Arnold Odermatt in der Photobastei

Karambolagen und andere Blickwinkel

Die Photobastei in Zürich präsentiert die bisher umfassendste retrospektive Ausstellung zum Werk von Arnold Odermatt (*1925 in Oberdorf/Nidwalden) in der Schweiz und zeigt bis zum 12. März 2017 eine von Daniel Blochwitz kuratierte Auswahl seiner Arbeiten, angefangen von Odermatts international viel beachteten Werkreihe „Karambolagen“ über seine ironisch anmutenden Dokumentationen des eidgenössischen Polizeialltags bis hin zu seinen bisher weniger bekannten fotografischen Beobachtungen Schweizer Alltäglichkeit. All seinen unterschiedlichen Werksgruppen gemein ist sein unverwechselbarer Blick und die von ihm gewählte Perspektive.

In Zusammenarbeit mit der Galerie Springer Berlin, die den Künstler international vertritt, und Urs Odermatt, dem Herausgeber seiner Werke, präsentiert die Photobastei eine Übersicht aus dem Schaffen des Nidwaldner Fotografen Arnold Odermatt. Aus dem Zyklus der „Karambolagen“ präsentieren wir dabei gesondert den kompletten Satz der von Harald Szeemann auf der 49. Venedig Biennale (2001) gezeigten Unfallbilder. Darüber hinaus werden bisher unveröffentlichte „Karambolagen“ neben Fotografien aus den Serien „Im Dienst“ und „In zivil“ sowie erstmals auch Arbeiten aus seiner neuesten Publikation „Feierabend“ (Steidl, 10/2016) zu sehen sein.

Das Werk

Mit Arnold Odermatt widmet sich die Photobastei nach „Vivian Maier: Taking the Long Way Home“ (3/2016) wieder einer fotografischen Position, die erst verspätet zu ihrer Adelung durch die Kunstwelt kam. Arnold Odermatts poetische Landschaftsaufnahmen mit dem Punctum der Autounfälle wurden erst Jahre später von seinem Sohn, dem Filmemacher Urs Odermatt, entdeckt und von diesem als künstlerisch wertvoll eingestuft und dann erstmals ausgestellt. Der alte Odermatt sträubte sich immer etwas gegen eine Klassifizierung, die über sein großes Interesse an der Fotografie und seine akribische Arbeitsweise hinausging.

Aber der Erfolg gab Urs Odermatt Recht, und dann ging alles recht schnell. Der international geschätzte schweizerische Kurator Harald Szeemann nahm die Fotografien in seine von ihm kuratierte Venedig Biennale von 2001 auf und bezeichnete Odermatts Arbeiten im Begleittext als „neuzeitliche romantische Landschaften mit Unfall“. Das liess die Kunstwelt aufhorchen und es folgten daraufhin eine Anzahl internationaler Ausstellungen.

Szeemanns Querverweis zu einem in der Tradition der Romantik stehenden Bildschaffens trifft einen Kern der Fotografie von Arnold Odermatt. So schreibt Ricarda Vidal in ihrem Essay „Caspar David Friedrich Through a Broken Windscreen: Arnold Odermatt’s Peaceful Crash Scenes“ (2008) [Odermatt’s photographs] can be read as a twentieth-century version of nineteenth-century ruin painting. Szeemann’s ‘accident’ can be understood on two levels: on the one hand it simply denotes the car crash and on the other it points to the event of the crash itself. In both cases the accident transposes the Romantic idea of the ruin into a contemporary context.

Es liegt eine gewisse Melancholie über den Aufnahmen, die sicher einerseits von den verunfallten Autos ausgeht, aber ihre Wirkung auch aus den oft unfallbefördernden Witterungsbedingungen zieht, die sich wie ein romatischer Schleier über die ganze Landschaft legen. Gleichzeitig vermeiden diese Bilder in ihrer unaufgeregten Art auch die Sensationslust des in der zeitgenössischen Fotografie leider so verbreiteten Ruin Porn, der Zurschaustellung von Katastrophen und Orten in Not. Der Unfall ist bei Odermatt Polizeialltag und das Unfallfoto allein dadurch schon vor allem eine objektive Betrachtung der Ereignisse und Szenerie. Das persönliche Drama und Trauma des Verunfallten bleibt aussen vor, denn auch nach getaner Polizeiarbeit der Beweisaufnahme interessiert Odermatt vor allem der sachlich-ästhetische Aspekt eines verunglückten Autos, das sich quer in eine idyllische Landschaft stellt.

Was Odermatts Arbeiten damit so faszinierend macht ist, dass er die Gleichzeitigkeit des Mediums, zwischen Objektivität und Subjektivität, also dem Fakt, dass es sowohl bildliches Beweismittel als auch reine Interpretation einer vorgefundenen Realität ist, in seinen Fotografien von Unfällen fast plakativ in sich vereint. Er dokumentiert sowohl den Unfallort, suchte aber aus eigenem Interesse immer noch einen formal besonders interessanten Blickwinkel für eine zusätzliche Aufnahme der „Karambolage“ für sein ganz persönliches Archiv. Das Foto ist zu gleichen Teilen Beweismittel und auch eine Inszenierung.

Und dieser Ansatz, also das Spannungsfeld zwischen Dokument und Inszenierung, zieht sich auch durch seine anderen Serien: vom polizeilichen Dienstalltag über die autobiografischen Fotografien aus dem Familienalbum „In zivil“ bis hin zu seinen Beobachtungen des eidgenössischen Alltags in „Feierabend“. Der Fotograf hat einen hohen Anspruch sich, seine Kollegen, seine Arbeit, seine Freizeit und seine Region zu dokumentieren. Es ist dieser unbedingte ästhetische Anspruch an ein Foto, der aus einem persönlichen Bildarchiv ein künstlerisches Werk machen, nicht unähnlich von literarisch anspruchsvollen Tagebüchern. Und genau wie Letztere oft publiziert werden, so gibt es auch für Odermatts Fotografien eine interessierte Öffentlichkeit.

Ausstellungskonzept

Die Photobastei ist ein geeigneter Ort, an dem eben diese kunstinteressierte Öffentlichkeit das Werk von Arnold Odermatt umfassend betrachten kann und soll. Die Ausstellung wird die verschiedenen Serien Odermatts entlang einer gedachten Zeitlinie mischen. Das heißt, das Ausstellungskonzept beruht auf der relativen Gleichzeitigkeit seines fotografischen Schaffens und damit auf dem Wechsel und dem entsprechenden Rhythmus zwischen beruflichem, familiärem und gesellschaftlichem Leben.

Die Ausstellung wird versuchen, durch diese chronologische Hängung formale, konzeptuelle und inhaltliche Parallelen in Odermatts fotografischer Praxis aufzuspüren und zu zeigen, dass er die Dokumentation und Inszenierung seines beschaulichen Alltags in der pittoresken Umgebung der Zentralschweiz fast obsessiv, aber immer auf hohem Niveau zeitlebens verfolgte und dabei ein unvergleichliches Zeitdokument und künstlerisches Werk geschaffen hat.

Über Arnold Odermatt

Der Künstler wurde im Jahr 1925 in Oberdorf im Schweizer Kanton Nidwalden geboren. Er besuchte die Primar- und Sekundarschule in Stans und erlernte den Beruf des Bäckers und Konditors. 1948 trat Odermatt in den Polizeidienst ein und wurde 1990 als Oberleutnant, Chef der Verkehrspolizei und Vizekommandant der Nidwaldner Polizei pensioniert. Schon zu Beginn seiner Dienstzeit bat er darum, Fotografien der zahlreichen Unfälle machen zu können, mit denen er bei der Arbeit befasst war. Er entwickelte die Aufnahmen bei sich zu Hause und ergänzte seine Unfallprotokolle um das Bildmaterial. Nachdem Odermatts Fotografien sich als hilfreich bei Gericht erwiesen, wurde in einer Kammer der Polizeistation eine Dunkelkammer für ihn eingerichtet.

Anfang der 1990er Jahre entdeckte sein Sohn, der Regisseur Urs Odermatt, bei den Recherchen zu einem Film Dekaden archivierter Verkehrsunfälle im Kanton Nidwalden. Beeindruckt von der Qualität der Arbeiten avancierte er zum Herausgeber aller bisher publizierten Bücher von Arnold Odermatt. Die Bücher „Karambolage“, „Im Dienst“ und „In zivil“ erschienen im Steidl Verlag. Im Jahr 2001 zeigte Harald Szeemann eine Auswahl von 32 Arbeiten Odermatts auf der Biennale Venedig. Danach folgten zahlreiche internationale Einzel- und Gruppenausstellungen, u.a. die Einzelausstellungen im The Art Institute of Chicago (2001), im Fotomuseum Winterthur, am Musée d’Art Moderne Grand-Duc Jean, Luxemburg, und im Kunstmuseum Wolfsburg. Die Arbeiten von Arnold Odermatt befinden sich in vielen internationalen Sammlungen und Museen. Der Künstler lebt und arbeitet in Stans.

Besucherinformationen

Photobastei
Sihlquai 125, CH-8005 Zürich
Tel +41 44 240 22 00
[email protected]

Ausstellungsdauer: bis 12. März 2017
Öffnungszeiten: Di bis Sa 12-21 Uhr, So 12-18 Uhr
Eintritt: CHF 12.-, ermäßigt CHF 8.-

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Photobastei

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