Marc Riboud. Meine Bilder sind Notizen

Fotografie aus fünf Jahrzehnten

Im Vorortzug von Tokio, 1958. © Marc Riboud

Das Suermondt-Ludwig-Museum in Aachen zeigt bis zum 6. Januar 2019 eine fantastische Fotoausstellung des großen Magnum-Fotografen Marc Riboud. Über diese erste Retrospektive in einem deutschen Museum berichten wir im Folgenden gerne ganz ausführlich und mit viel Bildmaterial:

Anstreicher auf dem Eiffelturm, Paris 1953. © Marc Riboud

Mit dem Landrover gen Osten, die Gebiete Afghanistans, Indiens und Nepals durchquerend und mit China zum Ziel bereiste Marc Riboud (1923−2016) Länder, die in den 1950er Jahren oftmals eine bis dahin für Ausländer nicht zugängliche Welt darstellten.

Die spitzen Felsen Kappadokiens, die Gesichter Russlands und der Fortschritt Chinas: oft entschied Riboud selbst die Richtung.

Er reiste nach seinem Rhythmus und bewahrte sich seine künstlerische Freiheit.

Jede seiner Aufnahmen veranschaulicht auch ein Stück seiner Lebenszeit.

Aus Frankreich stammend machte Riboud zunächst mit einer frühen Pariser Fotografie auf sich aufmerksam:

Eine Zigarette lässig im Mundwinkel haltend und völlig ungesichert bewegt sich ein Anstreicher beinahe tänzerisch in luftiger Höhe auf den Streben des Eiffelturmes, während er mit großer Anmut Farbe aufträgt.

Diese Aufnahme wurde 1953 in der Illustrierten Life publiziert.

Henri Cartier- Bresson und Robert Capa boten Riboud daraufhin an, Mitglied ihrer Foto-Agentur Magnum zu werden.

Empathischer Beobachter fremder Kulturen

Um das Leben und die Welt zu sehen, Augenzeuge großer Ereignisse zu sein und die Persönlichkeit der einfachen Leute festzuhalten, bereiste Riboud fortan die entlegensten Orte der Erde. Sich seiner Rolle als Fremder in anderen Kulturen stets bewusst, entdeckte er diese als sensibler Beobachter. Mit großer Empathie erfasste er das andersartige Lebensgefühl und die Schönheit der „kleinen Dinge“, die ansteckende Freude spielender Kinder, deren Fantasie die oft trostlosen Straßen in den schönsten Spielplatz der Welt verwandeln.

Am Ufer des Ganges, Bénarès, Indien, 1956. © Marc Riboud

Als Abbilder des Alltäglichen entfalten seine Aufnahmen auf diese Weise ein subtiles Mosaik der Gegensätze: Armut, Tradition, Fortschritt, Politik und Natur überlappen und widersprechen sich, reagieren aufeinander und verbinden sich zu einem vielschichtigen Gesamtbild, das berührt und kritisch kommentiert, aber auch Würde und Respekt transportiert. Selten inszenierte Riboud große Emotionen – nie die direkte Gewalt – und beeindruckt gerade auf diese Weise nachhaltig.

Seine Aufnahmen bewegen sich stets zwischen ästhetischer Qualität und kritischem Subtext. Sie wurden von bedeutenden Zeitschriften wie Stern, Life oder Geo publiziert und dadurch weltberühmt. Trotz ihrer Leichtigkeit und Spontaneität liegen den Aufnahmen hoch komplexe Kompositionen zugrunde. Sie sind der perfekt gewählte Ausschnitt eines fortlaufenden Raumkontinuums, dessen geometrische Linien, Muster und Formen eine starke Faszination auf Marc Riboud ausübten.

Erste Retrospektive in einem deutschen Museum

Riboud fotografierte in einer Zeit, als Magazine noch Raum hatten für ausführliche Bildreportagen − Kontaktabzüge belegen anschaulich, dass nur einzelne herausragende Aufnahmen eines Motivs seinem kritischen Blick Stand hielten.

Bei einem Friedensmarsch gegen den Vietnamkrieg, Washington 1967. © Marc Riboud

Für sein Lebenswerk erhielt Marc Riboud zahlreiche Ehrungen und Preise. Seine Fotografien waren in bedeutenden Ausstellungen von Paris über New York bis Shanghai und Tokio zu sehen. Erstmals wird dem 2016 in Paris verstorbenen Fotografen nun auch in Deutschland eine umfassende Retrospektive gewidmet. Gezeigt werden 140 Arbeiten von den frühen 1950er Jahren bis 2002, darunter so bekannte Werke wie La jeune fille à la fleur von 1967.

Die von Sylvia Böhmer kuratierte Ausstellung entstand in Zusammenarbeit mit dem Archiv Marc Riboud in Paris. Sie steht unter der Schirmherrschaft der Botschafterin der Französischen Republik in Deutschland, I.E. Anne-Marie Descôtes. Mit freundlicher Unterstützung des Deutsch-Französischen Kulturinstituts Aachen.

Die Themen der Ausstellung

Spaziergänge in Paris

Im Jahr 1953 zieht Marc Riboud von Lyon nach Paris. Zu Fuß erkundet er die Straßen und Plätze der facettenreichen Weltstadt. Er verweilt im Jardin des Tuileries, flaniert die Seine entlang, genießt den Blick von der Île de la Cité und spaziert zum Eiffelturm, der gerade neu gestrichen wird. Hier entsteht mit einer der ersten auch gleichzeitig eine seiner berühmtesten Aufnahmen.

Noch im selben Jahr tritt Riboud der Fotoagentur Magnum bei. Sie wurde 1947 von Robert Capa, Henri Cartier-Bresson, David Seymour und George Rodgers in Paris gegründet, um die Rechte der Fotografen an den eigenen Bildern gegenüber den großen Magazinen zu sichern.

Marc Riboud: London 1954. © Marc Riboud
Vergnügungen und harte Arbeit

1954 schickt Robert Capa den noch unerfahrenen Riboud nach England, um „Mädchen zu treffen und Englisch zu lernen“. Riboud sagte später gerne, dass er weder Englisch gelernt noch Frauen getroffen, aber viel fotografiert hätte. Seine Aufnahmen zeigen das Leben in London in der Nachkriegszeit mit seinen letzten Orgelspielern und der altmodischen Eleganz des Establishments. Er fotografiert die Freizeitgestaltung der Londoner, die sich an den Stränden von Southend-on-Sea entspannen. Mit subtilem Humor nimmt er skurril anmutende Situationen ebenso in den Fokus wie die Härte des Arbeitsalltags der streikenden Hafenarbeiter. Für die dem Fotojournalismus besonders verpflichtete Zeitschrift Picture Post geht Riboud nach Leeds. Der Trostlosigkeit der Industriestadt im Norden Englands gibt er mit der Darstellung ihrer Bewohner, vor allem der Kinder, ein menschliches Gesicht.

Die Reise in den Orient
Im armenischen Viertel, Istanbul, 1955. © Marc Riboud

In einem alten Land Rover macht sich Marc Riboud im Frühjahr 1955 auf den langen Weg über die Türkei, den Iran, Afghanistan, Pakistan, Indien und Nepal nach China.

Angetrieben von dem Wunsch, die zivilisatorischen Ursprünge und Traditionen dieser Länder kennenzulernen, hält er beeindruckende Naturphänomene, historische Stätten und die Bevölkerung dieser Länder fest.

Sein erster Halt ist Istanbul, bevor er die bizarren Landschaften Kappadokiens und Anatolien durchquert.

Den Routen der alten Seidenstraßen folgt er durch Persien und durch die Stammesgebiete Afghanistans.

„Wenn ich jetzt diese Aufnahmen betrachte, wird mir klar, was für eine Chance ich damals hatte (…) All diese Bereiche sind heute so gefährlich geworden. In der Mitte der 1950er Jahre waren die Waffenfabriken neben den Melonenhändlern (den besten der Welt), und jedes Teehaus war eine Oase der Schönheit, in der ich mit einer in Europa lang vergessenen Gastfreundschaft empfangen wurde.“

Riboud erreicht 1956 Indien, für dessen Erkundung er sich fast ein Jahr Zeit nimmt. Er fotografiert die Nebel von Darjeeling und die Krönungsfeierlichkeiten im Königreich Nepal.

China – Tradition und Fortschritt

Marc Riboud reiste mehr als zwanzig Mal in das Land der Mitte: „Weil Orte wie Freunde sind, muss ich sie wieder besuchen, um zu wissen, ob sie sich verändert haben, was sie geworden sind.“ Insbesondere seine frühen Fotografien von 1957 und 1965 porträtieren ein weitgehend verschlossenes Land, das in dieser Zeit nur wenigen Ausländern zugänglich ist.

Peking, Blick durch Ladenfenster auf die Liulichang Straße, 1965. © Marc Riboud

Kollektiv und Individuum, Tradition, Fortschritt, Politik und Natur – Ribouds Aufnahmen entfalten auch in den späteren Begegnungen ein subtiles Mosaik der Gegensätze, die sich doch zu einem vielschichtigen Gesamtbild fügen, das berührt.

Mitunter auch kritisch kommentierend, begegnet er der fremden Kultur mit Respekt und Feingefühl. „Diese erste Reise war eine kontinuierliche Entdeckung. Magnum fragte mich nach Berichten, journalistischen Themen. Ich folgte diesen Tipps und fotografierte doch gleichzeitig alles, was mich überraschte, sammelte Bilder, die nichts miteinander zu tun hatten (…)“.

Die Frauen in Japan
Tokyo, 1958. © Marc Riboud

Roboud beendete seine mehrjährige Reise 1958 in Japan.

Der Kontrast zwischen dem Leben im kommunistischen China und dem aufgeschlosseneren Japan ist groß.

Seine Fotografien zeigen, vor allem in Tokio, eine moderne, westlich orientierte Gesellschaft:

Restaurants und Geschäfte tragen französische Namen.

Neben Passantinnen im Kimono erscheinen im Straßenbild nach europäischer Mode gekleidete Frauen.

Riboud ist fasziniert von ihrer Eleganz und ihrem Selbstbewusstsein.

Er widmet ihnen eine umfangreiche Bildserie.

Sie wird das Thema seiner ersten Buchpublikation Women of Japan.

Ein Jahr der Gegensätze

1960 ist für Marc Riboud ein Jahr, in dem er mit seiner Kamera gesellschaftliche wie geografische Gegensätze dokumentiert. Im Winter verbringt er drei Monate in Russland während der Regierungszeit von Nikita Chruschtschow. Wie zuvor in den Aufnahmen anderer Großstädte manifestiert sich auch in den Bildern aus Moskau Ribouds Interesse für die großen und kleinen Begebenheiten des Alltags – oft gespiegelt in den Gesichtern der Menschen.

In der Metro in Moskau, 1960. © Marc Riboud

Im selben Jahr verfolgt er die Unabhängigkeitskämpfe afrikanischer Staaten. Er zeigt aber auch ganz persönliche Eindrücke – wie in den Beispielen aus Ghana, Nigeria und Guinea – von der Lebensfreude am Rande des politischen Geschehens.

Vietnam und Kambodscha

Als Gegenentwurf zu den Schreckensbildern der Kriegsschauplätze ist es die von Riboud dokumentierte Normalität, die berührt und eine Verbundenheit mit den Vietnamesen erzeugt. Er bereist als einer von wenigen Fotografen beide Teile des verfeindeten Landes. Mit seinen Aufnahmen staunender Kinder oder entspannter Momente am See leistet er einen wesentlichen Beitrag zur Wahrnehmung der Menschen und ihres Landes über die politische Berichterstattung hinaus.

Hanoi, Nord Vietnam, 1969. © Marc Riboud

1968 reist Riboud zum ersten Mal nach Kambodscha, um das Land anschließend bis 1990 noch mehrfach zu besuchen. Auch die Bilder, die er von dort mitbringt, betonen nicht vorrangig die wechselvolle Geschichte des Landes. Ihn faszinieren die alten Tempelanlagen von Angkor, aber auch die beiläufigen Momente am Rande des mystischen Ortes.

Publikation

Zur Ausstellung ist die Publikation des Flammarion Verlages, Paris, erhältlich: Marc Riboud – 60 ans de photographie / 60 Years of Photography, en/fr, 199 Seiten, 189 Abbildungen, Paris 2014.
ISBN: 978-2080202024 (englische Ausgabe), 978-2081346987 (französische Ausgabe)
Preis im Museumsshop während der Ausstellung: 29,00 €
Buchhandelspreis: 39,90 €

Straße zum Khyber-Pass, Afghanistan, 1955. © Marc Roboud

Über Marc Riboud

Marc Riboud wurde 1923 in Saint-Genis-Laval, in der Nähe von Lyon, geboren. Seine ersten Fotos machte er 1937 bei der Exposition Universelle in Paris mit der kleinen Kodak Vest-Pocket seines Vaters, die dieser ihm zum 14. Geburtstag geschenkt hatte. 1944 schloss sich Riboud im Vercors der Résistance an. Nach einem Ingenieursstudium an der Ecole centrale de Lyon von 1945 bis 1948 arbeitete er zunächst in einer Fabrik, bevor er entschied, sich ganz der Fotografie zu widmen.

1953 erschien Ribouds Foto eines Anstreichers auf dem Eiffelturm im Life Magazine. 1955 reiste Riboud über den Nahen Osten und Afghanistan nach Indien, wo er sich für ein Jahr aufhielt. Von Kalkutta aus machte er sich 1957 auf den Weg zu einem mehrmonatigen Aufenthalt in China, dem noch viele weitere folgen sollten. Die Reise nach Osten führte ihn schließlich auch nach Japan, wo er das Thema seines ersten Buch fand: Women of Japan.

Nach einem dreimonatigen Aufenthalt in der Sowjetunion dokumentierte er 1960 die Unabhängigkeitskriege in Algerien und einigen afrikanischen Ländern südlich der Sahara.

1967 fotografierte Riboud während einer großen Demonstration gegen den Vietnamkrieg in Washington die junge Jan Rose Kasmir. Diese Aufnahme, oft als Young Girl with a Flower bezeichnet, wurde zu einer Ikone der Friedensbewegung und ist vielleicht die bekannteste Fotografie Marc Ribouds.

Zwischen 1968 und 1969 entstanden nicht nur in Süd- sondern auch in Nordvietnam Bildreportagen, wobei Riboud zu den wenigen Fotografen gehörte, denen die Einreise offiziell gestattet war.

Die Schauspielerin Gong Li, China, 1993. © Marc Riboud

In den 80er und 90er Jahren kehrte Riboud regelmäßig zurück in den Orient und den Fernen Osten, insbesondere nach Angkor und Huang Shan.

Zugleich verfolgte er in dieser Zeit ebenso den schnellen und dramatischen Wandel in den Zentren Chinas, jenem Land, das er schon seit Jahrzehnten kannte.

Über seine Reisen veröffentlichte Marc Riboud zahlreiche Bildbände.

Sein Werk wurde mit renommierten Preisen gewürdigt und ist weltweit in Museen und Galerien gezeigt worden.

2011 machte Riboud dem Pariser Musée national d’Art moderne (Centre Georges Pompidou) eine Schenkung von 192 Originalabzügen aus der Zeit zwischen 1953 und 1977.

Am 30. August 2016 starb Marc Riboud mit 93 Jahren in Paris.

Sein Bildarchiv wurde dem Musée national des arts asiatiques – Guimet, Paris übergeben.

Mehr Informationen gibt es auf der Webseite des Archiv Marc Riboud.

Eine Auswahl seiner Auszeichnungen
  • 2012 Prix Nadar für Vers l’Orient
  • 2010 Prix International Planète Albert Kahn
  • 2006 Lucie Award honoring the greatest achievements in photography
  • 2003 Prix Cornell Capa, Infinity Award
  • 1969 Overseas Press Club für Face of North Vietnam
  • 1966 Overseas Press Club für The Three Banners of China
Besucherinformationen

Suermondt-Ludwig-Museum
Wilhelmstr. 18,52070 Aachen
Tel +49 241 47980-40

Ausstellungsdauer: bis 6. Januar 2019
Öffnungszeiten: Di bis So 10-17 Uhr
Eintritt: 6,00 Euro, ermäßigt 3,00 Euro, bis 21 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Suermondt-Ludwig-Museum.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Marc Riboud (Gebundene Ausgabe)


New From: EUR 30,60 EUR In Stock
Used from: EUR 25,81 In Stock

Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen