Helen Levitt in Wien

Hommage an die große Streetfotografin

Helen Levitt. New York 1940 © film documents llc

Helen Levitt (1913, Brooklyn, New York City – 2009, ebendort) ist eine der wichtigsten Vertreterinnen der Street Photography. Die ALBERTINA in Wien widmet der amerikanischen Fotografin noch bis zum 27. Januar 2019 eine Retrospektive und führt rund 130 ihrer ikonischen Werke zusammen.

Als leidenschaftliche Beobachterin und Chronistin des New Yorker Straßenlebens fotografiert Helen Levitt ab den 1930er-Jahren die Bewohnerinnen und Bewohner der armen Stadtviertel, wie etwa Lower East Side, Bronx und Harlem. Mit einem Blick für surreale und ironische Details hält sie über viele Jahrzehnte die Menschen in dynamischen Kompositionen fest: Spielende Kinder, posierende Passantinnen und Passanten, diskutierende Paare. Ihre unsentimentale Bildsprache eröffnet ein humorvolles und theatralisches Schauspiel abseits moralischer und sozial-dokumentarischer Klischees. In über sechs Jahrzehnten schuf sie Fotografien, Filme und Bücher, die den Alltag ihrer Heimatstadt New York zum Thema haben.

Helen Levitt, New York, ca. 1939, courtesy Galerie Thomas Zander Köln, The Estate of Helen Levitt © film documents llc

Chronistin der Großstadt

Die umfassende Ausstellung gibt einen Überblick über Helen Levitts zentrale Werkgruppen und zeigt ihre Entwicklung von der Streetfotografin zur Dokumentarfilmerin und schließlich ihre Hinwendung zur Farbfotografie. Helen Levitt wandte sich nach kurzer Berufserfahrung bei einem kommerziellen Porträtfotografen 1936 der künstlerischen Fotografie zu. Inspiriert von einem Treffen mit dem Magnum-Fotografen Henri Cartier-Bresson fertigte sie mit einer 35-mm-Leica Aufnahmen von Bewohnerinnen und Bewohnern New Yorks an, durch die sie die klassische Reportagefotografie revolutionierte. Entgegen dem herkömmlichen Anspruch, soziale Missstände zu gesellschaftspolitischen Zwecken zu dokumentieren, hielt Levitt mit einem Blick für humoristische Details spielende Kinder und interagierende Erwachsene in dynamischen Momentaufnahmen fest, die alltägliche Szenen als theatrales Schauspiel zeigen. Vom Surrealismus und vom Stummfilm beeinflusst, fokussierte die Künstlerin paradoxe und unheimliche Aspekte sowie die expressive Körpersprache der Personen.

Helen Levitt, New York. Collection Martin Z Margulies © film documents llc, courtesy Galerie Thomas Zander, Köln

Pionierin der Farbfotografie

In der Retrospektive vertreten sind Werke von ihren frühen vom Surrealismus beeinflussten Fotografien von Kreidezeichnungen, über ihre 1941 entstandenen Aufnahmen aus Mexiko bis hin zu den 1938 von Walker Evans angeregten, heimlich aufgenommenen Porträts von Passagieren in der New Yorker U-Bahn.

Um 1948 gab sie die Fotografie auf, um Filme zu drehen. In ihrem bahnbrechenden Dokumentarfilm In the Street (1948), der ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist, entwickelte sie Themen ihrer fotografischen Arbeit weiter. Am 11. Januar 2019 zeigt das Filmmuseum Wien drei Filme der Regisseurin Helen Levitt.

Helen Levitt, New York 1973. Courtesy Galerie Thomas Zander Köln, Marvin Hoshino © film documents llc

Als sie 1959 wieder zur Fotografie zurückkehrte, machte sie die Farbe als künstlerisches Ausdrucksmittel fruchtbar. Sie fand in den Farbbildern zu einer neuen Bildsprache und zählt somit zu den frühesten Vertreterinnen der New Color Photography. Levitt war 1974 eine der ersten Farbfotografinnen, die im Museum of Modern Art eine Ausstellung erhielt.

Die Straße als Bühne

Graffitizeichnungen, vor Hauseingängen sitzende Erwachsene und spielende Kinder zählen zu den zentralen Motiven Helen Levitts. Vor allem Letztere zeigt sie als theatrales Schauspiel, in dem sich die Protagonistinnen und Protagonisten auf individuelle Weise den Stadtraum aneignen.

Ihre Bildsprache zeugt von einer vielschichtigen Aneignung der politischen und künstlerischen Diskurse der Zeit. So verweist die Verfremdung der Figuren mithilfe von Masken oder rätselhaften Gebärden auf den Einfluss des Surrealismus. Die Darstellung menschlicher Interaktionen als ein außerordentlich dynamisches Bühnenspiel streicht ihr Interesse am Performativen und der Geste heraus – Themen, die zeitgleich auch im Film eine Auseinandersetzung erfuhren.

Helen Levitt, New York 1940 © film documents llc

Levitts Konzentration auf die damals armen Teile New Yorks lassen sich als kritische Antwort auf eine hochindustrialisierte und kapitalisierte Moderne lesen, die sich in populären Darstellungen der Zeit besonders als klinische-technoide Wolkenkratzer verkörpert findet. Helen Levitts Bilder verbinden so das Alltägliche mit dem Politischen, das Theatralische mit dem Authentischen und das Humorvolle mit dem Abgründigen.

Schenkung zum Sammlungsschwerpunkt Street Photography

Die Ausstellung in der ALBERTINA zeigt neben rund 130 Fotografien über 80 farbige Dias, die ausgewählten Magazine VVV und View und Levitts Buch A Way of Seeing (mit James Agee, 1965). Sie entstand in enger Zusammenarbeit mit Helen Levitts Erben, welche die Fotosammlung der ALBERTINA mit einer großzügigen Schenkung von 15 Werken bedacht haben. Damit befinden sich insgesamt 32 Werke im Bestand der ALBERTINA, deren Fotosammlung seit langem über einen umfassenden Schwerpunkt zur Street Photography verfügt.

Besucherinformationen

Albertina
Albertinaplatz 1, A-1010 Wien
Tel +43 (0)1 534 83-0

Ausstellungsdauer: bis 27. Januar 2018
Öffnungszeiten: täglich 10-18 Uhr, Mi & Fr 10-21 Uhr
Eintritt: 14,00 €, 19-26 Jahre 11,00 €, ab 65 Jahre 11,00 €, unter 19 Jahren frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Albertina.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Helen Levitt (Gebundene Ausgabe)


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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
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