Karlheinz Weinberger oder die Ballade von Jim

Mehr als nur Halbstarke

Die Photobastei zeigt noch bis zum 22. Dezember 2018 die bisher umfassendste Retrospektive zum Zürcher Fotografen Karlheinz Weinberger (10. Juni 1921 bis 10. Dezember 2006).

Weinberger ist vor allem bekannt für seine Portraits der Halbstarken. Doch es gibt bei weitem nicht nur diese Portraits der jungen Halbstarken in ihrer spektakulären Aufmachung. Die Ausstellung in Zürich zeigt nun erstmals sein gesamtes Werk, darunter Schlüsselwerke aus allen Perioden sowie Werkteile, die einen starken Bezug zu Zürich haben.

Der kuratorische Ansatz folgt dabei einer erotischen Spur, die sich von den frühesten bis zu den letzten Bildern zieht und die das künstlerisch-fotografische und erotische Selbstverständnis Weinbergers sichtbar macht. Die Ausstellung wird von Patrik Schedler konzipiert, der seit dem Jahr 2000 das Werk und später den Nachlass von Karlheinz Weinberger sicherte, sichtete und erschloss.

Mit Karlheinz Weinberg widmet sich die Photobastei nach Vivian Maier, Arnold Odermatt und Miroslav Tichy wieder einer fotografischen Position, die erst verspätet zu ihrer Adelung durch die Kunstwelt kam.

Dies mag bei Weinberger im Besonderen mit dem Gegenstand seiner Bilder, dem Außergewöhnlichen, wie er es selber nannte, in Zusammenhang stehen. Auf seinen Bildern sind fast ausschließlich Menschen zu sehen, mehr Männer als Frauen, und die meisten seiner bevorzugten Sujets fallen bereits auf den ersten Blick aus dem gutbürgerlichen Rahmen ihrer Zeit. Karlheinz Weinbergers bekannteste Bilder sind seine Portraits der Halbstarken. Diese waren in mancherlei Hinsicht auch seine idealsten Sujets. Doch es gibt bei weitem nicht nur diese Portraits. Der einseitigen Reduktion auf die Halbstarken trug eine in Frankreich an den Rencontres d’Arles letztes Jahr gezeigte und äußerst erfolgreiche Ausstellung zu Weinbergers Lebenswerk erstmals Rechnung.

Der Kern der Ausstellung in der Photobastei sind Werke, die in dieser großen, auf ein internationales Publikum ausgerichteten Ausstellung gezeigt wurden. Allerdings wird die Auswahl durch weitere Schlüsselwerke aus allen Perioden und vor allem auch durch in Arles nicht gezeigte Werkteile, die einen starken Bezug zu Zürich haben, ergänzt. Die Ergänzungen und Erweiterungen betreffen dabei Arbeiten, die in den Magazinen Der Kreis und Club68 publiziert wurden, außerdem das große Thema Sport und Fotografien im Kontext von Volkskultur (Fasnacht, Sechseläuten, Schwingerfeste, Chlausete) und Zirkus.

Weinbergers lustvolle Männerporträts stechen hervor in ihrer eigenständigen Ästhetik. Sie sind bildstarke, freigeistige und selbstbewusste Antworten auf eine grundlegende gesellschaftliche Problemstellung der Nachkriegszeit: Wie (und wo) kann ein schwuler Fotograf in einer noch weitgehend homophoben, auf jeden Fall heteronormativen Gesellschaft Männer fotografieren, die ihm gefallen? In der legendären, in Zürich beheimateten, aber international ausstrahlenden Schwulenorganisation Der Kreis machte Weinberger den Hoffotografen, der die diversen Partys und Varieté-Abende und ihre Besucher dokumentierte, was ihn erklärtermaßen aber mäßig interessierte. Mit mehr Enthusiasmus steuerte er für das gleichnamige und an Abonnenten in der ganzen Welt verschickte Magazin des Kreis homoerotische Portraits bei.

Bemerkenswert und einzigartig ist deshalb die erotische Spur, die sich von den frühesten bis zu den letzten Bildern zieht. Weinberger hat hauptsächlich Männer fotografiert, aber nie idealisierte Idole, sondern immer wirkliche, charaktervolle, lebendige, echte Typen, die er auf der Straße getroffen hat.

Die Ausstellung wird von einem breiten Rahmenprogramm begleitet. Neben vielen Programmpunkten zu fotografischen Fragen entstehen in Zusammenarbeit mit einer ganzen Reihe von Organisationen und Privaten weitere Veranstaltungen zu den Themen Homosexualität und Jugendbewegungen.

Über Karlheinz Weinberger

Karlheinz Weinberger (10. Juni 1921 in Zürich; † 10. Dezember 2006 ebenda) besuchte in Zürich das Literaturgymnasium und begann, sich die Fotografie autodidaktisch anzueignen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges war er zeitweise als Möbel- und Teppichverkäufer tätig, jedoch auch längere Zeit arbeitslos. Von 1955 bis zur Pensionierung 1986 war er Lagerist bei der Firma Siemens-Albis in Zürich. Karlheinz Weinberger starb 2006. Nur einmal, nach dem Tod seiner Mutter, ist er von der zweiten in die vierte Etage umgezogen. Die Gewöhnlichkeit seines Angestelltenlebens sprengte Karlheinz Weinberger mithilfe seiner Kamera, die er auf das Ungewöhnliche richtete. Später hat er sich denn auch „Fotograf für das Ungewöhnliche“ auf seine Visitenkarte drucken lassen.

Rezeptionsgeschichte und Anerkennung

Als Fotograf fiel er lange durch fast alle institutionellen Maschen, die sich in der Schweiz ab den 1970er Jahren zaghaft zu bilden begannen; namentlich mit der Gründung der ursprünglich privaten Schweizerischen Stiftung für die Photographie im Jahr 1971.

In den einschlägigen Publikationen, die im Umfeld dieser neuen Stiftung entstanden, etwa in dem 1974 erschienenen Standardwerk Photographie in der Schweiz von 1840 bis heute, wird Weinberger mit keinem Wort erwähnt. Dies obwohl er einige der Beteiligten persönlich gekannt haben musste, und seine Bilder theoretisch in gleich mehrere der vorgestellten Kategorien gepasst hätten. Peter Schudels Bild Rolling Stones in Zürich (1967), abgedruckt im Kapitel Jugend porträtiert Jugend, gleicht Weinbergers Fotografie, die im Nachhall desselben Konzerts entstand, tatsächlich aufs Haar.

Auch in späteren wichtigen Berichtigungen und Erweiterungen des schweizerischen fotografischen Kanons bleibt Weinberger außen vor. Eine erste Ausstellung seiner Halbstarken-Porträts wird 1980 in der Fotogalerie Migros Klubschule gezeigt. Die erste große Ausstellung mit einer breiteren Auswahl von Weinbergers Fotografien findet 2000, also erst wenige Jahre vor seinem Tod statt, begleitet von einer ersten wichtigen Publikation, die heute schon lange vergriffen ist und antiquarisch zu hohen Preisen gehandelt wird.

Der Kurator

Patrik Schedler führte von 1993 bis 2004 die Galerie und Edition Schedler in Warth, Zürich und Toronto. Ab dem Jahr 2000 betreute er Karlheinz Weinberger künstlerisch und organisierte zahlreiche Ausstellungen und Ausstellungsbeteiligungen. Nach Weinbergers Tod sicherte und inventarisierte er als Willensvollstrecker den künstlerischen Nachlass und organisierte dessen Aufbewahrung im Schweizerischen Sozialarchiv. 2014 übertrug er die Rechte an die Galerie Esther Woerdehoff, Paris, kümmert sich aber weiterhin um die Erschließung des Werks. Er verfasst derzeit eine Biografie von Karlheinz Weinberger, die im Limmat Verlag auf die Eröffnung der Ausstellung in Zürich hin erscheinen wird.

Besucherinformationen

Photobastei
Sihlquai 125, CH-8005 Zürich
Tel +41 44 240 22 00

Ausstellungsdauer: bis 22. Dezember 2018
Öffnungszeiten: Mi bis Sa 12-21 Uhr, So 12-18 Uhr
Eintritt: 12 CHF, ermäßigt 8 CHF

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Photobastei

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Karlheinz Weinberger oder Die Ballade von Jim: Ein biografischer Essay (Taschenbuch)


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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
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