DELETE. Auswahl und Zensur im Bildjournalismus

Eine Ausstellung zur 7. Triennale der Photographie Hamburg

Thomas Hoepker (*1936), Werbung für Swift’s Truthähne, Houston, Texas, 1963, Silbergelatineabzug, 38 x 48,6 cm, © Thomas Hoepker/Magnum Photos

Das Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) untersucht mit der Fotoausstellung DELETE noch bis zum bis 25. November 2018 die Produktionsbedingungen und Auswahlprozesse, die ein Bild durchläuft, bevor Zeitschriften und Magazine es drucken.

Wie werden die Arbeit der Fotografen und die Aussagekraft ihrer Bilder durch Herausgeber, Redakteure, Autoren und Grafiker beeinflusst? Unter welchen Auftragsbedingungen entstehen ihre Reportagen? Wieviel ihrer Deutungshoheit sind Fotografen bereit an die Redaktionen abzugeben? Welche Mechanismen entscheiden darüber, welche Aufnahmen gezeigt werden und welche unsichtbar bleiben? Was wird erinnert, was wird vergessen?

Geleitet von diesen Fragen nimmt das MKG vier Reportagen aus der Zeit von 1968 bis 1983 aus seinen Beständen in den Blick. Gezeigt werden rund 60 Reportagefotografien, vier Bildstrecken aus den Zeitschriften Stern, Playboy, Kristall und Der Bote für die evangelische Frau und vier für die Ausstellung entstandene Interviewfilme, in denen die Fotografen selbst zu Wort kommen.

Durch die Gegenüberstellung der gedruckten Bildstrecken, der Kontaktbögen, der von den Fotografen für die Museumssammlung ausgewählten Bilder und ihrer erzählten Erinnerung erfahren die Betrachter Hintergründe über die Auswahlprozesse, die Arbeitsbedingungen der Journalisten, über das Anliegen der Fotografen und ihren gestalterischen Freiraum.

Hanns-Jörg Anders (*1942), aus einer Reportage über Unruhen in Nordirland, 1969, Silbergelatineabzug, 40,7 x 58,9 cm, © Hanns-Jörg Anders – Red. Stern

Die Reportagen

Die vier historischen Reportagen behandeln so unterschiedliche Themen wie die Lage der Afroamerikaner in den USA um 1963, die Eskalation des Nordirlandkonflikts 1969, das Massaker von Sabra und Schatila in Beirut 1982 und die Beziehung eines behinderten, homosexuellen Paares in einer Pflegeeinrichtung von 1976 bis 1999.

Die Themen haben nicht an Aktualität verloren, wie etwa der Blick auf die anhaltenden Rassenkonflikte in den USA, auf die vor dem Hintergrund des Brexit neu aufkeimende Sorge um Nordirland oder auf den Umgang mit körperlich bzw. psychisch beeinträchtigten Menschen zeigt. Es geht in der Ausstellung jedoch nicht darum, die komplexen historischen Ereignisse darzustellen, sondern darum, die Machtstrukturen in den Blick zu nehmen, die bestimmen, was erinnert wird.

Nach Michel Foucault sind es die Regeln des Sagbaren, die den Diskurs bestimmen und definieren, was eine Gesellschaft erinnert und was vergessen wird. Der Fokus der Ausstellung liegt darauf, die Mechanismen und Prozesse der Bildauswahl offenzulegen und dafür zu sensibilisieren, wie selektiv die Inhalte in der medialen Berichterstattung sind.

Thomas Hoepker

Thomas Hoepker (*1936) zeigt einen epochalen Bildbericht über die USA, den er im Herbst 1963 für das Magazin Kristall aufgenommen hat. In mehreren Bildern zeigt er die Kinder afroamerikanischer Familien, die in Armut und desolaten Verhältnissen aufwachsen. Obwohl Hoepker mit der Rassentrennung eines der drängendsten sozialen Probleme der USA aufgreift, findet dies kaum Raum in der insgesamt 56 Seiten umfassenden Bildstrecke, die 1964 in insgesamt sechs Ausgaben von Kristall zu sehen ist.

Thomas Hoepker (*1936), Ein Unfall in Harlem, New York, 1963, Silbergelatineabzug, 38 x 49 cm, © Thomas Hoepker/Magnum Photos

Zwar beschreibt Hoepker im Interview die Bildauswahl als Zusammenarbeit zwischen Autor, Fotograf und Bildredaktion, der Chefredakteur habe aber immer das letzte Wort. Die Reportagebilder, die Hoepker selbst dem MKG übergeben hat, spiegeln seinen deutlichen Fokus auf die Situation der Afroamerikaner wider. Diese Diskrepanz verdeutlicht, dass Ereignisse oder Situationen von Fotografen und Redaktionen sehr unterschiedlich bewertet werden können und Fotografen sich, obwohl sie im Auftrag handeln, als unabhängige Autoren verstehen, die mit eigener Zielsetzung arbeiten.

Hanns-Jörg Anders

Hanns-Jörg Anders (*1942) dokumentiert 1969 für den Stern die Eskalation der Gewalt zwischen Katholiken und Protestanten im Nordirlandkonflikt. Er fotografiert als Angestellter des Magazins und überlässt die Bildauswahl weitgehend der Bildredaktion. Sein Kollege Giles Caron bringt das Filmmaterial nach Paris und schickt es von dort an den Hamburger Verlag. Die Bildredaktion des Stern wählt drei Aufnahmen aus, noch bevor Anders zurückkehrt. In der Reportage konzentriert sich das Magazin ganz auf die Straßenschlachten in Belfast und Londonderry, zeigt Steine werfende Demonstranten, Rauch und schwerbewaffnete Polizisten – Bildformeln, die vom Prager Frühling bis zu G20 die mediale Berichterstattung dominieren.

Hanns-Jörg Anders (*1942), aus einer Reportage über Unruhen in Nordirland, 1969, Silbergelatineabzug, 59,3 x 40,6 cm, © Hanns-Jörg Anders – Red. Stern

Die Aufnahmen, in denen Anders die sozialen Folgen dieses Bürgerkriegs dokumentiert, klammert es völlig aus. Dazu gehört auch das Foto We Want Peace, das Anders bei der Sichtung seiner Kontaktbögen entdeckt und im selben Jahr beim  World Press Photo Award einreicht. Das Bild zeigt einen Mann mit Gasmaske, der an einer dunklen Wand vor einem großen weißen Graffito „We want Peace“ lehnt. Das Motiv gewinnt den Preis und steht heute ikonografisch für die Verzweiflung von Menschen in Bürgerkriegen.

Hanns-Jörg Anders (*1942), Unruhen in Nordirland (Londonderry), 1969, Silbergelatineabzug, 26,5 x 38,7 cm, © Hanns-Jörg Anders – Red. Stern

In seinen  Erinnerungen beschreibt Anders die Arbeitsprozesse zur Zeit der analogen Fotografie und die starke Position der Bildredakteure. Da die Filme oft erst in der Redaktion entwickelt werden, haben die Fotografen am Ort des Geschehens keinen unmittelbaren Zugriff auf ihre Bilder und können die Auswahl der Motive nicht mitbestimmen.

Ryūichi Hirokawa

Der japanische Journalist Ryūichi Hirokawa (*1943) fotografiert im eigenen Auftrag 1982 die Schauplätze des Massakers von Sabra und Schatila in Beirut, wo während des libanesischen Bürgerkriegs hunderte palästinensische Flüchtlinge getötet werden. Hirokawa zeigt die verzweifelten Überlebenden, vor allem aber die vielen in den Straßen liegenden Leichen. Er konfrontiert die Betrachter mit schockierenden Aufnahmen von den versehrten Gesichtern und Körpern der Opfer. Seine Reportage wirft die bis heute unbeantwortete Frage auf, welche Rolle das Schockfoto in der medialen Berichterstattung spielt und was man dem Betrachter zumuten darf und will.

Ryūichi Hirokawa (*1943), Drei Überlebende des Massakers von Schatila, 1982, Silbergelatineabzug, 20 x 30 cm, © Ryūichi Hirokawa

Hirokawa legt Wert darauf, die Kontrolle über seine Bilder zu behalten. Dementsprechend entscheidet er sich gegen den Verkauf seiner Aufnahmen an die Presseagentur Associated Press, um über ihre Verwendung und Veröffentlichung selbst entscheiden zu können. Hirokawas israelkritische Aufnahmen erscheinen im Yomiuri Shimbun, der zu jener Zeit auflagenstärksten japanischen Tageszeitung, im japanischen Magazin Shagaku und im japanischen Playboy.

Günter Hildenhagen

Günter Hildenhagen (*1935) ist seit Mitte der 1960er Jahre als freiberuflicher Bildjournalist in Krankenhäusern, Pflegeheimen und karitativen Einrichtungen tätig. Er konzentriert sich auf Porträts einzelner Personen und auf Bilder, die ein gleichberechtigtes menschliches Miteinander zeigen.

1976 beauftragt der Wittekindshof, eine Einrichtung zur Versorgung körperlich und geistig behinderter Menschen, Hildenhagen und die Journalistin Maria Urbanczyk mit einem Porträt des Hauses. Von seinen Bewohnern fallen dem Fotografen besonders der taubstumme Iraner Mehri und der an spastischen Lähmungen leidende Karlheinz auf. Die beiden Männer leben seit ihrer Jugend im Wittekindshof, werden Ende der 1950er Jahre Freunde und schließlich ein Liebespaar. Hildenhagen ist fasziniert von ihrer eigenen Form der Kommunikation, die für Außenstehende unverständlich bleibt. Diese Stärken und die persönliche Geschichte der Porträtierten rückt er in den Mittelpunkt seiner Reportage und geht damit weit über das hinaus, was man zu seiner Zeit über behinderte Menschen, ihre Fähigkeiten, Bedürfnisse und ihre Sexualität zu sagen bereit war.

Hildenhagen kann seine Geschichte in keiner Zeitschrift platzieren und wählt das Medium Ausstellung, um seinen Bildbericht an die Öffentlichkeit zu bringen.

Sirah Foighel Brutmann (*1983) & Eitan Efrat (*1983), Printed Matter, 2011, 30min, 16mm / HD video, Videostill, © Sirah Foighel Brutmann/Eitan Efrat
Sirah Foighel Brutmann und Eitan Efrat

Das Künstlerduo Sirah Foighel Brutmann (*1983) und Eitan Efrat (*1983) beschäftigt sich in seinem Film Printed Matter (2011) mit dem Archiv des Pressefotografen André Brutmann (1947–2002), der vom Beginn der 1980er Jahre bis 2002 in Israel und Palästina arbeitet. Anhand der Kontaktbögen und Negative, die nacheinander auf einen Leuchttisch gelegt werden, durchläuft der Betrachter in chronologischer Abfolge die Ereignisse der Jahre 1982 bis 2002.

Das Material erlaubt einen tiefen Einblick in das tägliche Geschäft eines Bildjournalisten. Die dokumentierten Ereignisse reichen von Politikerreden, über Modeschauen bis zu den Kämpfen der ersten und zweiten Intifada der Palästinenser in Israel (1987–1993, 2000–2005) und der Ermordung des israelischen Premierministers Jitzchak Rabin 1995.

Brutmanns Partnerin Hanna Foighel kommentiert im Film die Kontaktbögen, die immer wieder von Bildern des Familienlebens unterbrochen werden. Die politische Geschichte verwebt sich mit der privaten. Die Arbeit zeigt den Fotograf als Chronisten, stellt zugleich aber die Idee vom Bildreporter als neutralem Beobachter in Frage und verdeutlicht, wie dieser als Person in sein Privatleben und das Zeitgeschehen eingebunden ist.

Über die 7.Triennale der Photographie Hamburg 2018

Die 7. Triennale der Photographie Hamburg 2018 findet von Juni bis September in Kooperation mit den großen Hamburger Museen, kulturellen Institutionen, Galerien und weiteren Veranstaltern in Hamburg statt. Zum Motto Breaking Point. Searching for Change reflektiert das Festival die momentanen ökologischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen durch den Blickwinkel der Fotografie.

Begleitet wird die 7. Triennale von Künstlergesprächen, fachspezifischen Diskussionen, Vorträgen und Portfolio-Sichtungen. Weitere Informationen zu allen Ausstellungen und dem Programm gibt es unter www.phototriennale.de.

Publikation

Zur 7. Triennale der Photographie Hamburg erscheint ein Katalog mit dem Titel Breaking Point. Searching for Change im Verlag Hartmann Books, mit Beiträgen von Krzysztof Candrowicz und weiteren, 352 Seiten, ca. 300 Abbildungen, Deutsch/Englisch, 20 x 27 cm, Hardcover mit Schutzumschlag,
ISBN: 978-3-96070-020-3
Preis: 39 Euro.

Besucherinformationen

Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Steintorplatz, D-20099 Hamburg
Tel +49 (0)40 428134-880

Ausstellungsdauer: bis 25. November 2018
Öffnungszeiten: Di bis So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr
Eintritt: 12 €, ermäßigt 8 €, Do ab 17 Uhr 8 €, bis 17 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Breaking Point. Searching for Change: Triennale der Photographie Hamburg (Gebundene Ausgabe)


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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
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