Vivian Maier und Stefanie Moshammer bei WestLicht

Zwei Ausnahmefotografinnen – zwei Ausstellungen

Vivian Maier. Selbstporträt, 1978

Kaum ein Ereignis hat die Fotowelt in den letzten Jahren mehr bewegt als der Sensationsfund der Arbeiten von Vivian Maier (1926–2009). Viele ihrer seit den 1950er-Jahren in den Straßen von New York und Chicago entstandenen Fotografien wurden zu unmittelbaren Klassikern. WestLicht holt die Street Photography der US-Amerikanerin mit väterlichen Wurzeln in der k. u. k. Monarchie nach Wien – eine Österreichpremiere.

Parallel zeigt der Schauplatz für Fotografie in der oberen Galerie die neueste Serie von Stefanie Moshammer. Nach Projekten über Las Vegas, Rio de Janeiro und Haiti richtet die in Wien aufgewachsene Künstlerin (* 1988) in Therese ihren fotografischen Blick auf ihre österreichische Heimat.

Beide Ausstellungen sind bis zum 19. August 2018 zu sehen.

Vivian Maier. Florida, 9. Januar 1957

Vivian Maier Street Photographer

Die Entdeckung des Werks von Vivian Maier schlug 2009 ein wie eine Bombe. Die Geschichte der bis dato völlig unbekannten Fotografin, die sich ihren Unterhalt zeitlebens als Kindermädchen verdient hatte und deren zu großen Teilen aus Negativen bestehendes Archiv auf einer Zwangsauktion eher zufällig in die Hände eines jungen Sammlers geraten war, begeisterte die Öffentlichkeit weit über die klassischen Fotozirkel hinaus. „Ein Jahrhundertfund – und eine Geschichte, die man sich besser nicht hätte ausdenken können“, so WestLicht-Gründer Peter Coeln.

Vivian Maier. New York, 10. April 1955

Gleichsam über Nacht wurde Vivian Maier zum Star, in einem Atemzug genannt mit Größen wie Henri Cartier-Bresson, Robert Frank, Lee Friedlander oder Diane Arbus und gehandelt von den renommiertesten Galerien. Die hollywoodreife Erzählung wurde 2013 in einer Dokumentation verarbeitet, die weltweit in den Kinos lief und bei den Academy Awards 2014 für einen Oscar als Best Documentary Feature nominiert war. Vivian Maier selbst hat den späten Welterfolg nicht mehr erlebt. Sie starb 2009, zwei Jahre nachdem ihre Negative, Abzüge, 8 mm-Filme und Tonbänder versteigert worden waren, weil sie den Mietzins der Lagerräume schuldig geblieben war, in einem Altersheim an den Folgen eines Sturzes – nur wenige Tage, bevor der Sammler ihren letzten Wohnsitz ausfindig machen sollte.

Vivian Maier. Chicago, 1963

„Die vielfach kolportierte – und ja tatsächlich fantastische – Erzählung einer ‚Mary Poppins mit Kamera‘ darf nicht den Blick auf Maiers Werk verstellen. Ihr Platz in der Fotogeschichte gebührt ihr wegen der Qualität ihrer Fotografie“, so WestLicht Chefkuratorin Rebekka Reuter. Mit ihrem Gespür für den Moment und ihren souveränen Kompositionen beansprucht Maier nachhaltig einen Sitz im traditionell männlich dominierten Olymp der Street Photography. Ihre zahlreichen Selbstporträts in Spiegeln und Schaufenstern im Stadtraum brechen dabei mit der oft entlang archaischer Jäger-Beute-Schemata und konventioneller Geschlechterrollen konstruierten Erzählung des Genres.

Im WestLicht sind rund 100 zwischen den frühen 1950er- und den späten 1970er-Jahren entstandene Arbeiten Maiers zu sehen. Dabei werden die klassischen, überwiegend mit der Rolleiflex aufgenommenen Schwarz-Weiß-Bilder durch Farbaufnahmen ergänzt, die sie mit der Leica fotografierte.

Vivian Maier. Selbstporträt. Undatiert

Stefanie Moshammer Therese

Während Maiers Fotografien sehr unmittelbare Porträts ihrer Heimatstädte New York und Chicago liefern, setzt sich Stefanie Moshammer in ihrer jüngsten Arbeit Therese auf ganz andere Weise mit ihrer unmittelbaren Umgebung auseinander. Nachdem sie 2016 im OstLicht ihre Serien über die Metropolen Las Vegas und Rio de Janeiro, Vegas and She und Land of Black Milk, gezeigt hat, kehrt sie im WestLicht fotografisch nach Österreich zurück.


li: Hortensie, 2015, Therese, Chalupar | re: Grandmother’s Words, 2014, Therese, Chalupar | Bilder: © Stefanie Moshammer

Lassen sich die Schauplätze der Fotografien auch konkret benennen – der Prater etwa, der Wiener Wald oder das großelterliche Haus im Mühlviertel – ist Heimat in der Serie freilich mehr Idee denn Punkt auf der Landkarte. Moshammers Projekte entwerfen subjektive Topografien. Vom Gegebenen ausgehend, lassen die Bilder Orte neu entstehen – in einem Geflecht aus Oberflächen, Begegnungen, neuen und alten Mythen.

„In Therese geht es um nichts Geringeres als die Suche nach der eigenen Identität“, so Rebekka Reuter. Der Titel der Serie ist der zweite Vorname der Fotografin. Eingebettet, prägend, unbenutzt, vertraut und fremd zugleich, kann er symbolisch für den Zwiespalt im Verhältnis zur eigenen Stadt gelesen werden, die Moshammer mit ihrem charakteristischen Gespür für Narration und Formenspiel in intensive Bilder fasst.

Über Vivian Maier

Vivian Maier, geboren 1926 in New York City als Tochter einer französischen Mutter und eines österreichischen Vaters. Verbringt ihre Kindheit und Jugend, den lückenhaften Anhaltspunkten nach zu urteilen, zwischen Frankreich und New York. Möglicherweise früher Kontakt zur Fotografie durch die Porträtfotografin Jeanne Bertrand, die zeitweise mit Maier und ihrer Mutter in New York wohnt.

Ende der 1940er-Jahre in Frankreich erste Aufnahmen mit der Kodak Brownie Box. 1951 Rückkehr in die USA und Anstellung als Kindermädchen bei einer Familie in Southampton, NY. Erste Rolleiflex 1952. Umzug nach Chicago 1956. Einrichtung einer Dunkelkammer im Badezimmer. Bis in die frühen 1970er-Jahre Arbeit als Nanny in einem Chicagoer Vorort bei der Familie Gensburg, ab 1967 zusätzlich bei den Raymonds. Weltreise 1959/60. Wechselnde Anstellungen als Kinderfrau und Haushaltshilfe in den 1970er-Jahren.

Vivian Maier. Selbstporträt, New York, 1953

Hinwendung zur Farbfotografie und Arbeit mit Leica IIIc. Filmmaterial bleibt zu großen Teilen unentwickelt. In den 1980er- und 1990er-Jahren zunehmend angespannte finanzielle Situation. Einlagerung ihres Archivs in angemieteten Lagerräumen. Alleinstehend und ohne familiäre Bindungen Unterstützung vor allem durch die Söhne der Gensburg-Familie. 2009 stirbt Vivian Maier an den Folgen eines Sturzes in einem Altersheim in Chicago.

Aufgrund ausbleibender Mietzahlung versteigert die Lagerhausfirma 2007 den Inhalt der Lagerräume von Vivian Maier, über 100.000 Negative, mehrere Tausend Abzüge, Tonbandaufnahmen und 8 mm-Filme. John Maloof, ein junger Immobilienmakler, der gerade an einem Buch über ein Wohnviertel an Chicagos Northwest Side arbeitet und auf der Suche nach historischem Bildmaterial ist, erwirbt unbesehen einen ersten Karton mit Negativen für 400 US-Dollar und beginnt, sich mit dem Material zu beschäftigen. 2009 Veröffentlichung von Bildern auf seinem Blog, über einen Link zur Plattform flickr werden die Fotografien zu einem viralen Phänomen. Sukzessive weitere Ankäufe durch Maloof, der heute den weitaus größten Teil des Nachlasses verwaltet.

Über Stefanie Moshammer

Stefanie Moshammer. Taking a Bath with Jesus, 2018, Therese, Chalupar

Stefanie Moshammer, geboren 1988 in Wien, schloss das Kolleg für Visuelle Kommunikation an der Höheren Graphischen Lehr- und Versuchsanstalt in Wien ab und studierte Grafikdesign und Fotografie an der Kunstuniversität Linz sowie Advanced Visual Storytelling an der Danish School of Media and Journalism in Aarhus.

Ihr erstes Buch Vegas and She wurde 2015 von Fotohof edition veröffentlicht, 2017 folgte Land of Black Milk bei Skinnerboox. Beide Serien wurden 2016 in einer Einzelausstellung in der Galerie OstLicht gezeigt.

2016 wurde Moshammer für die FOAM Talents ausgewählt, 2017 war sie für den ING Unseen Talent Award nominiert und gewann den C/O Berlin Talent Award. 2018 war sie unter den Nominierten für den FOAM Paul Huf Award.

Ihre Fotografien waren in Ausstellungen in Europa und den USA zu sehen und wurden in zahlreichen Magazinen veröffentlicht, darunter i-D, Zeit Magazin, Süddeutsche Zeitung Magazin, New York Magazine, DAZED und VICE.

Derzeit werden ihre Arbeiten in einer Gruppenausstellung im Rahmen der Photo London gezeigt, im Juli folgt eine Einzelpräsentation bei C/O Berlin.

Besucherinformationen

WestLicht. Schauplatz für Fotografie
Westbahnstraße 40, A-1070 Wien
Tel +43 (0)1 522 66 36 60

Ausstellungsdauer: bis 19.08.2018
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 14-19 Uhr | Do 14-21 Uhr |Sa, So 11-19 Uhr
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, 6-18 Jahre 3 Euro, bis 6 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von WestLicht. Schauplatz für Fotografie.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

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Anja Hoenen