Jakob Tuggener. Maschinenzeit

Dokumentation der Industriearbeit

Jakob Tuggener (1904–88) gehört zu den Ausnahmeerscheinungen der Schweizer Fotografie. Seine persönlichen und ausdrucksstarken Aufnahmen von rauschenden Festen der besseren Gesellschaft sind legendär, und sein Buch Fabrik von 1943 gilt als ein Meilenstein der Geschichte des Fotobuchs. Im Zentrum der Ausstellung Maschinenzeit stehen Fotografien und Filme aus der Welt der Arbeit und der Industrie.

Sie reflektieren nicht nur die rasante technische Entwicklung von der Textilindustrie im Zürcher Oberland bis zum Kraftwerkbau in den Alpen, sondern zeugen auch von Tuggeners lebenslanger Faszination für alle Arten von Maschinen: von Webstühlen über Schmelzöfen und Turbinen bis zu Lokomotiven, Dampfschiffen und Rennautos. Er liebte ihren Lärm, ihre dynamischen Bewegungen und ihre unbändige Kraft, und er hielt sie in Bildern fest, die zwischen stiller Poesie und starker Expressivität oszillieren. Gleichzeitig beobachtete er die Männer und Frauen, die mit ihrer Arbeit den Motor des Fortschritts am Laufen hielten – nicht ohne anzudeuten, dass dereinst Maschinen die Menschen beherrschen könnten.

Die Ausstellung ist noch bis zum 28. Januar 2018 in der Fotostiftung Schweiz in Winterthur zu sehen.

Jakob Tuggener kannte die Welt der Fabriken wie kaum ein anderer Fotograf seiner Zeit, hatte er doch bei der Firma Maag Zahnräder AG in Zürich eine Ausbildung als Maschinenzeichner absolviert und danach in deren Konstruktionsabteilung gearbeitet. Durch den Werkfotografen Gustav Maag war er auch in die Technik der Fotografie eingeführt worden.

Als Folge der Wirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre wurde er jedoch entlassen, worauf er sich den seit seiner Kindheit gehegten Traum, Künstler zu werden, mit einem Studium an der Reimannschule in Berlin erfüllte. Knapp ein Jahr befasste er sich dort intensiv mit Plakatgestaltung, Typografie und Film und ließ sich mit seiner Fotokamera von der Dynamik der Großstadt mitreißen.

Nach seiner Rückkehr in die Schweiz begann er 1932 als freier Mitarbeiter für die Maschinenfabrik Oerlikon (MFO) zu arbeiten, vor allem für deren Hauszeitung mit dem programmatischen Titel Der Gleichrichter. Obwohl die Firma bereits einen eigenen Werkfotografen beschäftigte, wurde er mit der Aufgabe betraut, eine Art fotografische Innensicht des Betriebs zu erarbeiten. Damit sollte die Kluft zwischen Arbeitern und Büroangestellten einerseits und der Geschäftsleitung andererseits überbrückt werden.

So erschienen bis Ende der 30er-Jahre neben mehrteiligen Reportagen aus den Produktionshallen sowie Porträtserien von «Mitgliedern der MFO-Familie» auch einseitige, albumartig angeordnete Bildreihen von unbeachteten Szenen aus dem Fabrikalltag.

Ab 1937 schuf Tuggener auch eine Reihe 16mm-Kurzfilme – immer schwarzweiß und stumm und im Spannungsfeld zwischen Fiktion und Dokumentation. Dazu gehört etwa das vom Surrealismus geprägte Drama um Tod und Vergänglichkeit («Die Seemühle», 1944), das Tuggener mit Laienschauspielern in einer leerstehenden Fabrik am Ufer des Oberen Zürichsees inszenierte; oder die filmische Auseinandersetzung mit dem Thema Mensch und Maschine («Die Maschinenzeit», 1938–70). Diese knüpft an die frühere, gleichnamige Buchmaquette an und transformiert sie in eine bewegte, unmittelbar erlebbare, aber auch flüchtige Vision des Tuggenerschen Maschinenzeitalters.

Besucherinformationen
Fotostiftung Schweiz
Grüzenstrasse 45, CH-8400 Winterthur (Zürich)
Tel +41 52 234 10 30

Ausstellungsdauer: bis 28. Januar 2018
Öffnungszeiten: Di bis So 11-18 Uhr, Mi 11-20 Uhr
Eintritt: CHF 10.-, ermäßigt CHF 8.-, bis 16 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Fotostiftung Schweiz.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Fabrik: Ein Bildepos der Technik (Gebundene Ausgabe)

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