Wilhelm Reiß. Abenteuer Anden und Amazonas

Historische Fotografien entführen nach Südamerika

Vor 150 Jahren brach der Mannheimer Vulkanologe Wilhelm Reiß (1838-1908) zu einer abenteuerlichen Expedition durch Südamerika auf. Seine achtjährige Reise führte ihn durch Kolumbien, Ecuador, Peru und Brasilien. Er folgte dem Amazonas und bestieg als erster das rund 5900 Meter hohe Vulkanmassiv des Cotopaxi in Ecuador.

Zum Jubiläum präsentiert das Forum Internationale Photographie der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim noch bis zum 20. Januar 2019 einen besonderen Schatz. Erstmals wird eine umfassende Auswahl an historischen Fotografien gezeigt, die Wilhelm Reiß von seinen Reisen mitgebracht hat.

Die Sonderausstellung Abenteuer Anden und Amazonas entführt die Besucher nach Südamerika – einem Kontinent, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zwar längst keine „terra incognita“ mehr war und dennoch eine fremde Welt darstellte. Die kostbaren Aufnahmen zeigen die großen Städte, die reizvollsten Landschaften und spektakulärsten Naturschauspiele.

Eigentlich wollten Wilhelm Reiß und sein Fachkollege Alphons Stübel (1835-1904) im Januar 1868 in der nordkolumbianischen Hafenstadt Santa Marta nur einen kurzen Zwischenhalt auf ihrer Reise zu den Sandwich-Inseln einlegen. Fasziniert und herausgefordert vom geologischen und naturwissenschaftlichen Überfluss änderten sie jedoch ihre Meinung und reisten acht Jahre lang quer durch Südamerika. Eine Expedition, die sie nicht selten an den Rand ihrer physischen und psychischen Belastbarkeit brachte.

Bei seiner Rückkehr nach Mannheim 1876 hatte Wilhelm Reiß neben Gesteinsproben, zoologischen, ethnografischen und archäologischen Sammlungsstücken sowie schriftlichen Aufzeichnungen umfangreiche Fotokonvolute im Gepäck. Diese Konvolute bilden ein Herzstück der Foto-Sammlung der Reiss-Engelhorn-Museen.

Die neue Ausstellung vereint rund 300 Aufnahmen. Es handelt sich hauptsächlich um Albuminabzüge, jene fragilen Papierbilder mit ihrem charakteristischen sepiafarbenen Grundton, die den Betrachter noch heute durch ihre präzise Tiefenschärfe und ihren nuancierten Tonumfang begeistern. Die Bilder stammen von verschiedenen Fotografen und Studios. Teils wurden sie wahrscheinlich im Auftrag der Forscher angefertigt.

Die Auswahl der gezeigten Bildinhalte ist so vielfältig wie die Reiseregion selbst. Imposante Stadtansichten von Bogota oder Lima zeugen von einer rasch fortschreitenden Urbanisierung. Im Gegensatz dazu beeindrucken Landschaftsbilder durch die Üppigkeit und Wildheit der Natur. Zahlreiche Aufnahmen dokumentieren die Zerstörungskraft von Erdbeben – einer latenten Gefahr, die in Südamerika allgegenwärtig ist.

Kurz nach ihrer Ankunft erschütterte im August 1868 ein außergewöhnlich schweres Beben Ecuador und Peru. Was für die beiden Forscher eine wissenschaftliche „Chance“ darstellte, die massiven tektonischen Verschiebungen hautnah zu begutachten, war für die einheimische Bevölkerung eine Tragödie.

Ein weiterer Schwerpunkt der gezeigten Fotografien liegt auf Porträtaufnahmen. Hier dominiert der europäisch-eurozentrische Blickwinkel. Viele Aufnahmen spiegeln den Wunsch der Reisenden, aber auch daheimgebliebener Europäer nach vorzeigbaren „Wilden“ oder exotischen Typen wider.

Wilhelm Reiß hat die Porträtbilder seines Konvoluts selbst geordnet und beschriftet. Zu sehen sind unter anderem Darstellungen verschiedener Berufsstände bis hin zu freigelassenen Sklaven und Sklavinnen sowie Porträts von Persönlichkeiten aus Politik, Kirche und Gesellschaft. Einige Porträts, aufgenommen von den beiden renommierten deutschen Fotografen Alberto Frisch und Alberto Henschel, überwinden die reine Typen-Fotografie und zeigen individuelle Züge der Abgelichteten.

Ergänzt werden die ausgestellten Fotografien durch ebenfalls von der Expedition stammende ethnologische Objekte sowie Gemälde des ecuadorianischen Malers Rafael Troya (1845-1920).

Auszüge aus den persönlichen Reisebriefen von Wilhelm Reiß, in denen er einfühlsame Schilderungen von den grandiosen Landschaften, ihren Bewohnern, seinen Glücksgefühlen und nicht zuletzt den erlittenen Strapazen gibt, bilden eine weitere Ebene dieser facettenreichen Ausstellung.

Besucherinformationen

Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim
Museum Zeughaus C5, Forum Internationale Photographie
68159 Mannheim

Ausstellungsdauer: bis 20. Januar 2019
Öffnungszeiten: Di bis So 11–18 Uhr 
Eintritt: 3 Euro, ermäßigt 2 Euro, bis 18 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung der Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen