August Sander und Hanna Putz bei WestLicht

Porträt einer Gesellschaft & Porträts nach S.

Mit August Sander widmet sich das Wiener Fotomuseum WestLicht noch bis zum 20. Mai 2018 einem herausragenden Klassiker der Fotografiegeschichte. Die 70 Porträts des wegweisenden Vertreters der Neuen Sachlichkeit und Pioniers der dokumentarisch-konzeptuellen Fotografie sind in dieser Zusammenstellung zum ersten Mal in Österreich zu sehen. Es handelt sich dabei um die Wiederaufführung einer Ausstellung, die der Fotograf 1963, ein Jahr vor seinem Tod, noch selbst kuratiert hatte.

WestLicht-Vorstand Peter Coeln: „August Sander ist einer der ganz Großen und hat die Fotografie revolutioniert, vergleichbar mit Alexander Rodtschenko oder Edward Steichen. Sein Porträt einer Gesellschaft im Wandel ist gerade heute hochaktuell.“

Im Fokus der Ausstellung steht der epochale Porträtzyklus Menschen des 20. Jahrhunderts, den Sander Mitte der 1920er-Jahre entwickelte und in einer ersten Fassung unter dem Titel Antlitz der Zeit publizierte.

„Sein Konzept einer fotografischen Gesellschaftsanalyse mittels vergleichender und unmittelbarer Beobachtung zielte auf ein umfassendes Sozialporträt der Weimarer Republik ab“, fasst WestLicht-Chefkuratorin Rebekka Reuter zusammen. „Fotografie verstand er als universelle Weltsprache.“

Eingeteilt in sieben Gruppen, stellt der Bilderatlas Vertreter unterschiedlicher Gesellschaftsschichten und Berufsgruppen nebeneinander – vom Arbeitslosen bis zum Großindustriellen, von der Bildhauerin bis zur Putzfrau, vom Corpsstudenten bis zum Bohémien.

Sander verdichtet charakteristische Merkmale in Haltung, Gestik und Kleidung zu einer Reflexion des Individuellen in Beziehung zum Typischen.

Sein physiognomisches Zeitbild beleuchtet das Verhältnis von Mensch und Gemeinschaft.

Sander hat sein Mappenwerk immer wieder bearbeitet.

Sein universalistischer Ansatz ist dabei auch ein demokratischer und rationaler Gegenentwurf zu anderen Fotoprojekten der Zwischenkriegszeit, die Gemeinschaft elitär als Parade großer Denker und Lenker entwerfen oder völkisch entlang von Blut-und-Boden-Kategorien konstruieren.

Parallel zu August Sander zeigt WestLicht in der oberen Galerie die Ausstellung Porträts nach S. von Hanna Putz.

Die in Wien und Berlin lebende Künstlerin wurde eingeladen, den Raum mit einer Auswahl ihrer Porträts zu gestalten.

Die Bilder zeigen vor allem Frauen ihrer Generation – darunter Freundinnen aus dem Umfeld der Fotografin, Protagonistinnen der österreichischen Kunstszene oder Sportlerinnen, die Putz über einen längeren Zeitraum begleitete.

Erscheint in Sanders Kompositionen trotz der sozialen Verwerfungen der 1920er-Jahre die Verbindung von Mensch und Stand noch als stabiles Fundament, dokumentiert Hanna Putz das mittlerweile freigesetzte Individuum mit radikalen Schnitten und gekippten Bildachsen.

In ihrer charakteristischen, kraftvoll leisen, Bildsprache formuliert die Fotografin eine zeitgenössische, weibliche Perspektive auf Sanders Werk und daran anschließende konzeptuelle und gesellschaftliche Aspekte.

Eine weitere Brücke zur Gegenwartskunst schlägt eine Installation im Bereich des Kameramuseums. Dem weitreichenden Erbe der von Sander so bezeichneten exakten Fotografie und visuellen Soziologie wird dort durch eine Bücherausstellung Rechnung getragen, die Publikationen von Bernd und Hilla Becher, Rineke Dijkstra, Hans Eijkelboom, Bernhard Fuchs, Dana Lixenberg und vielen weiteren Künstler umfasst.

Über August Sander (DE 1876, Herdorf–1964, Köln)

Ab 1901 Angestellter, ab 1904 Eigentümer eines Fotoateliers in Linz. 1910 Übersiedlung nach Köln und Eröffnung eines Studios. In Köln enger Kontakt zur Künstlergruppe der Rheinischen Progressiven. 1929 Publikation von Antlitz der Zeit mit 60 Porträts als Vorabveröffentlichung zu seinem umfassenden Konzept eines Gesellschaftsporträts. Das Buch wird 1936 im nationalsozialistischen Deutschland verboten.

Im Krieg Auslagerung großer Teile von Sanders Archiv in den Westerwald. Sein Kölner Studio wird 1944 bei einem Bombenangriff zerstört. Sanders ältester Sohn stirbt im selben Jahr als politischer Häftling in einem Gefängnis der Gestapo.

1951 Einzelausstellung auf der Kölner photokina. 1955 Beteiligung an der von Edward Steichen kuratierten Ausstellung The Family of Man im Museum of Modern Art. 1961 Verleihung des Kulturpreises der Deutschen Photographischen Gesellschaft DGPh an Sander für sein Lebenswerk. Aus diesem Anlass und angeregt von L. Fritz Gruber entsteht die Idee zu einer Ausstellung mit neuen Abzügen aus Menschen des 20. Jahrhunderts. Diese 70 Porträts, derzeit im WestLicht zu sehen, werden erstmals im Rahmen der photokina 1963 ausgestellt, 1964 dann, nach Sanders Tod, in seinem Geburtsort Herdorf.

Der Nachlass des Künstlers wird seit 1992 durch Die Photographische Sammlung / SK Stiftung Kultur in Köln verwaltet.

Über Hanna Putz (*1987, Wien)

Hanna Putz lebt und arbeitet als Fotografin in Wien und Berlin. Ihre Fotografien wurden unter anderem in der Kunsthalle Wien, im Lentos Museum, Linz, MOCP, Chicago, FOAM, Amsterdam, in der Photographers Gallery, London, dem Autocenter Berlin, Fotohof Salzburg, Kunst Haus Wien und auf der 6. Moskau Biennale gezeigt. Sie sind vielfach publiziert, so in TAR Magazine, New York Magazine, Libération, Spike Art Quarterly, Zeit Magazin, Die Zeit, Another Magazine, Weltkunst, EINE Magazine, Vogue US und Dazed&Confused.

Putz war Gastdozentin an der Kunstuniversität Linz und an der Bauhaus Universität, Weimar. Arbeiten von Hanna Putz befinden sich unter anderem in der Sammlung des Belvedere 21 Museum für zeitgenössische Kunst.

Besucherinformationen

WestLicht. Schauplatz für Fotografie
Westbahnstraße 40, A-1070 Wien
Tel +43 (0)1 522 66 36 60

Ausstellungsdauer: bis 20. Mai 2018
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 14-19 Uhr | Do 14-21 Uhr |Sa, So 11-19 Uhr
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, 6-18 Jahre 3 Euro, bis 6 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von WestLicht. Schauplatz für Fotografie.

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