Peter Lindbergh. From Fashion to Reality

Eine Hommage an Lindberghs facettenreiches OEuvre

Peter Lindbergh (*1944 in Lissa) ist einer der einflussreichsten Modefotografen der letzten 40 Jahre. Die spektakuläre Schau in der Kunsthalle München zeigt noch bis zum 27. August 2017 über 220 seiner Fotografien. Neben seinen ikonischen Bildern, mit denen Lindbergh das Supermodel-Phänomen der 1990er-Jahre begründete, werden bisher unveröffentlichte Fotografien und weiteres, nie gezeigtes Material präsentiert; darunter persönliche Notizen, Storyboards, Requisiten, Polaroids, Kontakt-Abzüge, Filme und großformatige Drucke.

In einer Welt mit fest etablierten ästhetischen Codes bezog Lindbergh mit seinen wegweisenden Bildern klare Position zu gesellschaftlichen Themen: Er war der Erste, der den Fokus auf den einzigartigen Charakter seiner Modelle legte und so der oberflächlichen Künstlichkeit der Modefotografen eine Abfuhr erteilte. Anstatt hübsch ausstaffierter menschlicher ›Kleiderständer‹ zeigt er selbstbewusste, ausdrucksstarke Frauenfiguren, von der Femme Fatale bis zur Heldin; aber auch Tänzerinnen und Schauspielerinnen. Für sein Werk sind Porträts bestimmend, die Unbefangenheit und körperliche Anmut ausstrahlen. Lindbergh revolutionierte damit die Bildsprache der bekannten Magazine und Mode-Labels und führte mit seinen meist schwarz-weißen, den flüchtigen Moment einfangenden Fotografien einen neuen Realismus in die Modefotografie ein, deren Entwicklung er seit den 1980er-Jahren maßgeblich mitbestimmte.

Kurator Thierry-Maxime Loriot, der in der Kunsthalle München bereits »Jean Paul Gaultier. From the Sidewalk to the Catwalk« inszenierte, erklärt:

»Diese Ausstellung bietet keinen chronologischen, sondern einen thematischen Überblick. Die Besucher können die Welt von Peter Lindbergh erkunden, seinen einmaligen Blick auf jene Themen kennenlernen, zu denen er immer wieder zurückkehrt, aber auch solche Werke entdecken, die zusammen mit anderen Künstlern wie Pina Bausch oder Jenny Holzer entstanden.

Zudem beleuchtet die Ausstellung die Bedeutung des Menschlichen in Lindberghs Werk. Sie verrät viel über seine Werte und über seine Einstellung zu Alter, Schönheit und Weiblichkeit sowie zu großen gesellschaftlichen Fragen. Dabei wird auch Lindberghs grenzenlose Kreativität und Imaginationskraft in seinen Fotos offensichtlich.«

Die Ausstellung »From Fashion to Reality« ist eine Hommage an Lindberghs facettenreiches OEuvre von 1978 bis heute. Sie zeigt seine künstlerische Entwicklung anhand der Themen, die er über die Jahre mit besonderer Leidenschaft verfolgte: »Supermodels«, »Couturiers«, »Zeitgeist«, »Tanz«, »Die Dunkelkammer«, »Das Unbekannte«, »Silver Screen« und »Ikonen«.

Einblicke in Lindberghs Schaffen

Bedingt durch die Veröffentlichung in flüchtigen Printmedien, wie monatlich erscheinenden Mode-Zeitschriften, ist ein Teil von Lindberghs Werk trotz seiner historischen Bedeutung heute in Vergessenheit geraten; weitere Arbeiten wurden niemals der Öffentlichkeit gezeigt. Lindbergh gestattete Thierry-Maxime Loriot uneingeschränkten Zutritt zu seinem Archiv: Mit Objekten aus diesem riesigen Fundus konnte der Kurator das offizielle Werk Lindberghs z. B. um Making-of- und Behind-the-Scenes-Material ergänzen und gewährt damit einen neuen Einblick in die Geschichte der Fotografie der letzten Jahrzehnte.

Neben einer filmischen Biografie über Lindbergh ist seine Dokumentation Models. The Film (1991, 52 Minuten) zu sehen sowie Interviews mit Mitarbeitern, Models und Schauspielern, darunter Grace Coddington, Nicole Kidman, Cindy Crawford und dem deutschen Supermodel Nadja Auermann.

Über Peter Lindbergh

Peter Lindbergh ist bekannt für seine einprägsamen filmischen Bilder und gilt als einer der einflussreichsten zeitgenössischen Fotografen. Er wurde 1944 in Lissa (Polen, damals von Deutschland besetzt) geboren. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Duisburg. Dort arbeitete er für ein Kaufhaus als Schaufensterdekorateur, bis er sich in den frühen 1960er-Jahren an der Kunstakademie in Berlin einschrieb. In Erinnerung an diese Jahre bemerkt er: »Statt die obligatorischen Porträts und Landschaften zu malen, wie sie an der Kunstschule unterrichtet wurden, suchte ich vielmehr die Anlehnung an mein Idol van Gogh …«. Inspiriert von diesem Künstler zog er für fast ein Jahr nach Arles, bevor er per Anhalter nach Spanien und Nordafrika aufbrach. Später studierte er freie Malerei an der Kunsthochschule in Krefeld. Dort lernte er die Werke von Joseph Kosuth und die Konzeptkunst-Bewegung kennen. Noch vor seinem Abschluss wurde er 1969 von der anerkannten Avantgarde-Galerie Denise René–Hans Mayer eingeladen, seine Arbeiten auszustellen.

1971 zog Lindbergh nach Düsseldorf, wo er sich der Fotografie zuwandte und zwei Jahre bei Hans Lux assistierte, bevor er 1973 sein eigenes Studio eröffnete. Durch ein Angebot des Stern-Magazins, für das vor ihm bereits Foto-Legenden wie Helmut Newton, Guy Bourdin und Hans Feurer gearbeitet hatten, wurde er in Deutschland bekannt. 1978 zog er nach Paris, um seine Karriere weiter voranzutreiben.

1988 erntete Lindbergh erstmals internationale Anerkennung als Fotograf und bahnte einer neuen Generation von Models, die er kurz zuvor entdeckt hatte, den Weg zum Erfolg – aufgrund eines ganz bestimmten Fotos, auf dem er sie in schlichten weißen Hemden zeigte. Ein Jahr später fotografierte er Linda Evangelista, Naomi Campbell, Cindy Crawford, Christy Turlington und die in Hamburg geborene Tatjana Patitz erstmals zusammen für das legendäre Cover der amerikanischen Vogue vom Januar 1990. Lindberghs Fotografien und insbesondere dieses Cover läuteten das Zeitalter der Celebrity-Models ein. Sie sollten das Bild der modernen Frau neu definieren und inspirierten u.a. George Michael zu seinem legendären Musik-Video Freedom! ’90.

In der Ausgabe vom Mai 2016 des bekannten Magazins Art Forum erklärte Lindbergh in einem Interview mit der Journalistin Isabel Flower: »Ein Modefotograf sollte dazu beitragen, Bilder von Frauen und Männern in ihrer jeweiligen Zeit zu verorten und ihre soziale und menschliche Realität widerzuspiegeln. Ist die Absicht der Werbung, alle Zeichen des Lebens und der Erfahrung zu retuschieren, alle individuelle Wahrheit aus dem Gesicht zu löschen, nicht surreal?«

Seit den späten 1970er-Jahren arbeitete Lindbergh mit den prestigeträchtigsten Modelabels und Magazinen zusammen, sowohl für die internationalen Ausgaben der Vogue, wie auch für The New Yorker, Rolling Stone, Vanity Fair, Harper’s Bazaar US, Wall Street Journal Magazine, Visionaire, Interview und W. 2016 bekam Lindbergh den Auftrag, die 2017-Ausgabe des Pirelli-Kalenders zu gestalten – in der 50-jährigen Geschichte des Kultkalenders ist er der Erste, der dreimal gebucht wurde. Seine Arbeiten sind Teil ständiger Sammlungen in vielen Kunstmuseen auf der ganzen Welt und wurden bereits in einigen renommierten Museen und Galerien gezeigt; u.a. in Gruppenausstellungen im Victoria & Albert Museum (London) oder dem Centre Pompidou (Paris), sowie in Einzelausstellungen im Hamburger Bahnhof (Berlin), dem Bunkamura Museum für Kunst (Tokio) und dem Puschkin-Museum (Moskau).

Zudem hat Lindbergh eine ganze Reihe an gefeierten Filmen und Dokumentationen gedreht: Models. The Film (1991), Inner Voice (1999), der 2000 den Preis für die beste Dokumentation auf dem Toronto International Film Festival gewann, Pina Bausch. Der Fensterputzer (2001) und Everywhere at Once (2007), der von Jeanne Moreau gesprochen wird und sowohl in Cannes als auch auf dem Tribeca Film Festival gezeigt wurde.

Lindbergh wird von der Gagosian Gallery und von 2b Management vertreten. Er lebt in Paris, Arles und New York.

Die Ausstellung »Peter Lindbergh. From Fashion to Reality« wurde von der Kunsthal Rotterdam in Zusammenarbeit mit dem Kurator Thierry-Maxime Loriot und Peter Lindbergh unter dem Titel »Peter Lindbergh. A Different Vision on Fashion Photography« entwickelt. Im Taschen-Verlag erschien begleitend ein hochwertiges Buch mit 472 Seiten.

Anlässlich der Ausstellung hat Peter Lindbergh die Schaufenster von Ludwig Beck am Münchner Marienplatz gestaltet.

Besucherinformationen

Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung
Theatinerstraße 8, D-80333 München
Tel +49 (0)89 22 44 12

Ausstellungsdauer: bis 27. August 2017
Öffnungszeiten: täglich 10–20 Uhr | am 30.6.17 10–17 Uhr 
Eintritt: € 12 | ermäßigt € 6 | 6–18 Jahre € 1 | bis 6 Jahre: frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Kunsthalle der Hypo-Kulturstiftung.

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Anja Hoenen