Rezension: Subjective Objective. A Century of Social Photography

Subjective Objective. A Century of Social Photography Book Cover Subjective Objective. A Century of Social Photography
Donna Gustafson, Andrés Mario Zervigón (Hrsg)
Sozialdokumentarische Fotografie
Hirmer Verlag
26. Oktober 2017
Hardcover
368

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Social Photography – Die Kamera als Waffe

Subjective Objective: A Century of Social Photography – unter diesem Titel stellte das Zimmerli Art Museum der Rutgers University in New Brunswick/New Jersey vom 05.09.2017 bis zum 07.01.2018 eindrucksvolle Aufnahmen von knapp 70 Fotografen aus. Parallel zur Ausstellung erschien das gleichnamige Buch mit den Fotografien und Texten zum Ausstellungsthema. Zusammengetragen wurden sowohl Werke von Ikonen und Wegbereitern aus dem frühen 20. Jahrhundert als auch zeitgenössische Fotografen.

Ausstellung und Publikation sind ein wesentliches Ergebnis der Kooperation zwischen dem Kunstmuseum und der kunstgeschichtlichen Fakultät der Rutgers University. Ein vorausgegangenes Seminar an der Rutgers University lautete Reading Photography as Document. Dabei wurde untersucht, inwiefern Social Photography genutzt oder auch instrumentalisiert wurde, um Veränderungen bei sozialen Missständen anzustoßen.

Nina Berman (American, born 1960), Helicopter Fly-by, 2006, Digital color print. Courtesy of the artist, © Nina Berman

Das Projekt Subjective Objective hatte die Aufgabe, sowohl die Entstehung der Social Photography als auch die damit verfolgten Ziele und die Motive der Akteure zu beleuchten. In der Geschichte der Fotografie wandelte sich das Verständnis darüber, was Fotografie ist, sehr schnell. Fotografieren bedeutete in den Anfängen, wie durch ein „kristallklares Fenster“ den Blick auf die Welt um uns herum zu werfen und Fotografien sogar als visuelles Beweismittel zu akzeptieren. Dieses Verständnis schuf die Grundlage für die Dokumentarfotografie.

Doch tatsächlich gleicht die Kamera einem Prisma, das den Blick des Betrachters lenkt: Welche Situation, welcher Gegenstand wurde ausgewählt? Zu welcher Zeit? Mit welcher Absicht? Dies sind Fragen, die verdeutlichen, dass die Kamera in der Hand des Fotografen ein Werkzeug – ja, in der Verfolgung einer (guten) Absicht – eine Waffe sein kann.

Gordon Parks (American, 1912–2006), Segregation Story, Willie Causey and Family, Shady Grove, Alabama, 1956, Archival pigment print, Courtesy of and copyright The Gordon Parks Foundation

„I chose my camera as a weapon against all the things I dislike about America – poverty, racism, discrimination“ (Gordon Parks, Fotograf, 1966, zitiert im Buch). Diese Instrumentalisierung, bedingt durch den Wunsch nach sozialem und politischem Wandel, verändert unseren Blick, unsere Wahrnehmung und unsere Bewertung. Aber auch andere, durchaus auch eigennützige Motive, spielen dabei eine Rolle.

Heute gilt die sozialdokumentarische Fotografie als „kritischer Teil“ der Kunstgeschichte. In Museen und Galerien wurde sie erst seit den späten 70er Jahren berücksichtigt und gewürdigt. Mit ihrer sozialkritischen Ausrichtung übernahm sie die Aufgabe, sich den Lebenslagen der unterprivilegierten und benachteiligten Menschen zu widmen.

Autoren des Buches sind Donna Gustafson, Kuratorin am Zimmerli Art Museum und Andrés Mario Zervignón, Professor im Fachbereich Kunstgeschichte an der Rutgers University. Weitere Fachexpertise, u. a. für russische und sowjetische Fotografie, steuern Julia Tulovsky und Sarah M. Miller mit ihren Gastbeiträgen bei.

Inhalt

Untergliedert ist das Buch in einen textlichen Teil mit vier Aufsätzen und einzelnen Abbildungen. Die Texte nehmen das erste Drittel des Buches ein. Der folgende Hauptteil besteht aus etwa 170 großformatigen bzw. ganzseitigen Aufnahmen und einige kleinere Fotografien. Auf den letzten 26 Seiten findet der interessierte Leser eine ausgewählte Bibliographie, den Ausstellungskatalog und eine Vorstellung der Autoren und am Buch Mitwirkenden.

Alexander Rodchenko (Russian, 1891–1956), Stacking, 1931, Gelatin silver print, Collection Zimmerli Art Museum at Rutgers, Gift of Margarita Tupitsyn, © Estate of Aleksandr Rodchenko/RAO, Moscow/VAGA, New York, Photo by Peter Jacobs

Das Buch befasst sich innerhalb des Genres der sozialen Dokumentarfotografie mit den Unterschieden zwischen Objektivität und Subjektivität und behandelt die Fragen um Wahrheit und Objektivität. Auch die individuellen Motive, die die Dokumentarfotografen zu ihren Aufnahmen und Projekten inspirierten und motivierten, werden thematisiert. Sie bestehen häufig im Wunsch nach sozialer und politischer Veränderung, aber auch in der Anerkennung des eigenen fotografischen Wirkens.

Überwiegend wurden Aufnahmen US-amerikanischer und russischer bzw. sowjetischer Fotografen zusammentragen. Daneben findet eine große textliche Beachtung die Geschichte der fotographischen Dokumentation der Arbeiterbewegung in Deutschland mit deren Arbeits- und Lebensbedingungen. Die deutsche Sozialfotografie, die ihren Beginn in der Arbeiterbewegung nahm, erfuhr in den dreißiger und vierziger Jahren ein jähes Ende und konnte erst nach 1945 wieder ihre Entwicklung aufnehmen.

Walker Evans (American, 1903–1975), Alabama Tenant Farmer Wife (Allie Mae Burroughs, Hale County, Alabama), 1936, Gelatin silver print, Private Collection, © Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art

Thematisiert wird auch der Unterschied zwischen den sogenannten Piktoralisten und den Dokumentaristen.

Erstere lichten eine Situation wegen ihrer Schönheit oder wegen ihres Kontrastes – bezogen auf die sozialen Unterschiede! – ab und verschönern bzw. verstärken den Kontrast gar.

Sie nutzen die Fotografie als politisches Werkzeug und verfolgen wie Lewis Hine oder Walker Evans mit ihrer Arbeit ein Ziel.

Sie klagen Missstände an, drängen auf Veränderung und sind somit Vertreter eines sehr subjektiven Ansatzes.

Letzteren dient die Fotografie als Mittel zum Zweck.

Andere dagegen versuchen – in einem eher objektiven Ansatz – die soziale Situation verschiedener Schichten fotografisch in großer Sachlichkeit wiederzugeben – ohne Anklage oder unmittelbar ersichtliche Intention.

Hier ist als Vertreter vor allem August Sander zu nennen, einer der bekanntesten Fotografen des 20. Jahrhunderts aus Deutschland.

Im Buch werden Werke von Lewis Hine und Jacob A. Riis gezeigt, den Ikonen der US-amerikanischen Sozialdokumentation. Hine verstand die Fotografie als politisches Werkzeug, um Missverständnisse aufzuzeigen und Veränderungen zu initiieren. Bekannt wurde er mit dem Bildband Men At Work und der fotografischen Begleitung beim Bau des Empire State Building. Ein bekannter Vertreter der Gegenwart ist der Brasilianer Sebastião Salgado. Von dem eingangs zitierten Gordon Parks – die Kamera als Waffe – sind Bilder über die Black Muslims-Bewegung zu sehen, von Hans Bresler, dem „Arbeiterfotografen“ (Bresler in einem Selbstzeugnis über sich selbst), werden Aufnahmen vom deutschen Proletariat der Zwischenkriegsjahre gezeigt.

Aber nicht nur Aufnahmen über sozial Benachteiligte finden Eingang in das Buch. Auch der Widerstand gegen den Vietnam-Krieg, die Trauer um den Tod des Bischofs von San Salvador, Bischof Romero, die Arbeitswirklichkeit verschiedener Berufstätiger und Szenen aus den Vorstädten der USA spielen eine große Rolle.

Weitere Werke stammen von Berenice Abbott, Max Alpert, Walker Evans, Larry Fink, LaToya Ruby Frazier, Boris Ignatovich, Dorothea Lange, Igor Moukhin, Alexander Rodtschenko, Arthur Rothstein, August Sander u. a. m.

Garry Winogrand (American, 1928–84), New York City, New York from the portfolio Women Are Better Than Men. Not Only Have They Survived, They Do Prevail., 1969, Gelatin silver print, Collection Zimmerli Art Museum at Rutgers, Gift of Varick D. Martin, © The Estate of Garry Winogrand, courtesy Fraenkel Gallery, San Francisco, Photo by Bryan Whitney

Layout und Qualität

Text und Fotos sind auf durchgängig verstärkten Seiten gedruckt, was haptisch einen guten Eindruck hinterlässt und dem Buch einen wertigen Eindruck verleiht. Die Oberfläche ist geglättet und bringt die überwiegend schwarzweiß belichteten Aufnahmen gut und kontrastreich zur Geltung. Viele Aufnahmen sind auch aufnahmetechnisch von hervorragender Qualität. Die Werke der russischen Künstler wirken aufgrund technischer Beschränkungen eher „lomographisch“, was Schärfe und Farbwiedergabe betrifft.

Die längeren Texte in Englisch sind gut verständlich geschrieben. Gesetzt sind sie im Flattersatz. Mir selbst hätte hier ein Blocksatz besser gefallen, der visuell für mehr Ruhe gesorgt hätte.

Fazit und Empfehlung

Das Buch bietet einen fundierten Einstieg in das Genre der Sozialfotografie bzw. der sozialdokumentarischen Fotografie. Umfang der Texte und die Anzahl der gedruckten Fotografien stehen in einem guten Verhältnis zueinander. Die Texte sensibilisieren den Leser für das Thema, selbst wenn er über wenig Vorwissen verfügt. Informativ führen sie jeweils zum gewählten Schwerpunkt hin. Die Texte sind umfangreich und erfordern aufgrund der fehlenden Übersetzung ins Deutsche ein wenig Ausdauer beim Lesen. Eine Übersetzung hätte sicher geholfen, das Buch einem breiteren Publikum bekannt zu machen. Die Beschränkung auf US-amerikanische und russische bzw. sowjetische Fotografen im zweiten Teil des Buches fällt meines Erachtens zu deutlich aus und spiegelt so zu wenig die thematische Einführung im ersten Teil wider. Vier von fünf Sternen.

Die Daten

Donna Gustafson, Andrés Mario Zervigón (Hrsg). Subjective Objective. A Century of Social Photography erschien am 26. Oktober 2017 im Hirmer Verlag. Mit Beiträgen von D. Gustafson, S. M. Miller, J. Tulovsky, A. M. Zervigón. Text: Englisch, 368 Seiten, 229 Abbildungen, 21,6 x 25,4 cm, gebunden.
ISBN: 978-3-7774-2953-3
Preis: 49,90 € [D] | 51,30 € [A] | 60,90 SFR [CH]

Rezension: Ansgar Hoffmann

Unsere Bewertung:

 

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Anja Hoenen
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Subjective Objective. A Century of Social Photography, Hirmer Verlag
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