Rezension: Marcel Chassot. Architektur und Fotografie

Marcel Chassot - Architektur und Fotografie Book Cover Marcel Chassot - Architektur und Fotografie
Wolfgang Meisenheimer
Architekturfotografie
Hirmer Verlag
1. März 2018
Hardcover
374

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Visuell-ästhetische Explosion im Auge des Betrachters

Der renommierte Münchner Kunst- und Architekturverlag Hirmer legt mit Architektur und Fotografie erneut ein großformatiges und hochwertig gestaltetes Werk vor. Der Eigenanspruch, nicht geringer, als dass das Buch ein Gesamtkunstwerk sei mit einem gelungenen Wechselspiel aus brillanter Architekturfotografie, erlesener Buchgestaltung und Texten, die sich dem Thema von der geistesgeschichtlichen Seite her nähern, begegnet dem Leser unmittelbar nach dem Aufschlagen des Buchdeckels auf der inneren Seite des Schutzumschlags.

Und in der Tat, bereits beim ersten oberflächlichen Blättern im Buch wird das Auge gefangen von der gestalterischen Wirkung der meist doppelseitigen Fotografien: ein Wechselspiel von Farben und Formen, verwirrend und irritierend durch teils ungewöhnliche Perspektiven und ausdrucksstark durch Lichtkomposition und Linienführung.

Mario Botta | Chiesa di San Giovanni Battista | Mogno Schweiz | 1998 © Marcel Chassot

Die Autoren

Marcel Chassot, 1947 in Zürich geboren, ist fotografischer Autodidakt. Von Haus aus promovierter Wirtschaftswissenschaftler gilt er heute als einer der weltweit besten Fotografen moderner Architektur. Von ihm stammen sämtliche Fotografien und die Idee und das Konzept zum Buch.

Die Fotografien in einen architektur-theoretischen, geisteswissenschaftlichen Zusammenhang einzuordnen, diese Aufgabe verfolgen die Artikel von Professor Dr. Wolfgang Meisenheimer. Meisenheimer, 1933 in Düren geboren, promovierte zu „Der Raum der Architektur: Strukturen, Gestalten, Begriffe“, lehrte bis Ende der 90er Jahre in Düsseldorf, lebt und arbeitet heute in Düren.

Inhalt

Im Buch finden sich Bauwerke der bedeutendsten Gegenwartsarchitekten bzw. Architekturbüros. Mit gleich mehreren Werken vertreten sind Gehry, Fuksas, Foster, Libeskind, Hadid, Coop Himmelb(l)au, Herzog & de Meuron, Calatrava, Botta, Jahn, Meck und Zumthor.

Coop Himmelb(l)au ITrias Fussgängerbrücke BMW Welt | München Deutschland | 2007 © Marcel Chassot

Mit nur einem Werk, oft auch nur mit einer doppelseitigen Aufnahme, erscheinen Atelier WW, Nouvel, de Teresa, Konrad, Schneider & Schumacher, Hitoshi, Perrault, Arets, Chipperfield, Rebmann, Müller Niggli, Untertrifaller, Schibli, Guyer und viele mehr. Unter den Letztgenannten befinden sich im besonderen Architekten, die in Chassots Umfeld – Basel, Bern und Zürich – gebaut haben. Während Guyers Bürogebäude in Zürich und Schiblis Kinderspital in Basel nur mit einem doppelseitigen Foto vertreten sind, erscheinen andere Gebäude, wie z. B. die Elbphilharmonie (Herzog & de Meuron, Hamburg) und das Westside Einkaufs- und Freizeitzentrum (Libeskind, Bern) mit 20 bzw. 17 Fotografien.

Daniel Libeskind | Westside Einkaufs-undFreizeitzentrum | Bern Schweiz | 2008 © Marcel Chassot

Beeindruckend an der Zusammenstellung der fotografierten Baukunstwerke ist nicht die Berühmtheit oder Bekanntheit jedes einzelnen Objektes. In diesem Sinne könnte die Sammlung sogar leichthin als ein Best-of verschiedenster Reiseführer wirken: „Was Sie schon immer einmal gesehen haben sollten!“ Nein, es ist die Präzision und Perfektion beim Wahrnehmen, Nachspüren und Eintauchen in die gestalterischen Aspekte – die Auswahl der Perspektive, die Wiedergabe des Raumes und das Zusammenspielt von Farbe und Form. Hierdurch erhalten die „Raumwerke“ erst ihren besonderen Reiz. Mit seiner visuellen Interpretation von Architektur (Meisenheimer) setzt sich der Fotograf sein eigenes Denkmal!

Frank Gehry | Guggenheim Museum | Bilbao Spanien | 1997 © Marcel Chassot

Mit seinen Texten weiß Meisenheimer architekturtheoretisch Chassots fotografisches Weltbild zu beleuchten und dem Laien zu erklären. Er nennt dabei drei Schichten des Denkens, die dabei eine wesentliche Rolle spielen: „die euklidischen Ordnungen, in der Antike wurzelnd, die Orientierung an der modernen Leib-Philosophie und das Erbe des Kubismus aus den Anfängen der modernen Malerei“ (siehe Vorbemerkungen). Diese drei philosophischen Strömungen aus den unterschiedlichen Epochen zu verbinden, ist die Aufgabe Meisenheimers. Nicht unbedacht bleiben dabei der Zusammenhang von Architektur und Musik und der Einfluss der Entwicklungs- und Gestaltpsychologie auf die Wahrnehmung von Raum und Gestalt.

Tadao Ando | Ausstellungsgebäude Langen Foundation | Hombroich Deutschland | 2004 © Marcel Chassot

Die malerische Erfahrung, im Besonderen die aus der Frühzeit des Kubismus, spiegele sich laut Meisenheimer in Chassots Umgang mit Raum und Volumen und deren Wiedergabe im Zweidimensionalen wider. Während ein Bauwerk dem „bewegten Betrachter“ unterschiedliche Wahrnehmungen ermöglicht, sind in Malerei und Fotografie gleichermaßen die Entscheidungen über die Figur-Grund-Konstellation fest getroffen und nicht mehr veränderbar.

Gestaltung

Die Texte nehmen einen überschaubaren Teil des Buches ein und ordnen sich dem fotografischen Werk Chassots unter. Es handelt sich um vier zwei- bis dreiseitige Artikel in gut lesbarer Schrifttype und im übersichtlichen zweispaltigen Blocksatz.

Helmut Jahn | High Light Towers | München Deutschland | 2004 © Marcel Chassot

Und der Rest? Der setzt sich aus Chassots überwältigenden und großformatigen Fotografien zusammen. Die doppelseitigen Abbildungen weisen ein beeindruckendes Querformat von 45 x 30 auf, die ganzseitigen ein Hochformat von meist 20 x 30. Gelegentlich wird auch das „kleine“ Format 13 x 20 genutzt.

Die Auswahl der Motive erhebt den Anspruch, prototypisch zu sein, also exemplarisch-stellvertretend für eine Idee aus Chassots fotografischem Weltbild zu stehen. Mit der zuvor schon beschriebenen Präzision und Perfektion beim Ablichten – beim Beachten der Farbgebung, der Linienführung und der Lichtregie – gelingt es dem Fotografen, jedes einzelne Objekt zu einem neuen Kunstwerk zu transformieren, zu einem Kunstwerk, das für sich selbst spricht.

Auswahl des Papiers, Qualität der Fotografien wie auch die Bindung des Buches sind, wie bei Hirmer gewohnt, auf sehr hohem und vorbildlichem Niveau.

Atelier WW | City Bernina | Zürich-Oerlikon Schweiz | 2001 © Marcel Chassot

Fazit

Man kann Fotograf, Autor und Verlag zu dieser gelungenen Herausgabe nur gratulieren. Dem eingangs wiedergegebenen Anspruch, ein Gesamtkunstwerk zu sein, wird es ohne Einschränkungen gerecht. Deshalb: Fünf von fünf Sternen.

Die Daten

Wolfgang Meisenheimer. Marcel Chassot – Architektur und Fotografie – Staunen als visuelle Kultur erschien am 1. März 2018 im Hirmer Verlag. 374 Seiten, 256 Abbildungen in Farbe, 23,5 x 33 cm, gebunden mit Schutzumschlag.
ISBN: 978-3-7774-3004-1
Preis: 69,00 € [D] | 71,00 € [A] | 85,00 SFR [CH]

Hier geht es zur Leseprobe.

Rezension: Ansgar Hoffmann

Unsere Bewertung:

Marcel Chassot: Architektur und Fotografie – Staunen als visuelle Kultur (Gebundene Ausgabe)


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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen