Meine Fotografie und meine Wahrnehmung

Anja HoenenIn unserem heutigen Snippet schreibt unser Community-Mitglied Samuel Amsler (sam25) über seine Fotografie und seine Wahrnehmung. Eine Annäherung, bei der wir ihn gerne begleiten!

Meine Fotografie und meine Wahrnehmung

von Samuel Amsler

Ein Versuch, mich meiner Fotografie anzunähern.

Dieses Bild entstand in den Stunden des Todes einer alten Freundin. Ich wusste über ihr Sterben nichts. Aber das Bild entstand. Ein Dialog. Das kleine Haus im Nebel als ihre Seele die ich nie erreichte. Die Seele, die niemand erreichte. Ein wichtiges Bild für mich. Aber warum es entstand, weiss ich nicht.

1. Thesen

  • Ein Bild ist das Produkt eines Dialoges zwischen zwei Motiven
  • Ein Bild entsteht nicht im Kopf
  • Fotografie reduziert sich nicht auf „Sehen“
  • Das Innere des Menschen reflektiert sich im Äusseren
  • Der Mensch hinter der Kamera ist Motiv wie das Motiv selbst
  • Emotionen kann man nicht fotografieren. Sie sind aber im Prozess zum Produkt (Bild) von entscheidender Bedeutung.

2. Fragestellungen

  • Warum fotografiere ich ein Motiv? Warum fotografiere ich ein Motiv nicht?
  • Warum fotografiere ich das Motiv genau zu einem bestimmten Zeitpunkt?
  • Kann ich ein Motiv hören, fühlen, riechen?
  • Was mache ich mit einem Motiv, was macht das Motiv mit mir?

3. Der Weg zur Wahrnehmung
Wahrnehmung ist subjektiv geprägt. Nicht jeder sieht, hört, schmeckt und riecht gleich wie der andere. Das Produkt von Fotografie ist ja immer etwas zum Ansehen. Man kann ein Bild nicht riechen, man kann es anfassen, man kann es ergreifen, aber ansonsten ist es auf die Betrachtung reduziert. Ein Stück Papier, auf dem etwas abgebildet ist. Genau gleich wie ein gemaltes Bild.

Sehen unterliegt biologischen Grundsätzen. Die Bildaufteilung, die Aufteilung von Vordergrund und Hintergrund „beflügeln“ das Auge. Schärfe, Farben Helligkeit und Dunkelheit unterstreichen die Gestaltung und die Wirkung für das Auge. Einen Sonnenuntergang am Meer empfindet jeder als schön. Die orange-rote Kugel am Horizont, die Spiegelung auf dem Wasser. Jeder und jede von uns assoziert mit diesem Bild Schönheit, Ferien, Entspannung und Romantik.

Ich nehme mich als Motiv wahr. Als Motiv, welches wie alle anderen Motive eine Existenz und eine Funktion auf dieser Erde hat. Damit unterscheide ich mich von keinem anderen Motiv. Jedes Motiv steht für sich mit seinen Aufgaben und Funktionen. Es kommt irgendwann und verschwindet irgendwann wieder. Eine Blume hat genau so ihre Funktion wie ein Haus, eine Strassenlaterne, ein Auto. Nicht sehende Menschen erfassen Motive nicht sehend. Dennoch könnten auch sie fotografieren. Das ist lediglich ein technischer Moment. Nicht sehende können auch malen oder Skulpturen erschaffen.

4. Der Weg vor dem Auslösen
Ich nehme die Kamera. Die Kamera ist nur dazu da, um den Dialog zwischen zwei Motiven festzuhalten. Zwar bediene ich sie und entscheide im Wesentlichen über das Produkt. Auch entscheide ich darüber zu welchem Zeitpunkt ich sie einsetze. Aber ich weiss nie im Voraus, wann ich den Auslöser betätige.

Ich gehe spazieren und gehe an einem Sonnenblumenfeld vorbei. Ich sehe es. Mehr nicht. Ich gehe vorbei ohne zu fotografieren. Am nächsten Tag dasselbe. Ich gehe daran vorbei. Ich sehe es, ich sehe Farben, gelb und grün und braun. Aber ich sehe kein Motiv. Ich nehme die Sonnenblumen nicht als Motiv wahr. Es entsteht kein Dialog. Wir haben einander nichts zu sagen. Der dritte Tag. Gleiche Situation, gleiches Licht. Ich bleibe stehen. Irgend ein Reiz lässt mich stehen bleiben. Plötzlich sehe ich in den Sonnenblumen ein Motiv. Und es beginnt ein Dialog. Ich beginne Fragen zu stellen. An mich und an die Sonnenblumen. Ich höre vielleicht den Wind, welche durch die Blätter weht, ich nehme die Bewegungen der Blumen wahr. Ich berühre die Blüten und Blätter und rieche an ihnen. Ich beobachte Bienen und Hummeln und lasse mich in den Dialog zwischen den Sonnenblumen und mir ein. Und irgendwann nehme ich die Kamera und drücke ab. In diesem Moment interessieren mich keine fotografischen Regeln. Nur das, was ich als Moment des Dialoges festhalten möchte. Und das Bild ist das Produkt dieses Dialoges. Und am nächsten Tag gehe ich wieder am Sonnenblumenfeld vorbei. Und es entsteht wieder nichts. Einfach nichts.

Ich gehe an ein Konzert. Ich höre der Musik zu und ich lasse mich auf die Töne ein. Es entstehen Emotionen. Bilder und Farben entstehen in mir. Erinnerungen kommen hoch. Aber da ist auch noch der Mensch. So zum Beispiel Christin Claas. Sie singt, als ob sie selbst Musik wäre. Innig und anmutig. Es entsteht ein Dialog mit der Musik, mir ihr und mit mir. Wir sprechen miteinander. Wir lassen uns gemeinsam tragen. Irgend wo hin. Und dann beginne ich zu fotografieren.

5. Der Weg nach dem Auslösen

Am Bildschirm zu Hause wiederholt sich der Dialog ein Stück weit. Ich kann ihn ein Stück weit abrufen und so wird ein Bild fertig, was sich genau in diesem Aufnahmemoment ereignet hat.

6. Variationen der Wahrnehmung
Im Verlaufe der Zeit habe ich mir Variationen zugelegt, um den Dialog mit einem Motiv zu verstärken oder ihn zusätzlich „anzureichern“. Da wäre einmal die Musik. Musik ist manchmal ein Begleiter, manchmal wird Musik aber auch zu einem zusätzlichen Motiv.

Somit findet dann der Dialog im Dreieck statt, also nicht nur in der direkten Verbindung von Innen und Aussen, sondern bezieht die Musik als zusätzlichen „Gesprächspartner“ mit ein. Töne sehen und Motive hören, dieser Satz fasziniert mich immer wieder und ich versuche daraus schlau zu werden und es in die Wahrnehmung einerseits aber letztlich auch in das „Produzieren“ mit ein zu beziehen.

Ein weiteres Element ist die Literatur. Ein Gedicht, eine Biographie, ein Artikel welche bei mir Emotionen auslösen. Oftmals verstehe ich dann den Zusammenhang erst, wenn ich das Produkt sehe.

Diese Art von Fotografie entsteht oft spontan. Ich kann mich aber auch über Wochen hinweg auf etwas vorbereiten. Indem ich mich zum Beispiel über einen Ort wo ich hingehe informiere. Mich innerlich darauf vorbereite und dann mein „Vorbereitetes“ in den fotografischen Dialog vor Ort miteinbeziehe. Das bereichert meine Wahrnehmung. Oft fallen gewissen Dinge dann weg, weil ich sie nicht so vorfinde, wie ich sie im Vorfeld wahrgenommen habe. Oft aber aber auch verstärken sie aber meine Wahrnehmung vor Ort und lösen bei mir sehr intensive Momente aus. So wie letzten Herbst, als ich mich der Einsamkeit annahm. Dies in Begleitung von Antonio Vivaldi, seinem Leben, seiner Musik und dem einsamen Dorf Indemini.

7. Fazit
Ich empfinde meine Art der Fotografie als äusserst bereichernd. Sie ist überall und jederzeit anwendbar. Sie ist nicht abhängig von der Technik, von der Marke, von der Brennweite. Ein Handy genügt, aber es genügt auch keine Kamera. Es ist eine äusserst spannende Auseinandersetzung mit sich und der Umwelt, dem Gegenüber.

 

Samuel Amsler ist ein aktiver und fantastischer Fotograf aus der Schweiz und seit vielen Jahren sehr aktives Mitglied in der Nikon-Community und im Nikon-Club. Seine Schwerpunkte liegen auf Konzertfotografie und „Minimales maximal“ in Bildern präsentieren.

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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
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