Der Christkindlesmarkt 1948 in Nürnberg

Kerzenlicht im Trümmerhaufen

Bis zum 6. Januar 2019 3. Februar 2019 (verlängert!) zeigt das Stadtmuseum im Fembo-Haus in Kooperation mit dem Förderverein Nürnberger Felsengänge e.V. die Fotoausstellung Kerzenlicht im Trümmerhaufen. Der Christkindlesmarkt 1948 in Nürnberg. Die Fotos aus den Beständen des Stadtarchivs Nürnberg gewähren Einblicke in die Zeit des ersten Christkindlesmarkts nach dem Zweiten Weltkrieg und spiegeln dessen bescheidene Umstände auf berührende Weise wider. Begleitend finden Führungen durch das ehemalige Bunkerhotel unter dem Obstmarkt statt.

Nikolaus, Christkind & Co.

Während vor der Reformation die Gabenbringer Nikolaus und St. Martin die Geschenke für die Kinder brachten, wurde diese Funktion durch den Reformator Martin Luther dem Christkind übertragen. Laut einer 1697 erschienenen Stadtgeschichte glaubten die Nürnberger Kinder daran, dass sogar das Christkind selbst seine Geschenke auf dem Christkindlesmarkt kaufte. Dennoch lässt sich die Entstehungszeit des Markts nicht genau bestimmen. Fest steht, dass Kaufleute und Handwerker schon in früheren Jahrhunderten Waren zum „Kindleinsbescheren“ auf dem Hauptmarkt anboten. Sicher gab es ihn aber schon im Jahre 1628. Dies belegt die Inschrift auf einer Spanschachtel, die sich im Germanischen Nationalmuseum befindet: „Regina Susanna Harßdörfferin von der Jungfrau Susanna Eleonora Erbsin zum Kindles-Marck überschickt 1628“.

Bereits in der Anfangszeit ließ die Obrigkeit „unzüchtige Scherzartikel“ beschlagnahmen. Dies waren Kästchen, aus denen beim Öffnen „schockierende Dinge“ heraussprangen. Im 18. Jahrhundert sollen es die Heringsbrater gewesen sein, die vom Markt verbannt wurden, weil der Fischgeruch nicht so recht in die Vorweihnachtszeit passte. Ebenso wurde der Vorschlag eines Goldschmiedes abgelehnt, eine Lotterie auf dem Markt zu veranstalten.

1737 waren 140 Stände verzeichnet, in denen Dockenmacher (Puppenmacher), Gold-, Rot- und Zirkelschmiede, Bürstenbinder, Haubenmacher, Flaschner, Zuckerbäcker (Lebküchner), Buchbinder, Pergamenter, Holzschnitzer, Alabasterer und Angehörige anderer Zünfte ihre Waren feilboten.

Heute werden das Warenangebot und die Gestaltung der Buden vom Marktamt überwacht. So ist beispielsweise die Verwendung von Tannengirlanden aus Plastik untersagt.

Korrumpierte Tradition

All diese gemütvolle Traditionspflege war sicher nicht der unwesentlichste Grund dafür, dass die Nationalsozialisten die ehemalige Reichsstadt mit ihrem überwältigend vollständigen historischen Baubestand als „deutscheste aller deutschen Städte“ zum Schauplatz ihrer jährlichen Reichsparteitage machten. Damals wurde auch der Christkindlesmarkt aus den Räumen des alten Verkehrsmuseums in der Norishalle wieder auf den Hauptmarkt zurückverlegt. Neu war auch das Eröffnungszeremoniell, das nach den Vorstellungen des damaligen NS-Oberbürgermeisters Willy Liebel geschaffen worden war: Das Christkind, begleitet von zwei Rauschgoldengeln, sprach zur Eröffnung einen Prolog. Dazu spielte ein Posaunenchor, Kinder sangen und die Kirchenglocken läuteten.

Gerade auf dem Hauptmarkt, der ab April 1933 „Adolf-Hitler-Platz“ hieß, fanden aber auch Vorbeimärsche verschiedener Formationen während der Reichsparteitage statt. Sie sollten das martialische Geschehen eng mit der Stadt verbinden. Dieser pseudo-historische Symbolismus ist dann aber auch einer der tragenden Gründe für die gezielte Vernichtung der weltberühmten Altstadt. Nürnberg war aufgrund der Ansammlung kriegswichtiger Industrie, seiner Funktion als Verkehrsknotenpunkt und seiner symbolischen Bedeutung als „Stadt der Reichsparteitage“ ab 1940 eines der bevorzugten Ziele der alliierten Bomber. Im Verlauf des Kriegs wurden gezielt und verstärkt Innenstädte und Wohngebiete bombardiert, um die Moral der Bevölkerung zu brechen.

Die größten Zerstörungen richtete der Angriff vom 2. Januar 1945 an, als Nürnberg in den Abendstunden mit 521 Bombern angegriffen wurde. Die Altstadt war fast vollständig zerstört, die Stadt als Ganzes schwer beschädigt. Das nordöstlich der Pegnitz gelegene Viertel war nach der Zerstörung und während der Enttrümmerung als „Sebalder Steppe“ bekannt.

Am 20. April 1945 – dem 56. Geburtstag Hitlers – hielten dann die amerikanischen Streitkräfte auf dem Hauptmarkt ihre Siegesparade ab. Wenige Tage später erfolgte die Rückbenennung in „Hauptmarkt“.

1948 – Aufbruch in eine bessere Zeit

Aber es sollte noch lange dauern, bis in der weitgehend zerstörten Altstadt wieder so etwas wie Normalität einkehrte. Ein herausragendes Datum auf dem Weg dorthin war der 4. Dezember 1948, denn an diesem Tag wurde – umgeben von Ruinen – der Nürnberger Christkindlesmarkt zum ersten Mal nach dem Krieg wieder eröffnet. Nach einem vollen Jahrzehnt kriegsbedingter Zwangspause erlebten also vor nunmehr 70 Jahren vor allem die Kinder – viele zum ersten Mal in ihrem Leben – eine friedliche „Stadt aus Holz und Tuch“.

Gebannt lauschten die Menschen auf dem Hauptmarkt dem Prolog des Christkinds, mit dem es „seinen“ Markt eröffnet. Die Zeremonie ist seit Jahrzehnten nahezu gleich geblieben, der Text des Prologs hingegen nahm damals Bezug auf die Situation des Jahres 1948.

Als erstes Christkind der Nachkriegszeit sprach die Schauspielerin Sophie Keeser den Prolog, der von Friedrich Bröger, dem Sohn des Nürnberger Dichters Karl Bröger, nach seiner Rückkehr aus britischer Kriegsgefangenschaft im Jahr 1947 verfasst wurde. Schnee allerdings blieb dem ersten Christkindlesmarkt der Nachkriegszeit versagt, denn der Dezember des Jahres 1948 war mild. Auch auf weiße Weihnachten warteten die Nürnberger vergebens. Erst im Januar 1949 fielen ein paar Schneeflocken.

Das Jahrzehnt zwischen 1950 und 1960 war gekennzeichnet durch den Wiederaufbau der von den Bombenangriffen schwer gezeichneten Stadt. Während es in den ersten fünf Jahren nach dem Kriegsende ums nackte Überleben ging, standen ab 1950 der Wieder- und Neuaufbau Nürnbergs im Mittelpunkt. Die Nürnberger Altstadt war zu 90 Prozent zerstört worden. Ihrem Wiederaufbau ging 1950 ein Wettbewerb voraus, bei dem 188 Entwürfe zur Beurteilung vorlagen, bevor der „Grundplan der Altstadt Nürnberg“ vom Stadtrat beschlossen wurde. Dabei sollte die grundsätzliche Struktur der Innenstadt mit ihrer charakteristischen Folge von Straßen und Plätzen nicht angetastet werden. Die Stadt sollte auf der Basis ihres alten Rasters wiedererstehen. Der Grundplan legte Baumaterialien, Farbgebung, Traufhöhe und Dachwinkel der neu zu errichtenden Bauten fest.

Seit seinen Anfängen hat sich der Nürnberger Christkindlesmarkt entwickelt und verändert. So wird seit 1969 alle zwei Jahre ein neues Christkind von einer Jury gewählt, und der angestammte Eröffnungstag – der Barbaratag am 4. Dezember – wurde 1973 auf den Freitag vor dem Ersten Advent vorverlegt. Auch Friedrich Bröger schrieb seinen Prolog mehrmals um – das letzte Mal 1966 – und nahm dabei Bezug auf die damaligen Veränderungen rund um den Hauptmarkt.

Seit 1998 findet auf dem Rathausplatz der „Markt der Partnerstädte“ statt, auf dem Spezialitäten aus den jeweiligen Ländern der Partnerstädte verkauft werden.

Und wie in den Jahren zuvor werden auch in diesem Jahr rund zwei Millionen Menschen – aus Nürnberg und der ganzen Welt – dem Ruf des Christkinds folgen, der da lautet:

„Ihr Herrn und Frauʼn, die Ihr einst Kinder wart,
Seid es heutʼ wieder, freut Euch in ihrer Art.
Das Christkind lädt zu seinem Markte ein,
Und wer da kommt, der soll willkommen sein.“

Begleitprogramm

Führung durch die Ausstellung und den Obstmarktbunker in Kooperation mit dem Förderverein Nürnberger Felsengänge e.V.

Die Führung betrachtet die Nachkriegsjahre, als unter schwierigen Bedingungen der Christkindlesmarkt den Menschen wieder Hoffnung gab und Kerzenschein nicht mehr nur als Notbeleuchtung diente. Der Rundgang führt zunächst durch die Ausstellung im Stadtmuseum. Anschließend folgt ein Besuch des ehemaligen Bunkerhotels unter dem Obstmarkt hinter der Frauenkirche, das von 1948 bis 1951 im Untergrund Gäste beherbergte. An die kahlen Bunkerwände ließ der Hotelbetreiber seinerzeit von einem regionalen Künstler Abbildungen historischer Bauten malen, die im Bombenkrieg untergegangen waren.

Termine: Sonntag, 2., 9. und 16. Dezember 2018, 11 bis 17 Uhr (stündlich)
Kosten: 8 Euro (inklusive Museumseintritt)

Besucherinformationen

Stadtmuseum im Fembo-Haus
Burgstraße 15, D-90403 Nürnberg
Tel +49 (0)911 231 25 95

Ausstellungsdauer: bis 6. Januar 2019 3. Februar 2019 (verlängert!)
Öffnungszeiten: Di bis Fr 10-17 Uhr, Sa u. So 10-18, während des Christkindlesmarkts auch Mo 10-17 Uhr
Eintritt: 6 Euro, ermäßigt 1,50 Euro

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Stadtmuseum im Fembo-Haus.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen