Vom Verschwinden und Erscheinen

Über das Ephemere in der Fotografie

 

Die Alfred Ehrhardt Stiftung in Berlin zeigt noch bis zum 9. September 2018 eine beeindruckende Gruppenausstellung, die fotografische Arbeiten zum Thema des Ephemeren, des kurzzeitigen Erscheinens und Verschwindens, des Fragilen und Transzendenten vereint.

Ihnen gemeinsam ist das durch Unschärfe, Langzeit- oder Mehrfachbelichtungen bedingte Auflösen des Bildgegenstands, der zugunsten einer bildimmanenten Stimmung in den Hintergrund tritt. Sie verweisen nicht auf etwas anderes außerhalb ihrer selbst, auch wenn wir Menschen, Räume, Landschaften oder Gegenstände darin zu erkennen vermeinen. Das, was gezeigt wird, erscheint und verschwindet zugleich. In vielen der Bilder geschieht dies mit Hilfe von Dunst oder Nebel, der eine alles umfassende Atmosphäre evoziert und somit einen emotionalen Zugang ermöglicht.

Das Bild tritt dem Betrachter entgegen und schafft in seiner Fähigkeit, Präsenz zu erzeugen, einen Ereignis- oder Gefühlsmoment, den er während der Anschauung in seiner eigenen Imagination und seinem eigenen Gefühlsleben nacherleben kann. Die Ausstellung betrachtet das Phänomen des Ephemeren vorwiegend in der zeitgenössischen Fotografie anhand einer Auswahl von Künstlern, deren Arbeiten sich im Grenzbereich des Sichtbaren bewegen.

Die Präsentation umfasst dabei Natur- und Landschaftsaufnahmen, Interieur- sowie Portraitdarstellungen und berücksichtigt verschiedene fotografische Techniken und Druckverfahren, wie beispielsweise Fotogramm, Photogravüre oder Platindruck. Der dänische Fotograf Adam Jeppesen (*1978) experimentiert mit der Photogravüre, bei der er den Druckstock nur ein einziges Mal mit Farbe bestreicht, so dass das Motiv zunehmend verschwindet bis schließlich nur noch ein scheinbar leeres, weißes Blatt bleibt.

Der Amerikaner Scott B. Davis (*1971) arbeitet mit einer großformatigen Fachkamera und stellt die originalgroßen Platindrucke in Diptychen als Positiv- und Negativansichten gegenüber, in denen das Motiv mal im Schwarz der Nacht, mal im gleißenden Weiß der Umkehrung verschwindet.

Die finnische Fotografin Sandra Kantanen (*1974) löst hingegen mittels digitaler Verwischungen und Übermalungen die Oberfläche ihrer Rauchbilder in einem malerisch gestischen Duktus auf.

László Moholy-Nagy (1895-1946) zählt ohne Zweifel zu den Pionieren der kameralosen Fotografie und experimentierte seit den 1920er-Jahren mit Fotogrammen. Das Triptychon in der Ausstellung zeigt schemenhaft aus der dunklen Fläche auftauchende Spuren verschwundener Objekte, die zwischen der Sichtbarkeit an der Oberfläche und dem Verschwinden in einer abstrakten Räumlichkeit oszillieren.

Den nur einige Millisekunden währenden Moment des Abschusses einer Feuerwaffe nutzt die Fotografin Helena Petersen (*1987) für ihre Serie Pyrographie, bei der das Fotopapier allein vom Mündungsfeuer belichtet und teilweise durch herabfallende Rückstände verletzt wird, so dass sich die aggressive Wucht des Schusses nicht nur visuell, sondern auch haptisch in die Bilder einschreibt.

Der Mensch, per se ephemer in seinem Dasein, ist Gegenstand einer Reihe weiterer Arbeiten. In ihren fotografischen Selbstportraits gehen die Künstlerinnen Andrea Sunder-Plassmann (*1959) und Rita Ostrowskaja (*1953) beide vom eigenen Körper aus, den sie mittels einer langen Belichtungszeit dem Verschwinden preisgeben.

Von einer melancholischen Grundstimmung geprägt und nah am Tod sind auch die Selbstdarstellungen der amerikanischen Künstlerin Francesca Woodman (1958-1981). Mit exzessiver Vehemenz lotet sie die Grenzen und Möglichkeiten des Genres aus, spielt mit symbolisch aufgeladenen Requisiten, Abbildungstechniken und extremen Bildausschnitten.

Auch Isa Marcelli (*1958), Bill Jacobson (*1955) und Donata Wenders (*1965) befassen sich mit der menschlichen Figur, die in ihren Fotografien auf verschiedene Weise entkörperlicht wird.

All diesen Arbeiten gemeinsam ist eine Figur und Raum gleichermaßen durchwebende Stimmung, in der die Umrisse des Ich verschwimmen und verschwinden.

Das Aufspüren und Erleben von Stimmungen und ortspezifischen Atmosphären nimmt die Fotografin Nicole Ahland (*1970) zum Gegenstand ihrer Raumportraits. Ihre Bilder sind das Ergebnis eines intensiven Hineinfühlens in einen Raum, welches ihr ermöglicht, das »Raumgefühl« (Theodor Lipps) zu erspüren.

Eine berührende Stille zeichnet auch die Arbeiten der finnischen Fotografin Ida Pimenoff (*1977) aus, die in ihren Arbeiten die spezifische Stimmung des Dämmerlichts einfängt.

Ganz konkret verschwinden die baufälligen Interieurs bei Ellen Auerbach (1906-2004) und Alfred Ehrhardt (1901- 1984).

»Es sind Spuren der Zeit und des Alterns, die den Dingen Insignien der Präsenz verleihen«, beschreibt Gernot Böhme die spezifische Atmosphäre des Ephemeren, das ein »Miterscheinen des Daseins« ist. Besonders eindringlich spürt man dies in den bisher unbekannten Ruinenbildern Alfred Ehrhardts, die kurz nach dem Bombardement seines Hamburger Wohnhauses 1942 entstanden.

Als Sujet des Amorphen und Ephemeren fungieren häufig Wolken, wie beispielsweise in den Fotografien von Pentti Sammallahti (*1950) und César Martins (*1981). In den Aufnahmen des finnischen Fotografen Pentti Sammallahti ereignet sich oftmals Zauberhaftes, man hat das Gefühl, eine Traumwelt zu betreten, die einen magischen Sog ausübt.

Während er den Himmel von der Erde aus festhält, begibt sich der in Portugal geborene Fotokünstler César Martins in die Wolken, um diese aus der sublimen Perspektive des Fliegenden festzuhalten.

Mit der ephemeren Erscheinung von Eisblumen beschäftigt sich die Fotografin Marianne Ostermann (*1950). Die durch die vereisten Fensterscheiben fotografierten Aufnahmen entwickelt sie als Cyanotypien, in denen die Motive im samtenen Blau verschwimmen.

Als Sehnsuchtsfarbe bestimmt das Blau die Icy Prospects des finnischen Fotografen Jorma Puranen (*1951). Seine Aufnahmen der arktischen Landschaft wirken wie eingefrorene Traumlandschaften. Tatsächlich handelt es sich jedoch um Reflexionen der Landschaft auf einem lackierten Holzbrett – auch die Grenzen von Wirklichkeit, Wahrnehmung und Einbildung sind ephemer, flüchtig und nicht klar zu fassen.

Besucherinformationen

Alfred Erhardt Stiftung
Auguststr. 75, D-10117 Berlin
Tel +49 (0)30 200953-33

Ausstellungsdauer: bis 9. September 2018
Öffnungszeiten: Di bis So 11–18 Uhr, Do 11–21 Uhr
Eintritt: frei!

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Alfred Erhardt Stiftung.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen