrhundert andauerten. Die prägenden Erscheinungen sind trotzdem die indischen Frauen, die durch ihre farbenfrohe Kleidung überall auffallen und sozusagen das Land „erleuchten“. Sie strahlen eine solche Grazie und Würde aus, dass man eigentlich meinen müsste, sie seien die eigentlichen Mächtigen im Land.

In Indien einzukaufen ist nicht so einfach wie man sich das vorstellt. Es gilt die passenden Geschäfte zu finden, die von seriösen Händlern geführt werden und nicht minderwertige Ware an Touristen verkaufen. Dabei haben wir uns auf unseren Guide verlassen, der uns zum Beispiel einem Stoffhändler und Produzenten vorstellte, der die Globalisierung voll im Griff hat und für französische und italienische Luxusmarken produziert. Qualität und Muster waren diesem Anspruch entsprechend und wir bekamen eine Ahnung davon, wo und wie Luxuswarenhersteller zu welchen Preisen in Indien produzieren lassen. Der Händler hatte allerdings auch schon die europäische Hektik verinnerlicht und war nach einer kurzen Einführung seiner Produkte ins nächste Meeting verschwunden.

Nach dieser Reise, zudem noch in einer Zeit, in der die Temperatur noch angenehm war, glaube ich nicht mehr, dass der Schleier und die Tücher dem Zweck dienen, Frauen vor Männerblicken zu verhüllen, sondern bin fest davon überzeugt, dass sie vor allem den Zweck haben, den Dreck und den Sand, dem sie durch den Wind ständig ausgesetzt sind, zumindest von den Haaren fernzuhalten. Diese Verschleierung ist nicht in ganz Indien üblich, nicht jede Frau, die einen Sari trägt, trägt auch einen Schleier. Sie sind nicht vergleichbar mit der moslemischen schwarzen Verschleierung. Außerdem sind die Schleier auch noch ein nicht zu unterschätzender Sonnenschutz, unterstreichen die Grazie der Frauen und komplettieren die Kleidung zu einem farblichen Kunstwerk. Wie viel Sorgfalt sie darauf verwenden, haben wir mitten im Basar in Bikaner erlebt, wo ich mir einen Schleier nähen ließ. Die Händler im Bazar sind übrigens vorwiegend Männer. Die Frauen sitzen stundenlang im Laden und wählen aus, Berge von verschiedenen Saris in allen Farben und die dazu passenden Schleier werden verglichen und zusammengestellt. Die Frauen tun das nicht allein sondern kommen in Gruppen und suchen und wählen aus mit viel Vergnügen, Inbrunst und Freude. Diese Lebensfreude steht für eine Leichtigkeit des Lebens, die wir an Indien gemeinhin so anziehend finden.

Der eigentlich sinnenfrohe Hinduismus hatte niemals die Freiheit der Frau zum Thema, sie war niemals gleichberechtigte Partnerin. Im hinduistischen Gesetzbuch Manus steht, dass die Frau ihr Leben lang einem Mann untertan zu sein hat, zuerst ihrem Vater, später dann ihrem Ehemann und Sohn. Als Witwe war sie rechtlos.

In Jaisalmer: Ein Verbrennungsplatz für Brahmanen, der höchsten Kaste.

Der Brauch der Witwenverbrennung (Sati) entstand ab ca. 700 n. Chr. Es gibt verschiedenen Quellen dafür, eine der ältesten religiösen Legitimationen stammt wahrscheinlich aus dem 1. Jahrhundert n. Chr. Frauen, die Sati begingen, wurden in hohen Ehren gehalten und teilweise göttlich verehrt, ihre Familie gewann hohes Ansehen. Ab Ende des 16. Jahrhunderts breitete sich die Witwenverbrennung besonders im Raum von Rajasthan aus und wurde bei den Rajputen immer beliebter. Die Rajputen waren sehr kriegerische Stämme, die nicht nur gegen die moslemische Mogulherrschaft kämpften, sondern auch blutige Stammesfehden untereinander führten. Eine interessante Erklärung für das Aufblühen des Sati Rituals, besonders in Rajasthan ist, dass aufgrund der ständigen Kriege viele junge Männer ums Leben kamen und deren junge Witwen eine Gefahr für die moralische Stabilität der Gesellschaft darstellten. Mit Sati entledigte man sich ihrer. Bei den Moslems wurden zum Abbau eines kriegsbedingten Frauenüberschusses polygame Ehen eingeführt. Ende des 18. Jahrhunderts war die Witwenverbrennung bereits so weit verbreitet, dass sie zumindest in Königshäusern verpflichtend war. 1953 verbrannte in Jodhpur die letzte Sati aus dem Königshaus, 1987 eine 18- jährige Witwe, weitere Verbrennungen auch in jüngerer Zeit sind dokumentiert. Die Verbrennungen sind zwar verboten, aber kommen immer noch vor, da traditionell diese Frauen verherrlicht werden. Wir besuchten in Jaisalmer einen Verbrennungsplatz für Brahmanen, der höchsten Kaste. Unser Guide erklärte uns, wie das vor sich geht: Wenn ein Brahmane – ein Mann – stirbt, muss er innerhalb eines Tages verbrannt werden und zwar nur bei Tageslicht. Damit werden speziell dafür zuständige Mitglieder einer niedrigen Kaste beauftragt, die die Hölzer bevorraten. Sie beherrschen die Technik des Stapelns des Scheiterhaufens und wissen um die Bedingungen, die eine genügend hohe Temperatur entstehen lassen. Der Tote wird auf den Scheiterhaufen gebettet und mit Butter übergossen. Der älteste Sohn oder, falls nicht vorhanden, der älteste männliche Verwandte entzündet den Scheiterhaufen. Ist die Verbrennung fortgeschritten, wird von dem Verbrenner mit einem Stock die Schädeldecke des Toten durchstoßen, um Verpuffungen zu vermeiden. Bei der Verbrennung sind Frauen nicht zugelassen, „sie wären nicht in der Lage, die Zeremonie ohne Tränen und Wehklagen“ durchzustehen. Danach wird die Asche eingesammelt, es kann auch in einer Plastiktüte sein und bei der nächsten Gelegenheit im Ganges, der Mutter Ganga, verstreut. Diese Aufgabe kann auch ein weibliches Mitglied der Familie übernehmen. Dieses Verstreuen ist nicht mehr zeitkritisch.

Über den Fotografen


Die Liebe zur Fotografie wurde mir quasi in die Wiege gelegt. In unserer Familie wurde schon immer viel fotografiert. Und auch schon kurz nach 1945 gab es schon Technik-Verrückte, wie meinen Vater, der immer die neuesten Modelle von Kameras haben musste. Die Dunkelkammer im Keller war natürlich auch da, und was hat der Nachwuchs gemacht? Fotografiert und Bilder entwickelt. Dabei bin ich geblieben. Das mit dem Bilder entwickeln habe ich auch noch bis in die 80er Jahre gemacht, aber dann ganz aufgegeben als die Bilder mehr und mehr digital wurden.

Meine erste Spiegelreflex-Kamera war, glaube ich, eine Exakta, später kamen dann verschiedene Canons dazu über die T90 bis zur AE1. Die Digitalkamerazeit hat bei mir 1998 mit einer Fuji angefangen, dann über verschiedene Olympus Modelle zur Nikon Coolpix 4800 und im September 2006 zur D80, dann zur D300s und Ende 2012 zur D800.

Ich hatte lange gezögert und gewartet mit dem Sprung zur digitalen Spiegelreflex-Kamera. Aber als ich die ersten Rezensionen der D80 gelesen habe, wusste ich, das ist „Meine“.

Allerdings gehöre ich – bei aller Liebe zur Technik – zu den Menschen, die glauben, dass eine gute Kamera alleine keine guten Fotos macht. Das gute Auge gehört dazu, das Gefühl für eine gute Komposition und das Gespür für den richtigen Moment. „Man muss Auge, Geist und Herz auf eine Linie bringen“, so hat Henri Cartier-Bresson es ausgedrückt. Ich bewundere seine Fotos. In dem Film „Biografie eine Blickes“ sagt er: „Die Freude ist die Geometrie, wenn auf einem Bild alles am richtigen Ort ist.“ Aus dem gleichen Film stammt dieser Satz von Cartier-Bresson, den ich mir zu Eigen mache: „Fotografieren ist für mich das Erkennen von Rhythmen, Linien und Werten in dem was ich sehe. Das Auge bestimmt den Bildausschnitt und der Fotoapparat hat nichts anderes zu tun, als die Entscheidung des Auges auf Film festzuhalten. Man erfasst ein Foto als Einheit: Auf einen Blick, wie ein Gemälde.“

Die Anschaffung der D80 vor vier Jahren und ihre technischen Möglichkeiten ließen mich anschließen an die Zeit vor 35 Jahren, als ich mit den „analogen“ Spiegelreflexkameras intensiv fotografiert habe. Der Schritt zur Vollformat-Digitalkamera D800 Ende 2012 hat dann endlich die „Anmutung” der analogen Fotografie zurück gebracht, die Qualität und Entwicklungsmöglichkeiten waren ja schon vorher übertroffen. Mal sehen, wo die Reise noch hingeht.

Links zu mehr
Meine Bilder und den vollständigen Reisebericht gibt es bei www.d800fotos.de
Meine Foto-Tipps gibt es bei https://d800fotos.wordpress.com
Den Bildband zur Indienreise als Buch gibt es hier.
Und zur Indochina-Reise ist ein Bildband hier erschienen.
Berufliche Tätigkeit: www.kreartiv.com

© Nikon Fotografie-Forum und Volker Gottwald. Jedwede Art der Veröffentlichung, auch auszugsweise, bedarf der Genehmigung.

Download des Artikels als pdf: [download id=“12182″]

Add to Flipboard Magazine.

image_pdfimage_print
Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen