Rezension: Meinrad Schade – Krieg ohne Krieg

Meinrad Schade – Krieg ohne Krieg. Fotografien aus der ehemaligen Sowjetunion Book Cover Meinrad Schade – Krieg ohne Krieg. Fotografien aus der ehemaligen Sowjetunion
Meinrad Schade
Scheidgger und Spiess Verlag
01. Februar 2016
Hrdcover
264

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Dieses Buch sollten mehr Menschen lesen und seine Fotos betrachten und auf sich wirken lassen. Ein Buch, das Bilder vom Krieg zeigt ohne Kriegsbilder zu zeigen. Sie machen deutlich, was in einem Land, einer Landschaft und mit den Menschen in ihr und ihm durch einen Krieg passiert.

Die vier Essays zwischen den Bildern (in Deutsch und in Englisch) ergänzen eindringlich die Fotos im Buch. Das einleitende Essay von Nadine Olonetzky ist eigentlich mehr eine Rezension des Buches. Und wer sie gelesen hat, ist sehr neugierig auf das, was auf den nächsten Seiten folgt. Das Essay trägt den Titel „Zwischen Krieg und Frieden“ und ist eigentlich der bessere Buchtitel.

Was die Autorin hier schreibt, kann ich voll unterstützen, und möchte anstatt es mit meinen eigenen Worten nachzuempfinden einfach zitieren, denn so ist es:

„Meinrad Schade hat sich mit seiner fotografischen Arbeit dem Leben vor, neben und nach einem Konflikt verschrieben. Zwar geht es hier um Länder auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion, um Folgen des Zweiten Weltkriegs, der in Russland «Großer Vaterländischer Krieg» genannt wird. Um Auswirkungen von Geschehnissen auch, deren Wurzeln weit zurückreichen. Ins Jahr 1818 zum Beispiel, als während des Kaukasuskriegs (1817-1864) die russische Festung Grosnaja – «die Furchtgebietende» – gegründet wurde, die spätere Stadt Grosny, der nachmalige Schauplatz von Deportationen während und nach dem Zweiten Weltkrieg, der wiederum spätere Ort von Krieg und Zerstörung ab den 1990er-Jahren. Doch Meinrad Schades Arbeit zeigt Topoi: Die Lebensbedingungen am Rande und mit den Folgen von Waffengewalt gleichen sich fatal, wo immer man hingeht, welche Gründe auch dazu geführt haben mögen. Die Spuren bleiben in der Landschaft sichtbar. Seelische Schmerzen und körperliche Folgen werden an die nächste und übernächste Generation weitergegeben. Nachkriegszeiten entpuppen sich als Vorkriegszeiten. Was also hat eine Straßenszene im zerstörten Grosny mit dem Sammeln von Metall in den Ruinen der kasachischen Stadt Chagan zu tun, die wegen der Verstrahlung durch Atombombentests unbewohnbar geworden ist? Mit Porträts, Interieurs, Straßen- und Landschaftsaufnahmen führt Meinrad Schade auf vergessene Nebenschauplätze, in Vorgeschichten, beobachtet die Folgen – und die Folgen der Folgen. Seine Bilder erzählen von einem Schwebezustand, in dem Krieg herrscht, ohne dass Schüsse fallen (oder nur selten), in dem kein echter Friede für wirkliche Ruhe sorgt – vom Dasein zwischen Krieg und Frieden. Was er so zutage fördert, ist eine seltsame Normalität: Gelebt wird in den Haustrümmern, die nach einem Krieg zurückbleiben. Zuerst zu improvisierten Behausungen umgestaltet, werden sie eines Tages weggeräumt oder durch Neubauten ersetzt. Gelebt wird auch in seelischen Trümmern, die innere Landschaften bilden. Irgendwann ist vielleicht tatsächlich nichts mehr vom Schutt und vom Schmerz übrig. Doch, so scheint’s, der Mensch lernt nichts dazu. Immer wieder kommt es zu Gewalt, Vertreibung, Zerstörung. Immer wieder gibt es Verletzte, Vermisste, Tote. Gewinnler, Verzweifelnde, Pragmatiker.“

Und dann kommen die ersten Fotos. Hervorragend zusammen gestellt und aufgereiht eine Geschichte zu erzählen. Jedes Foto hat einen kurzen Bildtext, der erklärt, was man sieht und wann das Foto aufgenommen wurde. Man liest ihn besser erst beim zweiten Betrachten der Bilder und lässt sie zunächst einmal einfach einwirken.

Die weiteren Essays bereiten den Leser jeweils auf die kommenden Bilder vor.

Im zweiten Kapitel geht es um „Last und Erbe der Vergangenheit im post-sowjetischen Raum“. Gemeint sind damit die heute selbständige Staaten der ehemaligen Sowjetunion. Die Fotos dazu zeigen den Umgang dieser Länder mit dieser Zeit, den Atomtest in dieser Region und dem 2. Weltkrieg eindrucksvoll.

Das dritte Kapitel ist eine „Expedition nach Kitesch oder Vorahnung vom Donbass“. Die Fotos entstanden alle vor dem Krieg zwischen ukrainischen Truppen und prorussischen Separatisten, der 2014 begann.

Im vierten Kapitel schreibt Fred Richin über „Fragen im Echoraum des Krieges“. Einen guten Satz liest man da: „Die aktuelle Berichterstattung wird also zunehmend von hunderten von Millionen Leuten mit Mobiltelefonen sowie von Überwachungskameras und Terroristengruppen dominiert, die jene Schrecken dokumentieren, die sie selbst verüben. Doch die nachhaltigeren Untersuchungen von aktuellen Themen und Ereignissen ist nach wie vor weitgehend die Domäne von Berufsfotojournalisten, die Jahre in ihre Beschäftigung investiert haben. Meinrad Schade gehört mit Sicherheit zur zweiten Gruppe. Er hat für sich die ausführliche Beschäftigung mit Themen gewählt, die vielleicht weniger aufsehenerregend, dafür aber allgegenwärtiger und deshalb von größerer Bedeutung sein können

Fazit

Das ist ein Anti-Kriegsbuch erster Klasse! Lesen Sie die Texte und lassen sie dann die Fotos auf sich wirken. Und sie werden sich die gleiche quälende Frage stellen, die sich Meinrad Schrade gestellt hat: „Wo bleibt die Hoffnung auf den Frieden – und können Fotografien seine Vorzüge auf sinnvolle Weise zur Geltung bringen?“

Fünf Sterne für Texte und Bilder und nicht zuletzt für die Buchgestaltung.

Die Daten

Meinrad Schade. Krieg ohne Krieg. Fotografien aus der ehemaligen Sowjetunion erschien am 1. Februar 2015 im Verlag Scheidegger & Spiess. 1. Auflage, 2015. Text Deutsch und Englisch, gebunden, 264 Seiten, 161 farbige Abbildungen, 22 x 27 cm
ISBN 978-3-85881-452-4
Preis CHF 54,00 | EUR 54, 00

Rezension: Volker Gottwald

Unsere Bewertung:

5 Sterne

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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen