Haubitz + Zoche. Postkoloniale Erleuchtung

Kirchen und Kinos in Südindien

Wir wissen alles und die Informationen, die uns erreichen, kommen aus den entlegensten Winkeln der Welt. Haubitz + Zoche erzählen uns in ihrer Ausstellung Postkoloniale Erleuchtung, wie wenig wir eigentlich wissen und wie viel ungewöhnliche Schönheit sich im Unbekannten verbergen kann. Zu sehen ist die Ausstellung noch bis zum 26. August 2018 bei ZEPHYR | Raum für Fotografie in Mannheim.

Postkoloniale Erleuchtung zeigt Kirchen und Kinos in Südindien, die zwischen 1950 und 1970 in einer Spielart der modernen Architektur erbaut wurden, die man „postkolonial“ nennen kann. Die Kunst von Haubitz + Zoche steht klar in der Tradition deutscher Architekturfotografie. Durch deren formale Strenge beginnen die Bilder der Kirchen und Kinos förmlich zu leuchten. Die Betrachter werden so zu vergleichendem Sehen animiert.

Schon bald nach der Unabhängigkeit 1947 versuchte sich das junge Indien stilistisch von der Unterwerfung der indischen Kultur gegenüber tradierten kolonialen Baustilen zu befreien. So entstand eine einzigartige, postkoloniale und hybride Bauform. In ihr verschmelzen die Schlichtheit der Moderne, Elemente des Art Déco sowie regionale indische und religiöse Dekore mit intensiver Farbigkeit und überbordenden Verzierungen miteinander.

In der Ausstellung, die zum ersten Mal in Deutschland zu sehen ist, treffen die Serien der Kirchen und Kinos aufeinander. In beiden machen Haubitz + Zoche die Einflüsse verschiedener Kulturen und Epochen sichtbar und reflektieren so die dynamische Veränderung, die das Land prägt. Jenseits des Alltags scheinen Kinos wie Kirchen ihren jeweiligen Besuchern Orte ganz unterschiedlicher Erleuchtung anzubieten.

Kinos

In den 1950er bis 1970er Jahren entstanden in Südindien sowohl in den Metropolen als auch in ländlichen Gegenden zahlreiche Kinosäle. Die Gebäude zeigen eine ungewöhnliche Mischung lokaler Baustile und westlicher Einflüsse. Die kulissenhaften, farbigen Fassaden bilden einen Vorgeschmack auf das Kinoerlebnis im Saal, in dem sich extravagante Formen und Verzierungen fortsetzen und den Zuschauer bereits vor der Filmvorführung auf die cineastische Welt einstimmen.

Auf drei Reisen in den Jahren 2010 – 2014 dokumentierten Haubitz + Zoche diese Gebäude, deren Architektursprache man als eine hybride Moderne bezeichnen kann. Die Fotografien bezeugen eine reiche Kinokultur, die in Europa und Amerika schon verschwunden ist und bald auch in Indien von Multiplexen verdrängt wird.

Kirchen

Nach der Unabhängigkeit im Jahr 1947 wollte sich die indische Kirche vom historisierenden Baustil der Kolonialherren differenzieren und nahm moderne Architekturstile auf.
Bei den südindischen Kirchenbauten ist ein Einfluss des Modernismus erkennbar, wird aber von lokalen Bauelementen durchbrochen. Die Gebäude weisen häufig eine exaltierte, skulpturale Formensprache und die Verwendung intensiver Farben auf. Bei manchen der Kirchen werden christliche Symbole unmittelbar in eine dreidimensionale, monumentale Bauform übersetzt.

Durch die typologische Zusammenschau dieser Gebäude machen Haubitz + Zoche die vielfältigen westlichen Einflüsse und deren kulturell geprägte Neuinterpretation sichtbar.

Publikation

Die begleitende Publikation Hybrid Modernism wurde 2017 mit dem Architekturfotobuchpreis des DAM Deutsches Architekturmuseum ausgezeichnet.

Hybrid Modernism. Movie Theatres in South India. Englische Texte von Rohan Shivkumar und S.V. Srinivas, Gestaltung Christian Lange. 144 Seiten, 58 Farbabbildungen, Hardcover. Verlag Spectorbooks, Leipzig 2016
ISBN:
Preis: 42 Euro

Über Sabine Haubitz

1959                      geboren in Nördlingen
1984-92                Hochschule der Künste, Berlin und Akademie der Bildenden Künste, München
1994/95               Lehrauftrag Papier und Skulptur, Akademie München
1988                      Kodak Nachwuchsförderpreis
1996                      Projektstipendium der Landeshauptstadt München
1999                      Prinzregent-Luitpold-Stipendium
2014                      gestorben am Piz Kesch, Schweiz

Über Stefanie Zoche

1965                      geboren in München
1986-87                École des Beaux Arts de Perpignan, Frankreich
1987-90                Middlesex Polytechnic, London, UK
1995-97                Förderstipendium des Bayerischen Kultusministeriums (HSP ll)
1998                      Artist in Residence, Künstlerateliers Duende, Rotterdam
1999-2000           Assistentin Klasse Rita McBride, Akademie München

Künstlerische Zusammenarbeit von 1998 bis 2014 (Haubitz+Zoche). Mehr Informationen gibt es auf der Webseite von Haubitz+Zoche.

Besucherinformationen

ZEPHYR | Raum für Fotografie
im Museum Bassermannhaus
C 4.9, D-68159 Mannheim
Tel +49 (0)621 293 2120

Ausstellungsdauer: bis 26. August 2018
Öffnungszeiten: Di bis So 11-18 Uhr und nach Vereinbarung
Eintritt: 7,00 €, ermäßigt 4,50 €, bis 6 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von ZEPHYR | Raum für Fotografie und den Reiss-Engelhorn-Museen.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Hybrid Modernism.: Movie Theatres in South India (Gebundene Ausgabe)

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