Stillleben. Eigensinn der Dinge

Neue Ausdrucksformen einer alten Tradition

Andrea Witzmann. In The Wealth Of Time 4 / In der Fülle der Zeit 4 © Andrea Witzmann

Seit etwa 400 Jahren ist das Stillleben ein Kunstgenre. Das KUNST HAUS WIEN stellt es nun bis zum 17. Februar 2019 in einer großen Themenausstellung in den Mittelpunkt, wird es doch  derzeit in der zeitgenössischen Kunst neu aufgegriffen und diskutiert.

Bei dieser Wiederannäherung geht es weniger um eine nostalgische Referenz an ein verschwunden geglaubtes Genre. Ganz im Gegenteil hinterfragen Künstler aktuell in der Fotografie das Stillleben radikal als Ausdrucksmöglichkeit. Es geht darum, herrschende Bildkonventionen zu stören. Aus vordergründig antiquierten Stilen und Praktiken heraus soll sich eine klar umrissene künstlerische Alternative entwickeln – sowohl was den Raum der Dinge als auch den Raum der Bilder und den Raum der Fotografie betrifft.

Sharon Lockhart, No-No Ikebana. Arranged by Haruko Takeichi, 2003 © Sharon Lockhart. Courtesy neugerriemsschneider, Berlin

Die Künstler der Ausstellung knüpfen mit ihren Arbeiten oft an spezifische Bildtraditionen an. Diese sind einerseits in der Geschichte der Malerei, andererseits in der Geschichte der modernen Fotografie zu finden. Harun Farocki beispielsweise beschäftigt sich in Stillleben (1997) mit den Funktionen des historischen Stilllebens und Parallelen zur gegenwärtigen Werbe- und Produktfotografie. Tacita Dean bezieht sich in Still Life (2009) auf die Kompositionsprinzipien eines sachlich-bildnerischen Stils und dessen Fundierung in der Malerei.

Wie schon im historischen Stillleben fußen auch die neuen Bilder auf einem Materialfundus, der Zeitgenossenschaft anzeigt. Anders als in der niederländischen Tradition aber sind es heute nicht mehr Handelsbeziehungen, die sich über kostbare und exotische Güter vermitteln. Es sind die globalen Märkte mit Verweis auf den Massenkonsum demokratisierter oder elitärer Konsumwelten (Annette Kelm, Moyra Davey).

Annette Kelm, Welcome, 2016. © Annette Kelm. Courtesy KÖNIG GALERIE Berlin/London

In einigen Bildern sind Dinge als „Spur“ zu sehen, die Rückschlüsse auf das reale Leben ihrer Besitzer oder der Fotografen zulassen. In anderen Konzepten geraten die Dinge durch streng formalisierte Sichten zu eigenen ästhetischen Zeichen, die auf nichts als auf sich selbst zu verweisen scheinen.

Unsere Bildkulturen sind im Umbruch sind und fotografische Bilder beginnen, die Sprache zu ersetzen. So stellt sich auch die Frage, ob die neuen Stillleben als Gegenraum zu den schnelllebigen Bildwelten unserer digitalen Gegenwart verstanden werden. Mit dem Stillleben verlangsamt sich das Sehen. Bildräume gelangen zu einer Präsenz, die sich der Flüchtigkeit der ständig wechselnden Bilder entgegenstellt.

Andrzej Steinbach, Untitled (record player), 2013. © Andrzej Steinbach. Courtesy Galerie Conradi Hamburg/Brüssel

Die in der Ausstellung vertretenen Arbeiten verweisen auf die oft zufällige und sich wandelnde Erscheinung der Dinge und auf die Offenheit ihrer Interpretierbarkeit. Damit widersetzen sich die Arbeiten dem Konzept einer völligen Beherrschung des Bildes – oder gar einer Beherrschung von Information.

Ausstellende Künstler

Ketuta Alexi-Meskhishvili (GE), Dirk Braeckman (BE), Moyra Davey (CAN), Tacita Dean (GB), Gerald Domenig (AT), Harun Farocki (DE), Hans-Peter Feldmann (DE), Manuel Gorkiewicz (AT), Jan Groover (US), Matthias Herrmann (DE), David Hockney (GB), Leo Kandl (AT), Annette Kelm (DE), Elad Lassry (IL), Zoe Leonard (US), Laura Letinsky (CA), Sharon Lockhart (US), Anja Manfredi (AT), Barbara Probst (DE), Ugo Rondinone (CH), Lucie Stahl (DE), Andrzej Steinbach (DE/PL), Ingeborg Strobl (AT), James Welling (US), Christopher Williams (US), Andrea Witzmann (AT).

Publikation

Zur Ausstellung erscheint der Katalog Eigensinn der Dinge, Bilder, Fotografie. Stillleben in künstlerischen Konzepten der Gegenwart mit einem Vorwort von Bettina Leidl und Texten von Harun Farocki, Maren Lübbke-Tidow und Martin Prinzhorn. 248 Seiten, Hardcover.
Preis: 26 €

Besucherinformationen

KUNST HAUS WIEN
Untere Weißgerberstraße 13, A-1030 Wien
Tel +43 1 712 04 91 

Ausstellungsdauer: bis 17. Februar 2019
Öffnungszeiten: täglich von 10 bis 18 Uhr
Eintritt: € 12, bis 10 Jahre gratis, 11 bis 18 Jahre € 5

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von KUNST HAUS WIEN.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen