Albert Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien

Sonderausstellung auf der 12-Meter-Ebene des Ruhr Museums

Die Sonderausstellung des Ruhr Museums in Essen zeigt noch bis zum 3. Februar 2019 Klassiker und bisher unveröffentlichte Aufnahmen eines der wichtigsten Fotografen der Neuen Sachlichkeit, der für die Fotografie des Ruhrgebiets stilbildend geworden ist: Albert Renger-Patzsch. Mit etwa 100 Fotografien wird sein größtes freies Projekt, die Ruhrgebietslandschaften, aus den Jahren 1927 bis 1935 vorgestellt.

Die Aufnahmen stehen für die Entdeckung der Industrielandschaft als künstlerisches Bildmotiv und stammen aus dem Albert Renger-Patzsch Archiv der Stiftung Ann und Jürgen Wilde, Pinakothek der Moderne, München. Ergänzt werden sie durch 200 überwiegend unbekannte Auftragsfotografien aus den 1920er bis 1960er Jahren.

Bei den gezeigten Schwarz-Weiß-Fotografien handelt es sich bis auf wenige Ausnahmen um vom Fotografen selbst erstellte Abzüge. Ihre Qualität ist einzigartig und sie stellen einen Höhepunkt in der Präsentation historischer Fotografien im Ruhr Museum dar. Die Ausstellung ist die bislang umfassendste Schau der Ruhrgebietsfotografien von Albert Renger-Patzsch.

Die Ruhrgebietslandschaften von Renger-Patzsch wurden 2016/2017 erstmals umfassend in einer Ausstellung in der Pinakothek der Moderne in München präsentiert. Das Ruhr Museum zeigt die 100 Bilder der Münchener Ausstellung in seinem Sonderausstellungsraum auf der Bunkerebene in der ehemaligen Kohlenwäsche auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein. Entstanden ist die Serie von Stadtrand- und Haldenlandschaften, Landstraßen, Hinterhöfen und Vorstadthäusern, Schrebergärten und Zechenanlagen im Ruhrgebiet zwischen 1927 und 1935 als eine der wenigen nicht auftragsgebundenen Arbeiten von Renger-Patzsch. Seine nüchternen und objektiven Aufnahmen faszinieren bis heute.

Seine Landschaftsfotografien sind für die Ruhrgebietsfotografie stilbildend geworden. Renger-Patzsch kann als spiritus rector für die dokumentarischen Fotografien des Ruhrgebiets angesehen werden, die das Fotoarchiv des Ruhr Museums sammelt, ähnlich wie Otto Steinert am Beginn der Fotografischen Sammlung des Museum Folkwang steht.

Ergänzt werden die Ruhrgebietslandschaften um 200 Fotografien, die Albert Renger-Patzsch bis in die 1960er Jahre im Ruhrgebiet aufgenommen hat. Die bisher teils unveröffentlichten Aufnahmen werden in den Seitenräumen präsentiert und zeigen Architekturfotografien, Aufnahmen der Villa Hügel, des Essener Münsters, der Gartenstadt Margarethenhöhe und verschiedener von Fritz Schupp und Martin Kremmer geplanter Zechen, wie der Zeche Zollverein. Für das Museum Folkwang dokumentierte Renger-Patzsch den Museumsneubau 1929 und Exponate. Porträt-, Objekt- und Industrieaufnahmen sowie Fotografien der im Zweiten Weltkrieg zerstörten Stadt Essen ergänzen das Bild eines vielseitig arbeitenden Fotografen.

Über Albert Renger-Patzsch

Der Fotograf Albert Renger-Patzsch (1897–1966) zog 1929 ins Ruhrgebiet. In den eineinhalb Jahrzehnten in Essen profilierte er sich als erfolgreicher Auftragsfotograf inner- und außerhalb der Region. Er steht für einen kühl-objektiven Stil und wohlkomponierte Fotografien und ist als künstlerischer Fotograf der Neuen Sachlichkeit bekannt. Berühmt wurde er 1928 durch sein Buch Die Welt ist schön. Der Bildband, der ursprünglich Die Dinge heißen sollte, wurde häufig als ästhetisches Manifest für einen fragmentierenden, sachlichen Blick rezipiert. Renger-Patzsch ist aber nicht nur Fotograf der Dinge, er hat auch Menschen porträtiert, dokumentarisch im Stadtraum gearbeitet und zahlreiche Aufträge stilistisch durchaus unterschiedlich realisiert.

Vielleicht gibt es keine Person, die die verschiedenen Aspekte der Folkwang-Idee besser auf sich vereint als Renger-Patzsch. Er wohnte in Essen von 1929 bis zur Zerstörung des Wohnhauses bei Luftangriffen im Oktober 1944 in der Künstlersiedlung Margarethenhöhe und folgte der Familie Hermann Kätelhöns anschließend an den Möhnesee nach Wamel. Er hatte sein Atelier und Labor im Museum Folkwang und war im Winter 1933/1934 Lehrer für Fotografie an der Folkwangschule für Gestaltung. Renger-Patzsch symbolisiert in der Folkwang-Bewegung vor allem den markanten Übergang von einer schwärmerisch-volkspädagogisch geprägten Idee zur form- und objektbezogenen neusachlichen Vorstellung von Architektur, Kunst und Design während der 1920er Jahre. Dieser Umstand führte auch dazu, dass Renger-Patzschs Fotografien zahlreich im Museum Folkwang vertreten sind und das Haus ihm mehrere Ausstellungen gewidmet hat, schon sehr früh im Jahr 1931, nach seinem Tod 1972 und 1984, vor allem aber die 1997 von Ute Eskildsen und Virginia Heckert kuratierte Ausstellung zu seinem 100. Geburtstag.

Auch Otto Steinert widmete Renger-Patzsch 1966 eine legendäre Ausstellung mit dem programmatischen Titel Albert Renger-Patzsch. Der Fotograf der Dinge. Es war die erste Ausstellung nach Renger-Patzschs Tod am 27. September 1966; er hatte die Bilder noch selbst ausgewählt. Sie fand nicht im Museum Folkwang statt, sondern im Heimat- und Ruhrlandmuseum der Stadt Essen, dem heutigen Ruhr Museum. Insofern schließt sich mit Albert Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien ein Kreis enger Bindungen des Fotografens zu der Stadt Essen und dem Ruhrgebiet, der noch um zahlreiche geschäftliche und persönliche Kontakte, die er auch nach seinem Weggang aus Essen gehalten hat und die in Ausstellung und Katalog Aufnahme gefunden haben, zu erweitern ist.

Das Albert Renger-Patzsch Archiv

Die eigentlichen Gründe für das Zustandekommen dieser Ausstellung, auf die das Ruhr Museum bei seinem Entschluss auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein, der „Kathedrale der Industriekultur“, die Klassiker der Ruhrgebietsfotografie zu zei-en, seit seiner Gründung hingearbeitet hat, liegen aber woanders. Es beginnt 1973 mit der Initiative von Ann und Jürgen Wilde, ein Albert Renger-Patzsch Archiv aufzubauen. Sie erwerben über Jahre hinweg dessen fotografischen Nachlass aus dem Besitz der Familie. Die erste entsprechende Ausstellung zeigten sie bereits 1974 in ihrer Kölner Galerie. 1982 erschien dann das legendäre und längst vergriffene, von ihnen herausgegebene Buch Albert Renger-Patzsch: Ruhrgebiet-Landschaften 1927 – 1935 im Kölner DuMont-Verlag. Seit 2010 ist die Stiftung Ann und Jürgen Wilde mit dem Albert Renger-Patzsch Archiv an die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen angegliedert und bei der Pinakothek der Moderne in München angesiedelt, wo die Ruhrgebietslandschaften 2016/2017 erstmals in einer eigenen umfassenden Ausstellung gezeigt wurden. Das war der Anlass für die Bemühungen des Ruhr Museums, sie auch am Entstehungsort zu präsentieren.

Der Ausstellungsort

Gezeigt wird die Ausstellung an einem Symbolort des Ruhrgebiets, der Zeche Zollverein, die Renger-Patzsch im Auftrag für die Architekten Fritz Schupp und Martin Kremmer fotografiert hat. Auch diese Aufnahmen sind selbstverständlich in der Ausstellung und im Katalog zu sehen.

Die Ausstellungsreihe

Mit Albert Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien setzt das Ruhr Museum die Reihe seiner Ausstellungen zu den Klassikern der Ruhrgebietsfotografie fort, die 2010 mit Heinrich Hausers Schwarzes Revier begonnen und mit Chargesheimer. Die Entdeckung des Ruhrgebiets (2014/15), Erich Grisar. Ruhrgebietsfotografien 1928 – 1933 (2016) und Josef Stoffels. Steinkohlenzechen – Fotografien aus dem Ruhrgebiet (2018) weitergeführt wurde. Dabei stellt die Ausstellung von Renger-Patzsch den Höhepunkt und vorläufigen Abschluss dieser Reihe dar und unterscheidet sich deutlich von den vorhergehenden.

Handelte es sich vor allem bei Hauser und Chargesheimer, die von außen ins Ruhrgebiet kamen und es auch schnell wieder verließen, letztlich aber auch bei Erich Grisar, um Sozialreportagen innerhalb einer bis dahin in der Fotografie weithin unbekannten Region, so verhält es sich bei Renger-Patzsch völlig anders. Seine (Auftrags-) Fotografien zum Ruhrgebiet entstanden in über dreißig Jahren und selbst sein großes selbstinitiiertes Projekt Ruhrgebietslandschaften zog sich über acht Jahre. Viel entscheidender als der lange Entstehungszeitraum ist aber der völlig andere Charakter von Renger-Patzschs Fotografien. Seine Ruhrgebietslandschaften sind Aufnahmen, in denen Menschen nahezu völlig fehlen. Sie kombinieren scheinbar Widersprüchliches – Agrarlandschaft und Industrieanlagen, Wohnhäuser und Brachflächen – und entwickeln damit ganz eigene Bildräume, die vorher so nicht existierten und für die der Architekt und Städtebautheoretiker Thomas Sieverts Jahrzehnte später den Begriff Zwischenstadt geprägt hat.

Publikation

Zur Ausstellung erscheint ein Katalog:

Stefanie Grebe, Heinrich Theodor Grütter (Hrsg.). Albert Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien erscheint im Verlag der Buchhandlung Walther König in Köln. 336 Seiten, circa 200 Abbildungen, gebunden.
ISBN: 978-3-96098-452-8
Preis: 29,80 € (Museumsausgabe), 39,80 € (Buchhandel)

Besucherinformationen

Ruhr Museum 
UNESCO-Welterbe Zollverein 
Areal A [Schacht XII], Kohlenwäsche [A14] 
Gelsenkirchener Str. 181, D-45309 Essen 

Ausstellungsdauer: bis 3. Februar 2019 
Öffnungszeiten: Mo bis So 10-18 Uhr
Eintritt: 7 €, ermäßigt 4 €, Kinder und Jugendliche unter 18 Jahre sowie Schüler und Studierende unter 25 Jahren frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Ruhr Museum.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Albert Renger-Patzsch. Die Ruhrgebietsfotografien (Gebundene Ausgabe)


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Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen