Adolphe Braun im Münchner Stadtmuseum

Ein europäisches Photographie-Unternehmen und die Bildkünste im 19. Jahrhundert

Das Münchner Stadtmuseum richtet erstmals im deutschsprachigen Raum eine Retrospektive des französischen Fotografen Adolphe Braun (1812-1877) aus. Ausgehend von einem umfangreichen Sammlungsfundus und weltweiten Leihgaben präsentiert die Ausstellung noch bis zum 21. Januar 2018 circa 400 Originalaufnahmen des Fotografen und weitere 20 Gemälde internationaler Künstler.

Adolphe Braun zählt zu den prägendsten und einflussreichsten Fotografen im Europa des 19. Jahrhunderts. Sein fotografisches Debut feierte der ehemalige Textildesigner in Paris auf der Weltausstellung von 1855, wo er eine Serie von Blumenstudien präsentierte. Die Schönheit des bekannten Stillleben-Genres in der Fotografie begeisterte das internationale Publikum derart, dass sich die Aufnahmen nicht nur als Vorlagen für Handwerker durchsetzten, sondern auch in der Kunstwelt Aufsehen erregten.

Von da an zeigte sich der Franzose außerordentlich experimentierfreudig im Umgang mit dem Fotoapparat. So waren Adolphe Braun, einige Familienmitglieder sowie Mitarbeiter – die gemeinsam das Fotografieunternehmen „Ad. Braun et Co.“ aufbauten – Pioniere der Alpenfotografie. Großformatige Ansichten der Schweizer Berge entstanden durch riskante Expeditionen ins Hochgebirge und stießen in Wissenschaftskreisen sowie bei Touristen auf großes Interesse. Sie dokumentieren eine Naturlandschaft, die sich im Zuge der Industrialisierung und des Klimawandels rapide wandelte und gehören auch heute noch zu den eindrucksvollsten Bildern der Alpenwelt.

Inspiriert und beeindruckt von Brauns Fotografien fertigte der französische Maler Gustave Courbet das Gemälde „Château Chillon“ des gleichnamigen Schweizer Seeschlosses an. Das Bild wird an zentraler Stelle in der Ausstellung neben Werken von Alexandre Calame und in Bezug zu den Fotografien gezeigt. Insgesamt zwölf Kapitel stellen den Bildkosmos von Adolphe Braun in den Verbund mit den Bildenden Künsten des 19. Jahrhunderts.

Die malerische Wirkung von Unschärfe entdeckte Braun in einer Serie von Porträts, die jedoch keine Personen wiedergaben, sondern Pferde, Schafe oder Kühe. Maler wie Rosa Bonheur oder Albert Heinrich Brendel bemächtigten sich dieser Tieraufnahmen, um sie als Modellstudien für Gemälde zu nutzen. Dem toten Tier in seiner Funktion als Memento mori – ein klassisches Motiv der Kunst seit der Frühen Neuzeit – widmete sich eine Serie großformatiger Jagdstillleben, denen wiederum der amerikanische Maler William Harnett bei einer Reise nach München begegnete und der fortan die amerikanische Stilllebenmalerei revolutionierte.

Auch ein in der Kunst des 19. Jahrhunderts weit verbreiteter Orientalismus fand in Brauns Fotografien Ägyptens eine neue Inspirationsquelle. Obwohl die Serie 1869 aus Anlass der Eröffnung des Suezkanals entstanden war, handelte es sich nicht um journalistische Ereignisaufnahmen. Die Ägyptenbilder sind pittoreske Ansichten der unverwechselbaren Natur um den Nil und ergänzten so etwa die Studien des Malers Eugène Fromentin.

Ein enger Vertrauter von Adolphe Brauns Sohn Gaston war der Elsässer Maler Jean-Jacques Henner. Sowohl das Fotografieunternehmen als auch der Künstler interessierten sich für die Folklore des Elsass und der Schweiz. Aus dieser Faszination entstanden Genre-Szenen und Kostümstudien, doch die farblosen Fotografien wurden, um den Gemälden in nichts nachzustehen, aufwendig von Hand koloriert. Das Resultat war jedoch eher Kitsch als Kunst, weshalb sich der Markt dieser Fotografien auf ein regionales Interesse begrenzen musste.

Umgekehrt dienten dann aber auch Jean-Jacques Henner Brauns Bilder als Vorlagen. Besondere Relevanz erlangten die Reproduktionen von Kunstwerken und Zeichnungen führender europäischer Museen und Privatsammlungen für Künstler. Noch bevor die Firma 1885 die Stellung als offizieller Fotograf des Louvre innehatte, entstanden über 30.000 Aufnahmen von, dem Geschmack der Zeit nachkommend, maßgeblich italienischer, niederländischer und französischer Kunst. Zum Beispiel dokumentierten die Fotografen 1869 Michelangelos Fresken der Sixtinischen Kapelle, was neben der künstlerischen auch die kunstwissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Fotografie anregte. Die auf dem fotografischen Bild basierende Wahrnehmung prägte die im Entstehen begriffene Wissenschaftsdisziplin, und bedeutende Kunsthistoriker der Zeit kooperierten eng mit dem Unternehmen Adolphe Brauns.

Inmitten der Arbeiten an den Reproduktionskampagnen verwüstete der Deutsch-Französische Krieg Städte und Landstriche in Frankreich.

Zur Dokumentation der Kriegsschäden wie auch zur Herstellung kommerziell rentabler Ruinenaufnahmen fertigte Braun 1871 Ansichten von Paris und Belfort an.

Eine dieser Fotografien spiegelt eine Ikone der Kunst zur Pariser Kommune wider: Ernest Meissoniers Gemälde „Ruines du Palais des Tuileries“.

Den territorialen Verlust von Elsass und Lothringen nach dem für Frankreich verlorenen Krieg betrauerten überdies Brauns allegorische Darstellungen einer Elsässerin und einer Lothringerin in traditionellen Kostümen.

Die Motive wurden aufgrund ihrer hohen Symbolkraft nicht nur in Abzügen, sondern auch in Druckgrafik und Postkarten, auf Porzellan oder Stoff verbreitet.

Publikation

Zur Ausstellung erscheint der Katalog Adolphe Braun. Ein Photographen-Unternehmen des 19. Jahrhunderts im Schirmer/ Mosel Verlag mit Texten der Herausgeber Ulrich Pohlmann und Paul Mellenthin sowie Jan von Brevern, Christian Kempf, Dorothea Peters, Marie Robert, Aziza Gril-Mariotte und Bernd Stiegler. 360 Seiten, 359 Abbildungen in Farbe. Format: 24,5 x 28 cm, gebunden. Deutsche Ausgabe.
ISBN: 978-3829608237
Preis: 58 €

Die Ausstellung und der Katalog werden von der Ernst von Siemens Kunststiftung und dem Verein „Freunde des Münchner Stadtmuseums e.V.“ gefördert.

„Die Förderung ist motiviert durch die intensive Forschungsarbeit des Münchner Stadtmuseums zu seinen umfangreichen Beständen des französischen Fotografen Adolphe Braun. Die durch zahlreiche internationale Leihgaben ergänzte Retrospektive des Kunstfotografen ist eine Ausstellung ganz im Sinne unseres Gründers Ernst von Siemens, der die wissenschaftliche Erschließung und Vermittlung der Kunst unterstützen wollte“, freut sich Dr. Martin Hoernes, Generalsekretär der Ernst von Siemens Kunststiftung.

Die Ausstellung erfolgt in Zusammenarbeit mit dem Musée Unterlinden in Colmar, wo sie anschließend im Frühjahr 2018 gezeigt werden wird.

Besucherinformationen

Münchner Stadtmuseum
St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München
Tel +49 (0)89-233-22370
Fax +49 (0)89-233-25033

Ausstellungsdauer: bis 21. Januar 2018
Öffnungszeiten: Di bis So 10-18 Uhr, Mo geschlossen
Eintritt: 7 Euro, ermäßigt 3,50 Euro, unter 18 Jahren frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Münchner Stadtmuseum

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

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