[7.5] Wissen, Ordnung, Macht

Wissen, Ordnung und Macht – drei Begriffe, die durchaus einiges gemeinsam haben. Damit beschäftigt sich die 5. Ausstellung im Rahmen des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg. Zu sehen ist sie im Port25 – Raum für Gegenwartskunst in Mannheim.

[7.5] Wissen, Ordnung, Macht

Eine Ausstellung im Rahmen des Fotofestivals Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg  [7P] – [7] Orte [7] Prekäre Felder

Wissen und Macht bilden in der Theorie des französischen Philosophen Michel Foucault zwei eng miteinander verflochtene Konzepte. Je extensiver und detaillierter unser Wissen, desto größer werden die Möglichkeiten der Kontrolle und damit der Macht. Das 19. Jahrhundert entwickelte zahlreiche Programme, um Objekte und Personen zu identifizieren, zu klassifizieren, auszumessen und zu berechnen. Praktiken der Überwachung, Beichte und Dokumentation konstituieren das Individuum als beschreibbares und analysierbares Objekt.

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© Ilit Azoulay, Detail aus der Serie Shifting Degrees of Certainty, 2014

Diese Entwicklung hat sich mit neuen Techniken der Beobachtung, der Archivierung, der Sammlung, der Analyse und der Vernetzung von Daten beschleunigt und verschärft. Dem steht unser eigenes, individuelles Interesse an Wissen gegenüber, das für uns eine sinnvolle Ordnung in unserem Leben im Großkontext Welt schafft. Mit Aufmerksamkeit versuchen wir, die Vermischung der beiden Erkenntnisinteressen zu vermeiden. Doch wie, wenn die Wissensproduktion, Wissensvermittlung heutzutage hauptsächlich übers Internet läuft, das algorithmisch angelegt und ausgewertet wird?

Ilit Azoulay bewegt sich in der Zwischenzone zwischen eigenem und fremdem Wissen und ringt mit der Schwierigkeit, für sich selbst ein System des Verstehens, des Wissens aufzubauen, eine Art privater, lebbarer Ordnung in einer fremden Welt. Ihre große, mehrteilige, audiovisuelle Arbeit Shifting Degrees of Certainty, 2014 steht im Zentrum des Raumes, des Kapitels und fragt gleichsam für alle KünstlerInnen und für uns BesucherInnen, wie wir einen bestimmten Grad an Gewissheit, an Festigkeit erreichen können.

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© Hans Danuser, Seziersaal Anatomie, aus der Serie IN VIVO, 1980-1989, Analoge Fotografie auf Silbergelatine Barytpapier, 40 x 50 cm

Hans Danuser ist die Vaterfigur in diesem Kapitel. Was heute viele junge Künstler beschäftigt, die Wissensproduktion, hat Hans Danuser in den achtziger Jahren in der 7-teiligen Grossarbeit „In Vivo“ behandelt. Er betrat mit seinen essayistischen Serien zu Goldraffinierung, Atomkraft, Pathologie, Chirurgie, Ronald Reagans Versuch eines „Kriegs der Sterne“ (Los Alamos), Tierversuchen und Gen-Technologie einige (un-)heimliche Felder der Gesellschaft, Tabuzonen, in denen Wissen, Werte und Macht generiert wird. Wir zeigen hier seine Reihe zur Pathologie und zu Tierversuchen. In beiden Bereichen werden Körper geöffnet, um Wissen über sie zu gewinnen, bei den Tierversuchen werden zusätzlich Eingriffe In Vivo, am lebendigen Leib, vorgenommen, um aus den Reaktionen des Körpers Wissen zu generieren.

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© Simone Demandt, Strahlungsprüflabor LGA, Nürnberg, 2009, aus der Serie Dunkle Labore, 2008/2009, Tintenstrahldruck auf Hahnemühle Photo Rag, Aludibond, 150 x 200 cm

Simone Demandt fotografierte verschiedene Labors mit Langzeitbelichtungen. Wir erfahren, erleben in ihren Bildern das Eigenleben der Maschinen, der Geräte während der Nacht, wenn alle Menschen nachts, wenn alles schläft, weiterhin am Arbeiten ist. Yann Mingard beschäftigt sich in der Serie Deposit mit den vier Unterthemen „Tier“, „Menschen“, „Pflanzen“, „Daten“ einerseits mit der Wissensproduktion in diesen Feldern und andererseits mit dem Versuch der Menschen, sowohl das Wissen wie die Samen und Daten an sicheren Orten in der Arktis oder Antarktis aufzubewahren, für den Zeitpunkt Null nach einem Super-GAU auf der Erde, für eine Zukunft, in dem man die Probleme von heute vielleicht lösen kann. Diese Dokumentation erzählt von der Utopie und vom Wahnsinn zugleich, das Leben komplett planbar werden zu lassen und über alle Katastrophen hinaus zu bewahren.

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© Dayanita Singh, aus der Serie Fileroom, 2011, courtesy Dayanita Singh, Steidl Verlag und Frith street Gallery

Dayanita Singh fotografiert, fast unablässig, seit Jahren das Indien der Archive. Die Akten häufen, vermehren sich, lagern sich ab, denn Gerichtsfälle beispielsweise dauern in Indien oft Jahre, Jahrzehnte, manchmal ein ganzes Leben lang. Sie wuchern, beginnen das eigene Leben mit einem Teppich von Fragen und Antworten, mit einer Haut von eingebrannten Enttäuschungen, von vergeblichem Warten zu überziehen. Eine Schattenwelt manifestiert sich in ihren Bildern, merkwürdig lebhaft und leblos zugleich, die Unterwelt des Papiers, der Paragraphen, der Akten, der Gesellschaft, blässlich erleuchtet durch das Licht alter Neonröhren.

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© Daniel Blaufuks, The way to Auschwitz, 2014, 100 x 160 cm

Daniel Blaufuks beschäftigt sich in einem grossen Projekt mit dem Titel All the memory of the world, part I mit der Fotografie als einem Archiv der Erinnerung, zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Entlang der Beschäftigung mit W.G. Sebald, Georges Perec, Didi Huberman verarbeitet er Fragen über das Verhältnis von Sprache und Bild für die Erinnerung und beschäftigt sich mit der bildlichen Erinnerung an Ausschwitz, zum Beispiel mit dem Gegensatz der Bedeutung der grossen europäischen Bahnhöfe als Netzwerk der Reisenden, der Bürger, einer neuen Freiheit und der Eisenbahnstrecken und Waggons, die schliesslich alle in die Konzentrationslager führten. Jules Spinatsch hat zu diesem Kapitel im Planetarium in Mannheim eine Arbeit mit computergesteuerter Mehrfachabtastung realisiert. Wir gleiten in diesem Panorama, unter der Kuppel des Planetariums, durch die Entwicklung des Weltalls seit dem Urknall.

Besucherinformationen
Port25 – Raum für Gegenwartskunst
Hafenstraße 25-27, 68159 Mannheim
Tel. +49 (0)621 33934397

Ausstellungsdauer: bis 15. November 2015
Öffnungszeiten: Di bis So 11-18 Uhr
Sondertickets zum 6. Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg: 3-er Karte: 14,00 € (Besuch in allen beteiligten Häusern möglich)    
Festivalpass: 35,00 €, Festivalpass plus Katalog: 49,00 €. Der Festivalpass berechtigt zum mehrmaligen Eintritt in allen sieben Häusern während der gesamten Laufzeit des Festivals.

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg e.V.

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[7P]: [7] ORTE [7] PREKÄRE FELDER: 6. Fotofestival Mannheim-Ludwigshafen-Heidelberg (Taschenbuch)

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