Barbara Davatz — As Time Goes By, 1972 bis 2014

Was können Porträts?

Im Werk der Fotografin Barbara Davatz (geb. 1944) spielen Porträts eine zentrale Rolle. Seit mehr als 40 Jahren beschäftigt sie sich immer wieder von neuem mit der Frage, wie Menschen mit der Kamera festgehalten und dargestellt werden können. Was sagt ein Bild über die dargestellte Person? Welche Fotografien wirken authentisch? Wie viel Inszenierung ist erlaubt? Und wann wird ein Bild zur Projektionsfläche?

Das Herzstück der neuen Ausstellung der Fotostiftung Schweiz bildet die Langzeitstudie «As Time Goes By», die 2014 ihren Abschluss fand und vor kurzem als Buch publiziert wurde. Darin hat Barbara Davatz ausgewählte Paare der Zürcher Szene in vier Zeitschnitten während mehr als 30 Jahren fotografiert — ein Projekt, das in der schweizerischen wie auch der internationalen Fotografie einzigartig ist und nun zum ersten Mal umfassend gezeigt wird. Es handelt sich nicht nur um eine Arbeit über Individuen und Paare, über sichtbare und verborgene Anziehungskräfte zwischen Menschen, sondern auch um eine Studie zum Wandel der Gesellschaft und der Stile — ein eindrückliches Zeitdokument.

Ergänzend werden weitere Porträtserien gezeigt, die deutlich machen, wie konsequent und eigenwillig Barbara Davatz ihren Weg verfolgt. Ob sie die Belegschaft einer Firma fotografiert, die Gleichartigkeit von Zwillingen betrachtet, die Ähnlichkeit von Familienmitgliedern studiert oder die Mitarbeiter eines internationalen Modehauses vor die Kamera bittet: Sie löst die Porträtierten aus ihrem alltäglichen Kontext heraus, um jede Ablenkung auszuschalten. Sie setzt sie frontal ins Bild und beleuchtet sie möglichst neutral. Und sie lenkt die ganze Aufmerksamkeit auf die Gesichter und ihren Ausdruck, auf den Körper und seine Haltung, auf die Kleidung und die Details der äußeren Erscheinung. Vergleichen ist erwünscht.

Dabei sind die nüchternen, klaren Bilder durchaus ein Resultat intensiver Zuwendung und Wahrnehmung. Die Porträtierten erwidern den Blick der Betrachter und berühren durch Offenheit und Verletzlichkeit. Wer sich auf die Bilder einlässt, entdeckt hinter der präzis und gleichförmig festgehaltenen Oberfläche viel Rätselhaftes, Geheimnisvolles, Individuelles. Sehen und Wissen, Schaulust und Erkenntnis, Behauptungen und Fantasien vermischen sich. «Das Emotionale», sagt Barbara Davatz, «liegt sozusagen zwischen den Bildern, in den imaginierten Lebensgeschichten oder in eigenen Erinnerungen, die geweckt werden. Ich empfinde es mitunter als sinnlich, ja fast erotisch, wie manche Menschen in die Kamera blicken. Wann blicken sich Menschen so tief in die Augen? Wenn sie verliebt sind!»

As Time Goes By, 1982–2014

«Die Inspiration für diese Arbeit waren zwei Menschen, Nicola und Kurt, die ich damals gerade kennengelernt hatte. Als ich sie zum ersten Mal sah, trugen beide einen blonden Bürstenschnitt und waren vorwiegend schwarz gekleidet. Es war nicht Unisex-Mode, aber es waren sehr spezielle Kleider. Ich fand die beiden toll. Sie verkehrten in einem Kreis von interessanten Menschen, die alle zehn bis zwanzig Jahre jünger waren als ich. Sie haben die Initialzündung gegeben und meinen Blick für andere Paare, die durch ihr ‚doppeltes’ Auftreten Botschaften vermittelten, geschärft.» — In der Folge konzentrierte sich Barbara Davatz auf 12 junge Paare, die verliebt, befreundet oder verwandt waren. Diese fotografierte sie mit einem einfachen und klaren gestalterischen Konzept — so, dass sie sich ohne angestrengte Inszenierung selbst darstellen konnten. Dies wiederholte sie im Abstand von mehreren Jahren, nämlich 1988, 1997 und 2014. Einzelne Partner  erschwanden, andere kamen neu dazu, und in machen Fällen wurde aus dem Paar eine Familie. Dabei sind die über die Jahre beibehaltenen, strengen Regeln des Settings und der Gestaltung eine entscheidende Qualität dieser Serie: sie erlauben es, die kleinen Veränderungen einer Person, den Fluss der Zeit, aber auch die feinen Unterschiede zwischen den Individuen wahrzunehmen.

Gsüün, 2002

Der alte Dialektausdruck «Gsüün» bezeichnet die «typische» Prägung von Gesichtern innerhalb einer Familie, die man auch etwa mit dem Satz «Er ist ganz der Vater, sie ist ganz die Mutter» oder mit dem Mundartwort «Model» umschreibt. Die Vererbung physiognomischer Merkmale von einer Generation zur andern führt immer wieder zu verblüffenden Übereinstimmungen, bei denen man von der äusseren Erscheinung — meist allzu schnell — auf Charaktereigenschaften schliesst. Barbara Davatz wählte im Tösstal, wo sie seit vielen Jahren lebt, mehrere Familien aus und dokumentierte ihr «Gsüün». Gezeigt wird eine Auswahl von 37 aus einer Serie von insgesamt 77 Fotografien — eine fast naturwissenschaftliche Reihung, welche die Frage nach dem Einfluss von biologischen und sozialen Faktoren einer Biografie in faszinierende Bilder übersetzt. «Gsüün» ist auch vor dem Hintergrund der Entschlüsselung des menschlichen Gencodes zu deuten — als Versuch, diesen Code und seine Abwandlungen visuell zu erfassen. Wie viel Ähnlichkeit ist festgeschrieben? Was ist individuelle Ausprägung? Und wo ist die Ähnlichkeit nur Einbildung?

Beauty Lies Within, 2007

Der Titel «Beauty Lies Within» nimmt einen mehrdeutigen Slogan auf, mit dem die Modekette H&M eine Zeit lang ihre Tragtaschen bedruckte. Augenzwinkernd deutet die Fotografin damit an, dass sie sich insbesondere für die Botschaften interessiert, welche die Porträtierten über ihr Äusseres vermitteln. Dazu hat sie 81 Verkäuferinnen und Verkäufer des Modehauses in ihr Studio eingeladen, um sich ausserhalb ihres gewohnten Arbeitsumfelds ablichten zu lassen. Das strenge Aufnahmekonzept und die bewusst knapp gehaltenen Informationen — nur Name, Geburtsdatum, Herkunft — lassen darauf schliessen, dass es hier nicht um Charakterstudien geht, sondern um eine Art soziologische und ethnografische Bestandsaufnahme: Wie sieht die junge Bevölkerung der Schweiz im 21. Jahrhundert aus? Was bedeutet Identität in einer globalisierten Welt? Und wie oft stolpern wir in die Falle unserer Projektionen, wenn wir die Gesichter ohne Informationen zu lesen versuchen? — Auch wenn es sich um einen kleinen Ausschnitt der Gesellschaft handelt, so zeigen sich darin doch allgemeine Entwicklungen: sei es die wachsende Bedeutung von Mode und Lifestyle zur Konstruktion von Identität, sei es das subtile Spiel von Abgrenzung und Anpassung in einer multikulturellen Gesellschaft. Dabei werden zum Beispiel uniforme, weltweit vertriebene Kleidungsstücke zu individuellen oder gruppenspezifischen Codes kombiniert. Wie in ihren anderen Serien arbeitet Barbara Davatz auch hier, wie sie selbst sagt, «wie ein Schmetterlingsforscher, der sich für Farben und Formen der Flügel begeistert».

Porträt einer Schweizer Firma, 1972 / Doppelgänger, 1975

Ihre beiden frühesten Porträtserien hat Barbara Davatz für die Ausstellung der Fotostiftung Schweiz in einer musikalisch unterlegten Projektion neu editiert und in zwei Sequenzen zusammengefügt. Anhand der 38-teiligen Serie «Porträt einer Schweizer Firma» entwickelte sie zu Beginn der siebziger Jahre ihren eigenen, unpathetischen, konzeptuellen Stil. Dabei gelang es ihr, die Menschen als Individuen zur Geltung zu bringen und zugleich ihre gesellschaftliche Stellung sowie das zeitgeschichtliche Umfeld zu thematisieren. Die Belegschaft der Firma H. Walser, einer Textildruckerei und Zwirnerei in Zürchersmühle AR, steht nicht nur für ein typisches Schweizer Unternehmen jener Zeit, in der die industrielle Produktion noch ein bedeutender Wirtschaftsfaktor war. In den Jahren wachsender Fremdenfeindlichkeit — 1970 wurde über die sogenannte Überfremdungsinitiative abgestimmt — war die Serie auch ein unaufgeregtes, aber eindringliches politisches Statement, das den grossenteils aus Spanien stammenden Arbeiterinnen und Arbeitern ein Denkmal setzte.

Das Gegenstück dazu bildet die Reihe der «Doppelgänger» (1975), in der es nicht um soziale, sondern um biologische bzw. genetische Determinierung geht: Die 25 Zwillingspaare, die von Barbara Davatz 1982 um weitere 57 Paare erweitert wurden, wirken im Rückblick wie eine Vorwegnahme jener Mischung aus Faszination und Angst, die wir heute empfinden, angesichts der real gewordenen Manipulierbarkeit und Kopierbarkeit des menschlichen Erbguts. «Wir stehen am Anfang einer neuen Ära. Einer, in der wir erstmals ein sicheres Werkzeug in der Hand haben werden, um in die genetische Identität unserer Kinder einzugreifen. Die Frage ist nicht mehr, ob wir es einsetzen, sondern wie», schreibt die Biologin und Wissenschaftsredaktorin Angelika Jacobs (NZZ, 16. Dezember 2015).

Über Barbara Davatz

Geboren 1944, 1948–1963 aufgewachsen in den USA.
1964/65: Vorkurs an der Schule für Gestaltung in Basel, erste fotografische Arbeiten.
1965–68: Fachklasse für Fotografie an der Schule für Gestaltung in Zürich.
Seit 1968: Freiberufliche Tätigkeit, vorwiegend redaktionelle Auftragsarbeiten für Zeitschriften, Werbung, Tonbildschauen mit Spezialgebiet Porträt und Porträtreportage. Daneben freie Arbeiten, v.a. konzeptuelle Porträt- und Landschaftsserien.

Publikation zur Ausstellung

Barbara Davatz — As Time Goes By. 1982, 1988, 1997, 2014, Edition Patrick Frey, 2015. Gebunden, 168 Seiten, 89 Abbildungen s/w, CHF 78.-.

Besucherinformationen

Fotostiftung Schweiz
Grüzenstrasse 45, CH-8400 Winterthur (Zürich)
Tel +41 52 234 10 30
Fax +41 52 234 10 40
[email protected]

Ausstellungsdauer: bis 16. Mai 2016
Öffnungszeiten: Di bis So 11-18 Uhr, Mi 11-20 Uhr
Eintritt: CHF 10.-, ermäßigt CHF 8.-, bis 16 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Fotostiftung Schweiz.

Letzte Artikel von Anja Anton-Hoenen (Alle anzeigen)