Rezension: Erik Chmil. Solitude

Erik Chmil: Solitude Book Cover Erik Chmil: Solitude
Petra Giloy-Hirtz
Monografie, Fotokunst, Lost Place
Hirmer Verlag
1. November 2017
Hardcover
156

.

Für Fans perfekt gemachter Bildbände

SOLITUDE ist ein schlicht und elegant gemachtes Foto-Kunstbuch. Der feste Leinenumschlag ist wertig, das Format liegt gut in der Hand und gibt den Abbildungen genügend Raum. Die Spiegelseiten zu Beginn und am Ende des Buches sind in angenehm warmem kaffeebraun gehalten. Die Typographie ist schlicht, modern und leicht zu lesen. Gedruckt auf 150g Kunstdruckpapier ist die Qualität der Abbildungen ohne Tadel. Ihre Größe reicht vom Postkartenformat auf weißem Grund bis zur vollen Seite.

© Erik Chmil

Die Autoren

Erik Chmil ist Jahrgang 1968 und seit 1993 selbständiger Fotograf in Köln. Seine Schwerpunkte liegen auf der Fotografie von Automobilen, Architektur, Orten, Menschen und Werbung. Er kann auf zahlreiche Publikationen und Auszeichnungen zurückblicken.

Petra Giloy-Hirtz ist die Verfasserin des Vorworts. Sie kuratiert Ausstellungen zeitgenössischer Kunst in Museen, Galerien und in Unternehmen. Daneben schreibt sie  Bücher, arbeitet als Herausgeberin und berät beim Erwerb von Kunstwerken und Aufbau von Sammlungen.

Dipl.-Phil. Jürgen Opel zeichnet für das Nachwort verantwortlich, das im Interview-Stil mit dem Künstler entstanden ist. Jürgen Opel ist freier Journalist für den NDR in Berlin.

© Erik Chmil

Der Inhalt

Vorwort

Ausführung und Inhalt von Vorworten sind den Publikationen, denen sie vorangestellt sind, nicht immer dienlich. Es mag verständlich sein, eine Art Einführung in ein wie auch immer geartetes künstlerisches Werk zu geben und bei bestimmten Gelegenheiten ist es sicher auch angebracht. In vielen Fällen jedoch sind Vorworte nichts weiter als mehr oder weniger gelungene Versuche, ein Thema künstlich mit Gehalt aufzuladen. Letztendlich lässt sich alles mit einem theoretisch-wissenschaftlichen Überbau versehen, der darauf hinweisen soll, wie intentionsgeschwängert der im Anschluss präsentierte Inhalt ist. Je nach Blickwinkel kann auf diese Art auch ein Bildband über Kaugummiautomaten metaphorisch verklärt werden. So auch in diesem Fall.

© Erik Chmil

Wie bei allen derartigen Auslassungen läuft die Autorin Gefahr, ihre Ausführungen durch name-dropping, ihr kunsthistorisches Wissen und viel Wahrnehmungspsychologie Glanz zu verleihen. Das ist alles durchaus kompetent geschrieben und gerät jedem akademischen Dossier zur Ehre – aber dieses Buch ist dafür nicht der richtige Ort. Zum Glück gelingt es dem Text an keiner Stelle, den Fotografien die Schau zu stehlen, auch wenn die Autorin in ihrem Text einzelne Passagen wichtig unterstreicht und am Ende noch Joni Mitchells berühmtes „Big Yellow Taxi“ auszugsweise bemüht, gefolgt von einem verzweifelt überleitenden Schlussabsatz. Die Fotografien brauchen dieses Vorwort nicht. Sie haben eine eigene, ihnen immanente Qualität.

Fotografien

Vorweg: es geht um Parkplätze. Leere Parkplätze. Kleine, große, einsame, zentral gelegene, schöne und hässliche Parkplätze. Der Buchtitel SOLITUDE bezieht sich daher direkt und ohne Umschweife auf die einsame, leere Fläche mit diesen seltsamen Linien, entlang derer die mobile Menschheit ihre Blechkarossen ausrichtet. Das muss nicht transzendent erklärt werden, es leuchtet jedem ein, der das Buch zur Hand nimmt. Erik Chmil hat seine Leidenschaft für leere Parkplätze während seiner Shooting-Aufträge in der Automobilbranche entwickelt und über die Jahre kultiviert. So sind in seinem Buch Aufnahmen aus zwanzig Reisejahren versammelt. Leere Parkplätze aus aller Welt.

© Erik Chmil

Die Fotografien stehen selbstbewusst und mit viel Platz auf den Seiten. Sie sind versehen mit der Jahreszahl ihrer Entstehung und dem Entstehungsort. Mehr hat der Fotograf dazu nicht zu sagen. Wir finden keine Anekdoten zu den Bildern, keine EXIFs, kein Making-Of. Der Künstler lässt uns mit den Bildern allein und der Leser hat alle Zeit der Welt, sich ihnen ohne weiteren Ballast zu widmen. Kunst entsteht im Auge des Betrachters – es sind keine weiteren Hilfsmittel erforderlich.

Parkplätze im Sommer und im Winter, bei Tag und bei Nacht, im Sonnenlicht und im Regen – immer verlassen, immer leer und immer verschieden. Das ist alles. Und für denjenigen, der Gefallen daran findet, ist es ein Paradies. Die Aufnahmen sind technisch makellos, Lost Places ohne seltsame HDR-Filter und EBV-Bemühungen. Und selbst wenn noch digital daran gefeilt worden sein sollte, dann so subtil, dass es nicht zu sehen ist. Man verliert sich schnell beim Blättern, betrachtet die Orte, möchte manche besuchen (und manche lieber nicht) und staunt über die Vielfalt der Welt. Das ist unterhaltsam und auf eine unaufdringliche Art beruhigend und schön.

© Erik Chmil
Nachwort (Interview)

Nachworte haben gegenüber Vorworten den Vorteil, dass sie kaum noch etwas kaputt machen können. Hält man die vorgegebene Reihenfolge ein, hat man den Hauptteil bereits hinter sich und das Nachwort ist entweder eine Bereicherung oder uninteressant. Hier gilt ersteres.

Im vorliegenden Fall ist das Nachwort ein Interview mit dem Fotografen und es werden Fragen erörtert wie

  • Was fasziniert Sie an Parkplätzen?
  • Wie entstand die Idee?
  • Parken Sie auch immer innerhalb der Linien?
  • Wie finden Sie die Locations?
  • Gibt es einen Parkplatz Ihrer Träume?

Das ist – vor allem nach dem Betrachten der Bilder – ein Gewinn. Manche Fragen hat man sich während der Betrachtung selbst gestellt, andere ergänzen das Bildmaterial und alle zusammen vermitteln ein Bild von dem Menschen Erik Chmil, das sehr kompetent und sympathisch ist.

Für wen ist dieses Buch geeignet?

  • Für Freunde von Fotokunst.
  • Für Fans perfekt gemachter Bildbände.
  • Für Parkplatz-Fetischisten
  • Für Leute, die Gefallen am Betrachten einsamer Orte finden und nicht unbedingt auf die gängigen Lost Places abonniert sind.

Fazit

Warum sollte man sich ein Buch mit Fotografien leerer Parkplätze ansehen oder gar kaufen? Aus demselben Grund aus dem man sich einen Katalog des Louvre anschaut: aus der Freude am Betrachten von Bildern. Noch dazu wenn das Buch so schön gemacht ist, die Fotografien eine solche Qualität besitzen und die Intention des Fotografen – das Abbilden von Einsamkeit und Melancholie – so gut umgesetzt wurde. 5 Sterne.

Die Daten

Petra Giloy-Hirtz. Erik Chmil. Solitude erschien am 1. November 2017 im Hirmer Verlag. Text: Deutsch / Englisch. 156 Seiten, 80 Abbildungen, 30 x 26 cm, gebunden, Leinen mit Vignette.
ISBN: 978-3-7774-2928-1
Preis: 39,90 € [D] | 41,10 € [A] | 48,70 SFR [CH]

Rezension: Gerhard Reininger

Unsere Bewertung:

5 Sterne

Erik Chmil: Solitude (Gebundene Ausgabe)


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Petra Giloy-Hirtz. Erik Chmil: Solitude, Hirmer Verlag.
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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
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