Loredana Nemes. Gier Angst Liebe

Fotografien 2008–2018

Entdeckungslust und Künstlerinnen haben einen hohen Stellenwert im Programm der Berlinischen Galerie. Schon lange ist Ulrich Domröse, Leiter der Fotografischen Sammlung, mit Loredana Nemes im Dialog. Das Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur besitzt bereits 23 Werke der deutschen Fotokünstlerin mit rumänischen Wurzeln. Mit der ersten, großen Einzelausstellung in einem Kunstmuseum geht zugleich ein wichtiger Wunsch von Nemes in Erfüllung. Nachdem sie 2001 von Aachen nach Berlin gezogen war, besuchte sie 2004 erstmalig die Berlinische Galerie und wusste: „Hier will ich ausstellen“ – jetzt ist es soweit.

Zunächst hatte Loredana Nemes Mathematik und Germanistik studiert. In Berlin entschied sie sich dann für einen radikalen Neuanfang: eine Laufbahn als freie Fotografin. Cartier-Bresson, Friedlander, Sugimoto und Frauke Eigen wurden zu wichtigen Leitfiguren der Autodidaktin. Inzwischen gab es zahlreiche Galerie-Ausstellungen und Publikationen zu Nemes, deren Werke sich bereits in verschiedenen Sammlungen befinden: Folkwang Museum Essen, Deutsches Historisches Museum, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, DZ Bank Kunstsammlung Frankfurt und Cleveland Clinic Art Collection.

Gezeigt werden noch bis zum 15. Oktober 2018 sechs Fotozyklen aus Nemes‘ letzten zehn Schaffensjahren, drei davon wurden gerade erst abgeschlossen und sind damit zum ersten Mal in der Berlinischen Galerie zu erleben:

beyond (2008-10, türkische und arabische Männerwelten in Berlin), Blütezeit (2012, Portraitexperiment mit Jugendlichen), Der Auftritt (2014, Karneval, Masken, Modelle) – Premieren: Gier (2014-17, verkeilte Flugkörper), 23197 (2017-18, Permutationen der Angst), Ocna. Eine Annäherung (2017-18, morbid-lustvolle Körperfragmente).

Die Ausstellung umfasst ca. 120 fotografische und poetische Werke. Im Zentrum stehen Menschenportraits sowie die Poesie und der Surrealismus des Alltags. Loredana Nemes fokussiert schon lange auf soziale und heute hochpolitisch relevante Themen wie Identität und Persönlichkeit. Mit den Stilmitteln der Farb- und Schwarz-Weiß-Fotografie, der Schärfe, Unschärfe und Abstraktion reflektieren ihre Bilder zum Teil auch Unsicherheiten, Unwissen und Ängste der Betrachter. Nemes‘ Vorteil und Motor sind ihre Erfahrungen aus drei verschiedenen Kulturkreisen: Rumänien, ihr Geburtsland Iran, ein Zwischenaufenthalt in ihrer Kindheit und die Bundesrepublik. Jeder Neuanfang im Leben stärkt die Sensibilität, die Offenheit und Neugier. Wo ihr künstlerisches Werk seitdem auftaucht, hinterlässt es Spuren.

„So wie die Begegnung enthält auch die Fotografie das Magische, das Unbeschreibbare, das Einzigartige. Was gewiss ist, ist unser Bildgedächtnis, aus dem sich vieles speist. Sowohl in der Entstehung als auch im Betrachten bedienen wir uns dieses Pools an Bildern, sortieren, variieren und schaffen, wenn möglich, Neues. Wie das geschieht, sollte jedoch unbeschrieben bleiben, denn Worte werden diesem Suchen und Finden auf so vielen Ebenen nicht gerecht.“ (Loredana Nemes)

Die einzelnen Werkzyklen

Die Serie Gier (2014–17) bildet den Auftakt der Ausstellung. Ihr Thema ist die ungezügelte Begierde. Anhand von in sich verknäulten Möwenleibern beschreibt Nemes den affektbesetzten kreatürlichen Energieausbruch als eine archaisch anmutende, lebensbejahende Kraft. Entstanden sind zeichenhafte und bizarre Gebilde von großer grafischer Schönheit.

Angst ist das Thema der Werkgruppe 23197 (2017–18). Seit LKWs in den letzten Jahren wiederholt als Waffen für terroristische Gewaltakte eingesetzt werden, verkörpern sie nun auch den Aspekt der Gewalt. Vor diesem Hintergrund hat Nemes sie frontal als unscharfe „Portraits“ fotografiert. Ihre Bedrohlichkeit entsteht dadurch, dass sie aus der Perspektive des möglichen Opfers im Augenblick der instinktiv wahrgenommenen Gefahr aufgenommen worden sind. Ergänzt werden diese Fotografien durch Textarbeiten, die über Angst als akute Gesellschaftskrankheit reflektieren.

Die Serie Ocna. Eine Annäherung (2017–18) zeigt verschiedene männliche Körperfragmente wie Bauch, Brust, Kopf, Arm und Bein, die offensichtlich zu ein und derselben Person gehören. Sie scheinen wie Treibgut auf einer spiegelglatten, beinahe schwarzen Wasseroberfläche zu schwimmen. Es entsteht der Eindruck, dass hier mit Neugier und Präzision ein Körper seziert und auf seine Besonderheiten und Lebensspuren hin untersucht worden ist. Im Gegensatz zu dieser nüchternen Bestandsaufnahme lassen die dazu entstandenen poetischen Texte eine große Nähe zur abgebildeten Person erkennen.

In diesen jüngsten Serien aus den letzten drei Jahren hat sich Loredana Nemes einem ganz neuen Themenbereich zugewandt. Ihr Interesse galt jetzt so grundsätzlichen Affekten und Gefühlen wie Gier, Angst und Liebe. Dafür veränderte sie auch ihre Arbeitsweise. Statt der bisherigen Schwarz-Weiß-Fotografie und Abbildhaftigkeit entschied sie sich nun auch für Farbe und Abstraktion.

beyond (2008–10) ist eine Arbeit über Fremdheit und die Wahrnehmung einer anderen Kultur. Hier ist es die geheimnisvoll erscheinende Männerwelt der türkischen und arabischen Lokale in Kreuzberg, Neukölln und Wedding. Da diese Orte für Frauen verschlossen bleiben, fotografierte die Künstlerin anfangs die Außenansichten dieser Cafés und Kulturvereine, dies aber mit dokumentarischer Genauigkeit. Später bat sie die Männer zum Portrait und fotografierte sie durch die teilweise verhängten und undurchsichtigen Scheiben. Die zwangsläufig nebulös wirkenden Resultate entsprechen auf visueller Ebene der Schwierigkeit, das Unbekannte nicht einordnen zu können. Die hohe Aktualität dieser Serie speist sich aus der faszinierenden Wirkung der unscharfen Portraits, die weniger über die Portraitierten und mehr über unsere Ängste und Projektionen erzählen.

Mit der Serie Blütezeit (2012) wollte Loredana Nemes den aufreibenden und von tiefgreifenden Wandlungen begleiteten Prozess der Adoleszenz verstehen. Da in dieser Zeit der Verunsicherung und der Suche das soziale Leben maßgeblich auf Freundschaften ausgerichtet ist, entschied sie sich für Gruppenportraits. Um dennoch zu jedem Einzelnen einen intensiven Kontakt aufzubauen, ging sie innerhalb der Gruppe mit der Kamera von einem zum anderen und hielt ihn einzeln fest. Später setzte sie die Aufnahmen als Tableau zu einem Ganzen zusammen. Die ungewohnte Intensität, die von diesen Bildern ausgeht, hat hier ihren Grund. Es sind Aufnahmen, die nicht nur etwas über die Gefühlswelt und den Prozess der Identitätsbildung erzählen, sondern vor allem über Zusammenhalt und emotionale Beziehungen der Jugendlichen zueinander.

Die Werkgruppe Der Auftritt (2014) entstand am Rande des rheinischen Karnevals. Die Künstlerin bat dafür kostümierte und feiernde Menschen aus dem Trubel der Festumzüge, Kneipen und Gasthäuser heraus, um sie vor neutralem dunklem Hintergrund alleine zu fotografieren. In dem Augenblick entstand eine besondere Situation für die Modelle, denn gerade eben waren sie noch mit ihrer Verkleidung in eine selbstgewählte Rolle geschlüpft, um damit Teil einer Gemeinschaft zu sein.

Die Portraitierten wirken so als wollten sie die Zeit selber dehnen, um sich nicht entscheiden zu müssen, welches Gesicht der Rolle und welches der eigenen Identität entspricht.

Publikation

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog im Hartmann Projects Verlag: Ulrich Domröse, Katja Petrowskaja. GierAngstLiebe: GreedFearLove Taschenbuch, 128 Seiten, Deutsch und Englisch, etwa 70 Abbildungen, 23,5 x 1,6 x 27,2 cm.
ISBN: 978-3-96070-018-0
Preis: 34,00 Euro

Besucherinformationen

Berlinische Galerie
Alte Jakobstraße 124-128, D-10969 Berlin
Tel +49 (0)30-789 02-600

Ausstellungsdauer: bis 15. Oktober 2018
Öffnungszeiten: Mi bis Mo 10–18 Uhr, Di geschlossen
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, bis 18 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Berlinische Galerie.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

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