MAG – Model Arbus Goldin

Drei Generationen, drei große Fotografinnen

Lisette Model. Fashion Show, New York City 1940 © Estate of Lisette Model

Mit Lisette Model, Diane Arbus und Nan Goldin präsentiert WestLicht in Wien noch bis zum 24. März 2019 drei große amerikanische Fotografinnen. Ihre Bilder erweiterten den Blick auf die menschliche Gesellschaft radikal – um das Andere, das Außergewöhnliche, um soziale Randfiguren und exzentrische Persönlichkeiten. Sie hielten das gesellschaftliche Leben Amerikas, in dem sich als Einwanderungsland bis heute die Welt spiegelt, in unterschiedlichen Phasen des 20. Jahrhunderts fest.

Über drei Generationen, angefangen mit der in Wien aufgewachsenen Model, formulierten sie den Dialog zwischen Fotografin und Porträtierten auf eigene Weise jeweils neu. Sie verbanden das Dokumentarische mit dem Subjektiven. Ihre persönliche Sicht auf den Menschen und seine disparaten Lebenswelten, ihr Zugang zum Existentiellen und ihr Einsatz des Mediums Fotografie gingen mit einer Kritik bestehender Normen einher. So stellten sie die kulturelle und ästhetische Konventionen konsequent in Frage. Ihre Werke sind daher einerseits Ausdruck ihrer Zeit und der verschiedenen Milieus, in denen sie sich bewegten und andererseits Hommagen an die Vielfalt des Seins.

Lisette Model

Die in Wien geborene Lisette Model (1901–1983) richtete ihre Kamera – zunächst in Frankreich, nach ihrer Emigration 1938 in New York – bevorzugt auf Menschen an beiden Enden des sozialen Spektrums. Ob Underdog oder Millionär, das Gespür der Fotografin für Schwächen und besondere Charaktere verdichtet sich in ihren Bildern zu einer entlarvenden Schärfe. Sie verweist über das Individuum hinaus auf die gesellschaftlichen Verhältnisse. Ihre visuellen Kompositionen und speziell die ungewöhnliche Nahsicht, in der sie Menschen auf der Straße fotografierte, forderten herrschende Sehgewohnheiten heraus. Model begründete einen neuen Stil in der Street Photography, der Einflüsse des Surrealismus ebenso erkennen lässt wie eine sozial engagierte Dokumentarfotografie. Models Haltung und Bildsprache haben mehrere Generationen von Fotografen beeinflusst, darunter Diane Arbus, ihre bekannteste Schülerin.


li: Coney Island Bather, New York City 1939 | re: Singer at the Metropole Café, New York City 1946 | beide: © Estate of Lisette Model

Diane Arbus

Während des Studiums bei Lisette Model Ende der 1950er-Jahre eignete sich die New Yorkerin Diane Arbus (1923–1971) jene Techniken an, die ihr Werk letztlich definieren sollten. In der Aufzeichnung menschlicher Makel und Maskeraden deuten ihre Porträts auf die Risse und Ränder von Gesellschaft. Sie inszenieren das Fremde im Vertrauten und das Gewöhnliche im Grotesken. Inzwischen zu Ikonen der Fotografiegeschichte avanciert, führen die Menschenbilder von Arbus beharrlich jene Differenz vor Augen, die sie selbst so treffend als Kluft zwischen Absicht und Wirkung der Dargestellten bezeichnet hat. Dieses komplexe Gefälle von Selbstwahrnehmung, Wunschbild, Performance und Gesamteindruck in haarscharfe Bilder zu meißeln, kann als Kernkompetenz der Künstlerin gelten. Bei aller Empathie und Komplizenschaft mit ihren Sujets nutzte sie die Mittel der Fotografie für demaskierende Effekte.

Nan Goldin. Jimmy Paulette and Tabboo! in the bathroom, New York City 1991 © Nan Goldin

Nan Goldin

So wundert es nicht, dass die Drag Queens um Nan Goldin (*1953) die Transvestitenbilder von Diane Arbus als brutal und unglamourös ablehnten. Auch wenn sich Goldins Werk nicht ohne Arbus und Model denken lässt, unterscheidet es sich wesentlich durch die kompromisslose Insiderposition der Fotografin. Sie hielt sich selbst und ihre Szene – die New Yorker Subkultur und LGBT-Community der späten 1970er- und frühen 1980er-Jahre – in einem eindringlichen Porträt fest: vor Spiegeln, in Bars und Badezimmern, beim Sex und Drogenkonsum, als Teil einer Kultur des Überschwangs und der Angst, der Obsession und Abhängigkeit. Oft ohne ausreichendes Licht und in Bewegung entstanden ihre charakteristischen Schnappschüsse. Mit ihnen setzte Goldin ihren Freund_innen ein intimes Denkmal und prägte eine Bildsprache, die später als Heroin Chic in der Modefotografie popularisiert wurde.

Nan Goldin. Nan one month after being battered, 1984 © Nan Goldin

Eine Ausstellung in Kooperation mit der Stiftung F.C. Gundlach, Hamburg, und der Sammlung Jelitzka, Wien. Mit zusätzlichen Leihgaben von Bank Austria Kunstforum, Wien, Keitelman Gallery, Brüssel, Baudoin Lebon, Paris, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Fotosammlung OstLicht und Sammlung Verbund, Wien

Publikation

Zur Ausstellung ist ein Katalog im Verlag für moderne Kunst erschienen. Herausgeber: Daniel Jelitzka und Gerald A. Matt. Vorwort von Peter Coeln und Roland Jörg. Texte von Astrid Mahler, Franziska Mecklenburg und Rebekka Reuter:

The Camera is Cruel: Model Arbus Goldin. Gebunden, 132 Seiten, 22,2 x 1,8 x 29 cm
ISBN: 978-3903228948
Preis: 26 Euro

Besucherinformationen

WestLicht. Schauplatz für Fotografie
Westbahnstraße 40, A-1070 Wien
Tel +43 (0)1 522 66 36 60

Ausstellungsdauer: bis 24. März 2019
Öffnungszeiten: Di, Mi, Fr 14-19 Uhr | Do 14-21 Uhr |Sa, So 11-19 Uhr
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 5 Euro, 6-18 Jahre 3 Euro, bis 6 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von WestLicht. Schauplatz für Fotografie.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

The Camera is Cruel: Model Arbus Goldin (Gebundene Ausgabe)


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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
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