CORPUS DELICTI. Statements zu Aktfotografie und Körperinszenierung

Über Nacktheit und Öffentlichkeit

Noch bis zum 21. Oktober 2018 ist die Ausstellung CORPUS DELICTI – Drei zeitgenössische Statements zur Aktfotografie und Körperinszenierung in der Galerie The Ballery im Herzen von Berlin-Schöneberg zu sehen.

Mit Werken der jungen und aufstrebenden Fotografen Sonia Szóstak (*1990, Polen), Steven Kohlstock (*1982, Deutschland) und Simon Lohmeyer (*1989, Deutschland) zeigt die Ausstellung den Status Quo der Aktfotografie und Körperinszenierungen.

Darüber hinaus lädt sie zum Diskurs über Nacktheit und Öffentlichkeit ein: Wie viel Haut ist in der Öffentlichkeit im Allgemeinen und den Sozialen Netzwerken im Besonderen angebracht, welche Positionen nehmen die Fotografen zu dieser Frage ein, wie nutzen sie die Nacktheit in ihren Arbeiten, wie gehen Leser bzw. Follower damit um?

Zur Geschichte der Aktfotografie

Aktmalerei gehört zu den ältesten Genres der Kunstwelt, die ersten erotischen Fotos wurden 1845 mit dem Durchbruch Daguerreotypien möglich. Vertrieben wurden diese u. a. von Eugène Delacroix, Eugène Durieu und Bruno Braquehais aufgenommenden Werke durch Kunsthändler in Paris. Die Unikate, oftmals handkoloriert, zeigten Prostituierte oder promiskuitive Frauen, mal in Rückenansicht aufgenommen (Oscar Gustave Rejlander, Nude, 1857, oder Paul Berthier, Nude, 1865), mal durch einen Schleier verdeckt (Oscar Gustave Rejlander, Two Ways of Life, 1857).

Die nachfolgenden Pictorialisten ließen den weiblichen Körper durch die Linse wie eine verschwommene, auratische Traumsequenz erscheinen (Edward Steichen, Figure with Iris, 1902). Ab den 1920er-Jahren entstanden dann ikonische Werke wie Le Violon d’Ingres von Man Ray (1924) sowie zahlreiche experimentelle Körperstudien von Martin Munkácsi und László Moholy-Nagy oder später Herbert List und Edward Weston.

Rasch durchlief die Aktfotografie eine Entwicklung vom verpönten Schmuddelfoto mit fragwürdigem Personal hin zur angesehenen Kunstform, die auch in Adels- und Prominentenkreisen beliebt war. Während der Körper um die Jahrhundertwende noch mit abgetönten, vagen Konturen inszeniert wurde, arbeiteten Fotografen wie Leni Riefenstahl und George Hurrell oder später auch Herb Ritts mit einer magischen Ausleuchtung und einer erotisierenden Sportlichkeit. Mit Hilfe von archaischer Architektur und strikten geometrischen Linien erreichte die Aktfotografie eine neue Qualität.

Aber wie wird die Aktfotografie heute bewertet und rezipiert?

Während die älteren Generationen vor der öffentlichen Nackheit zurückschrecken und ihr kritisch gegenüberstehen, zeigt die heutige Jugend tendenziell eher alles. Das Internet wird mit nackten Selfies und pornografischen Bildern auf allen möglichen Plattformen geflutet; der Wille, den eigenen Körper zu zeigen und diesen für die 24/7-Zurschaustellung noch zu optimieren, war nie so populär wie heute. Dabei geht es weniger darum, Tabus zu brechen, als um die Frage, wie viele Likes, neue Follower oder Kommentare man für die Fotos erhalten kann.

Die Ausstellung CORPUS DELICTI wurde kuratiert von Nadine Dinter und untersucht, wie zeitgenössische Fotografen den Körper anderer wahrnehmen und diesen inszenieren, jeweils unter den Gesichtspunkten von Intimität, Geschlecht und Sexualität. So wirft Sonia Szóstak einen weiblichen Blick auf den femininen Körper, Steven Kohlstocks Fotografien zeigen die maskuline Sicht auf den männlichen Körper, während Simon Lohmeyer sowohl Selbstporträts als auch Paare inszeniert und abbildet. Ebenso werden unterschiedliche Arten der Präsentation von Fotografie vorgestellt. Eine kuratierte Event-Reihe aus körperinspirierten Talks und Präsentationen ergänzt darüber hinaus die Ausstellung.

Über die ausstellenden Künstler

Sonia Szóstak studierte an der Staatlichen Hochschule für Film, Fernsehen und Theater Leon Schiller in Polen. Ihre Werke wurden bereits in der Galeria Carla Sozzani (Mailand), A/D/O Gallery (New York), No Wódka Concept Store (Berlin), MIA PHOTO FAIR (Mailand) und dem Museum of Contemporary Art (Warschau) gezeigt. Szóstak lebt und arbeitet in Paris. – www.soniaszostak.com

Steven Kohlstock studierte Fotografie am Lette-Verein (2007–2010) in Berlin, nachdem er als Autodidakt in Barcelona begonnen hatte zu fotografieren. In seiner Arbeit konzentriert er sich auf die Genres Porträt und Mode, inspiriert durch sein Kunstgeschichtsstudium an der Humboldt Universität in Berlin (2010–2013). Fotos von ihm erschienen u. a. in Vogue Italia, L’Uomo Vogue, T: The New York Times Style Magazine, Vogue Spain, Harper’s Bazaar España, Vice Germany, Metal Magazine, Spex oder dem Männer Magazin. Er lebt und arbeitet zwischen Paris und Berlin. – www.stevenkohlstock.com

Nach seinem Abitur reiste Simon Lohmeyer für acht Jahre um die Welt, wobei ihm das Modeln seine Reisen ermöglichte. Gleichzeitig entsprang den Reisen seine Liebe zur Fotografie, deren verschiedene Genres wie Mode-, Dokumentations-, Landschafts- und Porträtfotografie er nach und nach erkundete. Lohmeyers Arbeiten wurden von Fotografen wie Helmut Newton, Tim Walker, David LaChapelle und Juergen Teller inspiriert. – www.dirtydirty.me

Über The Ballery

Die Galerie The Ballery ist ein unabhängiger Art Space in Berlin und wurde 2014 eröffnet. Das Konzept zeichnet sich durch eine interdisziplinäre Haltung, ein dynamisches Format sowie eine große künstlerische Vielfalt aus. – www.theballery.com

Besucherinformationen

The Ballery
Nollendorfstraße 11-12, D-10777 Berlin

Ausstellungsdauer: 20. September bis  21. Oktober 2018
Öffnungszeiten: Di 18-22 Uhr, Mi bis Fr 15-19 Uhr, Sa 13-18 Uhr

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von The Ballery

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

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