Anton Corbijn. The Living And The Dead

Wann wird Fotografie zur Kunst?

Ausstellung „Anton Corbijin. The Living and the Dead“ im Bucerius Kunstforum Hamburg. Foto: Ulrich Perrey

Seit über vier Jahrzehnten prägt Anton Corbijn mit seinen ikonischen Porträts das Image von Bands und Musikern wie Depeche Mode, U2 oder Tom Waits. Mit Anton Corbijn. The Living and the Dead widmet das Bucerius Kunst Forum in Hamburg dem international renommierten Fotografen nun noch bis zum 6. Januar 2019 eine umfassende Schau. Die Ausstellung ist der Beitrag des Bucerius Kunst Forums zur Triennale der Photographie Hamburg 2018.

Gezeigt werden rund 120 Arbeiten Corbijns aus 40 Schaffensjahren, darunter etwa 20 bisher unveröffentlichte Fotografien. Die Ausstellung stellt den meist im Auftrag entstandenen Musikerporträts rund 40 freie Arbeiten des Künstlers gegenüber. Dabei spürt sie der Frage nach, wann Fotografie zu Kunst wird.

Anton Corbijn (geb. 1955): Joy Division, London 1979, Leihgabe des Künstlers, © Anton Corbijn, 2018

Im Zentrum der Schau steht die autobiografischste Serie des niederländischen Fotografen: a. somebody.

Für diese inszenierte sich Corbijn als Musiker und fotografierte sich in der ländlichen Umgebung seines Geburtsorts Strijen.

Die Faszination für die Idole seiner Jugend wie John Lennon, Jimi Hendrix oder Janis Joplin wurde für den Künstler prägend.

Sie half ihm, sich geistig von der einengenden Provinz und der Fixierung seines religiösen Elternhauses auf das Leben nach dem Tod zu befreien.

„I wanted to be freer, and the music represented that for me”, so Corbijn.

Die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum umfasst 119 analog entstandene Arbeiten Anton Corbijns, darunter bisher unveröffentlichte Aufnahmen.

Kurator Franz Wilhelm Kaiser gliedert die Schau in zwei Teile.

Musikerporträts

Der erste Teil der Ausstellung widmet sich den meist als Auftragsarbeiten entstandenen Musikerporträts und zeigt eine Auswahl von 77 seiner bekanntesten Fotografien aus 40 Jahren seines Schaffens. Dabei handelt es sich um Arbeiten aus verschiedenen Serien, die jeweils ein eigenes Format und eine eigene Ästhetik aufweisen. Viele davon wurden zu ikonischen Bildern.


li: Anton Corbijn: Henry Rollins, El Mirage 1994 | re: Anton Corbijn: Sinéad O’Connor, Dublin 1990 | beide: Leihgabe des Künstlers, © Anton Corbijn, 2018

Sein imperfekter, narrativer Stil prägte das Image zahlreicher Musiker und passte zu dem Selbstverständnis dieser Künstler, die sich von den Rockmusikern der älteren Generation abheben wollten. Corbijns völlig unglamouröse Mischung von leicht arroganter Pose und Natürlichkeit war etwas ganz Neues in der Musikfotografie. Bei seinen Auftragsarbeiten erkämpfte Corbijn sich schon früh schöpferische Freiheit, um seinen sehr eigenen Stil umsetzen zu können.

Freie Arbeiten

Seit langem lebt Anton Corbijn in einer Welt von Celebrities und Glamour, und so mag es verwundern, dass er sich immer wieder mit Sinnfragen des Lebens auseinandergesetzt hat. Dass viele der von ihm fotografierten Musiker relativ jung starben, beschäftigte Corbijn fortwährend. Ein früher Beleg dafür ist seine Anfang der 1980er Jahre entstandene Serie von Grabmonumenten auf katholischen Friedhöfen. Corbijns Suche nach dem „Warum“ kulminierte zwanzig Jahre später in seinem Projekt a. somebody.

Ausstellung „Anton Corbijin. The Living and the Dead“ im Bucerius Kunstforum Hamburg. Foto: Ulrich Perrey

Der zweite Teil der Ausstellung setzt den meist im Auftrag entstandenen Musikerporträts diese freien Arbeiten entgegen. Für die zweiteilige Serie a. somebody begibt sich Corbijn in der Maskerade von Musikern in die ländliche Umgebung seiner Kindheit und Jugend. Den in Strijen entstandenen Farbfotografien stehen hochformatige Schwarz-Weiß-Fotografien gegenüber, die im Studio aufgenommen wurden und an Passbilder erinnern. Diese Arbeiten sind die wohl freiesten Fotografien des Künstlers. In ihnen drücken sich die beiden bestimmenden Obsessionen seines Lebens aus: die seiner Eltern mit dem Leben nach dem Tod (sein Vater war Pastor) und seine eigene mit der Musikwelt – seine verzweifelten Versuche, dort jemand (a somebody) zu sein.

Ausstellung „Anton Corbijin. The Living and the Dead“ im Bucerius Kunstforum Hamburg. Foto: Ulrich Perrey

Für die Serie Cemeteries fotografierte Anton Corbijn keine Menschen, sondern ausnahmsweise Grabmonumente in seiner charakteristischen Bildsprache. Diese bisher nicht veröffentlichte Serie entstand 1982, in der Zeit Corbijns großen Durchbruchs.

Wie viele Fotografen hat Corbijn lange an der Schnittstelle zwischen freier und angewandter Fotografie gearbeitet. Und so untersucht die Ausstellung anhand seiner Porträts von Bands und Musikern, seiner Musiker-Selbstporträts und der bisher noch nie gezeigten Cemeteries-Serie nicht nur Corbijns Auseinandersetzung mit „den Lebenden und den Toten“, sondern thematisiert zudem eine selten gestellte Frage: Wann wird Fotografie Kunst?

Publikation

Der Katalog zur Ausstellung mit Beiträgen von Daria Dittmeyer-Hössl, Franz Wilhelm Kaiser und Marie-Noël Rio erscheint im Schirmer/Mosel Verlag, München.  Gebunden,  160 Seiten mit Abbildungen aller ausgestellten Werke, 30,5 x 2,7 x 24,6 cm
ISBN: 978-3829608343
Preis: 39,80 € in der Ausstellung, 48,00 € im Buchhandel

Über die 7.Triennale der Photographie Hamburg 2018

Die 7. Triennale der Photographie Hamburg findet noch bis September in Kooperation mit den großen Hamburger Museen, kulturellen Institutionen, Galerien und weiteren Veranstaltern in Hamburg statt. Zum Motto Breaking Point. Searching for Change reflektiert das Festival die momentanen ökologischen, sozialen, politischen und wirtschaftlichen Veränderungen durch den Blickwinkel der Fotografie. Begleitet wird die 7. Triennale von Künstlergesprächen, fachspezifischen Diskussionen, Vorträgen und Portfolio-Sichtungen.

Besucherinformationen

Bucerius Kunst Forum
Rathausmarkt 2, D-20095 Hamburg
Tel +49 (0)40 36 09 96 0

Ausstellungsdauer: bis 6. Januar 2019 
Öffnungszeiten: täglich 11-19 Uhr, Do bis 21 Uhr
Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 6 Euro, unter 18 Jahren frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Bucerius Kunst Forum.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

The Living and the Dead: Katalog Bucerius Kunst Forum, Hamburg (Gebundene Ausgabe)


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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
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