Olbricht Collection: The Moment is Eternity.

Zeit und Vergänglichkeit in der Fotografie

Ed van der Elsken, Parijs, Pierre et Paulette, 1955, Nederlands Fotomuseum © Ed van der Elsken, Courtesy Galerie Kicken Berlin

The Moment is Eternity lenkt mit rund 300 ausgestellten Werken und Objekten von rund 60 Künstlern und Künstlerinnen das Augenmerk auf die fotografischen Arbeiten der Olbricht Collection. Sie zeigt diese im Dialog mit anderen Kunstwerken der Sammlung sowie Artefakten der Wunderkammer. Zu sehen ist die Ausstellung im Rahmen der Berlin Art Week 2018 und des EMOP Berlin – European Month of Photography vom 26. September 2018 bis zum 1. April 2019 im me Collectors Room in Berlin.

Zu den programmatischen Schwerpunkten der Olbricht Collection gehört das Thema Vergänglichkeit. Welches andere künstlerische Medium als die Fotografie wäre besser geeignet, die daraus entstehenden Fragen von Zeit und Geschichte zur Diskussion zu stellen?

Dem Augenblick Dauer zu verleihen, ist dem Medium per se eingeschrieben. Hier berühren sich Kunst und Philosophie: Seit der Antike wird die Ewigkeit als zeitlos beschrieben, und in diesem Sinn setzt Goethe in dem Gedicht „Vermächtnis“ (1830) Augenblick und Ewigkeit gleich. Der Moment ist für den Menschen der einzig wahrnehmbare Teil der Ewigkeit.

William Eggleston, Untitled, Memphis, 1970 © Eggleston Artistic Trust, Courtesy Eggleston Artistic Trust and David Zwirner

Die Welt sinnenhaft und vernunftbegabt wahrnehmend zu gestalten, ist Goethes „Vermächtnis“: es fügt sich mit Henri Cartier-Bressons Diktum des „entscheidenden Augenblicks“ (the decisive moment) über Epochengrenzen hinweg zur Beschreibung einer Kunst, die die Essenz eines Geschehens und die ihr angemessene Form in eins zu fassen vermag. Wie der fotografische Zugriff auf die Wirklichkeit die Zeichen einer Zeit verdichtet, so reflektieren auch die anderen Künste im Zusammenspiel vielfältige Aspekte wie Dauer und Vergänglichkeit. Schönheit und Sinnlichkeit, Werden und Vergehen oder Körper und Gesellschaft werden innerhalb der großen Bandbreite der Olbricht Collection in verschiedenen Epochen und Medien gezeigt.

August Sander, Handlanger, 1928 © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur – August Sander Archiv, Köln / VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Die Fotografie verdoppelt die Wirklichkeit nur scheinbar. Von der Dokumentation zur Selbstreflektion ermöglicht sie Aufschluss über die Bedingtheit des menschlichen Lebens und die Gesellschaft in verschiedenen Epochen.

August Sander ist mit seiner epochalen Studie über die Menschen des 20. Jahrhunderts ein Beispiel dafür, wie das Vertrauen in die faktische Kraft des fotografischen Bildes mit dem vergleichenden Sehen eine verbindliche soziale Typologie hervorbringt.

Sammeln und Bewahren ist nicht nur Aufgabe des Naturforschers oder offenbart sich in den Ablagerungen von Zellen, etwa im Schildkrötenpanzer.

Auch ein Zeitgenosse wie Nicholas Nixon, der mit seinen Brown Sisters das Vergehen der Zeit wie die Sanduhr visualisiert, reiht sich in diese Praxis ein.

Bildnis und Spiegelbild, Inszenierung und Selbstbefragung nehmen eine Schlüsselrolle ein.

Nicht nur der Spiegel des fotografischen Silberbilds, den Otto Steinert im Umkehrbild des doppelköpfigen Frauenbildnisses betont, auch die Kulturgeschichte von Rollen und Ritualen, wie sie Cindy Sherman in Szene setzt oder Lee Friedlander als lakonisches Selbstbild fixiert, halten dem Betrachter den Spiegel ihrer Zeit vor.

Die Unmittelbarkeit eines direkten Gegenübers zeigen sowohl der monumentale Fotorealismus eines Franz Gertsch wie auch die expressionistische Ausdruckskunst von Emil Nolde oder die Konfrontation mit dem Rotlichtmilieu bei André Gelpke.


li: Cindy Sherman, Untitled Film Still #2, 1977 © Courtesy of the artist and Metro Pictures, New York | re: Gerhard Richter, Betty, 1991, (WV-Nr 75) © Gerhard Richter 2018 (0131)

Die Malerei der Gegenwart hat in der Rezeption fotografischer Verfahren wie auch in der Aneignung medialer, historisch besetzter Bilder wirkmächtige Instrumente gefunden, etwa in den Aktdarstellungen von Gerhard Richter oder Marlene Dumas. Sie stehen Körperbildern etwa von Otto Steinert oder Helmut Newton gegenüber, die die Ästhetik ihrer Zeit verdichten. Auch das Motiv des Ecce homo zieht sich in vielfach gebrochenen Varianten durch die Jahrhunderte, von Dürers Sebastian bis zum exponierten Körper des Models Kristen McMenamy, das Fotografen von Helmut Newton bis Juergen Teller inspiriert hat.

Fotografisches Sehen ist vergleichendes Sehen. So hat Annette Kicken in ihrer persönlichen Sicht in der vielfältigen Olbricht Collection die Werke aufgespürt, die in einer Reihe von Motiven, Sujets, Gesten und Artefakten durch Überlagerungen und Analogien gleichartige Schwingungen hervorrufen. Sie zeigen, wie alles miteinander in Verbindung treten kann. Es kommt auf den Moment an.

Giorgio Sommer, Mount Vesuvius, 1872 © Olbricht Collection, Photo Galerie Bassenge, Berlin

Künstlerinnen und Künstler

Diane Arbus, Tina Barney, Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, Larry Clark, Philip-Lorca diCorcia, Rineke Dijkstra, Robert Doisneau, Albrecht Dürer, William Eggleston, Ed van der Elsken, Elger Esser, Louis Faurer, Lee Friedlander, André Gelpke, Franz Gertsch, Francisco de Goya, Paul Graham, Jitka Hanzlová, Herbert Hoffmann, Ernst Ludwig Kirchner, Carl Robert Kummer, Zoe Leonard, Robert Mapplethorpe, Lisette Model, Eadweard Muybridge, Helmut Newton, Nicholas Nixon, Elizabeth Peyton, Gerhard Richter, August Sander, Cindy Sherman, Giorgio Sommer, Otto Steinert, Bert Stern, Juergen Teller, Wolfgang Tillmans, u.a.

Besucherinformationen

me Collectors Room Berlin / Stiftung Olbricht
Auguststraße 68, D-10117 Berlin

Ausstellungsdauer: 26. September 2018 bis 1. April 2019
Öffnungszeiten: Mi bis Mo 12-18 Uhr
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, unter 18 Jahren frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von me Collectors Room Berlin / Stiftung Olbricht

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen