Fragende Blicke. Neun Zugänge zu ethnografischen Fotografien

Welche Geschichten erzählen historische Fotografien?

„Geschmückt zum Tanz“, Foto: Eduard Gangl, 1927-30, PoPo, Golf-Provinz, (damals) Britisch Neuguinea, rechts: Eduard Gangl, links: nicht identifizierte Person, © Museum Fünf Kontinente, Inv.Nr. FO-107-1-46

Das Museum Fünf Kontinente in München zeigt vom 5. Juli 2018 bis zum 30. Juni 2019 eine spannende Fotoausstellung im Treppenhaus: 54 historische, ethnografische Fotografien wurden in der Sammlung Fotografie des Museums ausgesucht und in Zusammenarbeit von Unterrichtenden und Studierenden des Instituts für Ethnologie der Ludwig‐Maximilians‐Universität München ausgewertet und bearbeitet.

Little Crow´s Son Wo-Ne-Na-Pa (One Who Comes in Sight), Foto: vermutlich R.N. Fearon, 1863/64, Fort Snelling Prison Camp/Minnesota, Stereo-Fotografie, © Museum Fünf Kontinente, Inv.Nr. 3138

Die Bilder wurden zwischen 1862 und 1956 von Ethnologen, Reisenden, kolonialen Akteuren oder in Fotostudios aufgenommen. Ihre Entstehungsgeschichten und seinerzeit beabsichtigten Aussagen sind aus heutiger Sicht nicht immer unproblematisch. Um ihren Betrachtern den historischen Rahmen klar werden zu lassen und obendrein Einblicke in jene Zeit zu gewähren, als die Verschlüsse der analogen Kameras klickten, haben die jungen Ausstellungsmacher von der Universität sich viele Gedanken um Präsentation und Erläuterungstexte gemacht.

„Queen Emma“, Foto: Menzies Dickson (1840-1891), vor 1872, Honolulu/Hawaii, © Museum Fünf Kontinente, Inv.Nr. 92-421 N [17]
„Welche Fragen können wir heute aus ethnologischer Perspektive an historische Aufnahmen richten, welche Antworten dürfen wir erwarten?“

Diese Frage stellten die Ethnologen Paul Hempel (Institut für Ethnologie, LMU München) und Anka Krämer de Huerta (Sammlung Fotografie, Museum Fünf Kontinente) sich und neun Studierenden des LMU‐Praxisseminars „Ethnografisches Bildgedächtnis und museale (Re‐) Präsentation“, das zur Keimzelle der Ausstellung werden sollte.

Es tat den alten Fotos gut, großformatig abgezogen zu werden. Plötzlich wurden Details sichtbar, die auf den oft nur wenige Zentimeter großen Originalen vorher nur schwer zu erkennen waren.

Neben den Bildinhalten thematisierten die jungen Gastkuratoren auch die Hintergründe der Entstehung der ethnografischen Fotografien und fragten nach den Gründen für öfter wiederkehrende Darstellungsweisen.

Natürlich wurden auch die Menschen ernst genommen, die einst sowohl vor als auch hinter der Kamera standen.

So kristallisierten sich Bild‐Geschichten heraus, die durch den alleinigen Blick aufs Foto selbst weiterhin verborgen geblieben wären.

„Die Recherchen waren intensiv. Es hat allen Freude bereitet, Darstellungen aus vielen verschiedenen Regionen der Welt gründlich unter die Lupe zu nehmen und dann zum Sprechen zu bringen“, sagt Julia Blumenschein, die im sechsten Semester Ethnologie und vergleichende Kultur‐ und Religionswissenschaften an der Uni München studiert.

Wirkungsweise und Effekt einiger historischer Stereofotografien können die Besucher vor Ort ausprobieren.

Junge Frau mit Kind im Tragetuch, Yamolemi mit Nichte Liehemi, Foto: Meinhard Schuster und Otto Zerries, 1954, Oberer Orinoko/Venezuela, Schwarz-Weiß-Abzug), © Museum Fünf Kontinente, Inv.Nr. FO-39-1-463

Das sind die neun Themenbereiche der Ausstellung:

  1. Porträtierte Identitäten im Wandel – Yanomami aus Mahekodotedi (Sarah Löwe)
  2. Popularisierung in 3D – Stereoskopien aus Nordamerika (Alena Vodde)
  3. Fremde Erinnerung – Ein kolonialzeitliches Familienalbum aus Neuguinea (Silvia Lamprecht)
  4. „Her Majesty“ oder „Splendid Specimens“? – Indigenität und Typisierung im Spiegel hawaiianischer Porträtaufnahmen (Silke Tauber)
  5. Lichtbilder und Farbtöpfe – Fotografien als wandelbare Objekte (Sibylle Ulbrich)
  6. Bewegung festhalten – Tanz und Identität in Bolivien (Ira Böck)
  7. Kleine Welt – Kinder im Fokus der visuellen Ethnografie von Theodor Koch‐Grünberg (Julia Blumenschein)
  8. Eine Ärztin auf Talfahrt – Auf den Spuren des Hunza‐Mythos (Susanne Holländer)
  9. Das kommerzielle Bild Japans – Souvenirfotografie des 19. Jahrhunderts (Johannes Bächer)
Besucherinformationen

Museum Fünf Kontinente
Maximilianstraße 42, D-80538 München
Tel +49 (0)89 210 136 100

Ausstellungsdauer: bis 30. Juni 2019
Öffnungszeiten: Di bis So 9.30–17.30 Uhr
Eintritt:  6 €, ermäßigt 5 €, bis 18 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Museum Fünf Kontinente.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen