Rezension: Yigal Gawze. Form and Light. From Bauhaus to Tel Aviv

Form and Light. From Bauhaus to Tel Aviv Book Cover Form and Light. From Bauhaus to Tel Aviv
Yigal Gawze
Architekturfotografie
Hirmer Verlag
25. Oktober 2018
Hardcover
120

.

Fotografischer Zugang zum Bauhaus in Tel Aviv

Die Stadt Tel Aviv, im Jahr 1909 erst gegründet und in kurzer Zeit zu einer der größten Metropolen des Nahen Osten geworden, ist mit ihren 4000 Gebäuden im Bauhausstil heutzutage das eigentliche Zentrum dieses Architekturgenres. Man bezeichnet diese Architektur der Moderne auch als „Internationale Architektur“, eine Richtung der Architektur, die ihren Ausgang in Europa genommen und sich dann in den 30er Jahren in den USA weiterentwickelt und an Bekanntheit gewonnen hat. Die sogenannte „Weiße Stadt“ bietet am Dizengoff-Platz, dem Rothschild-Boulevard, der Allenby-Road und vielen weiteren Straßen und Plätzen ein einzigartiges Ensemble von zum großen Teil denkmalgeschützten Gebäuden, die seit 2003 auch auf der Liste des UNESCO-Weltkulturerbes stehen.

Nach der Machtübernahme Adolf Hitlers flohen Zehntausende Deutsche jüdischen Glaubens in das britische Mandatsgebiet Palästina. Darunter waren insbesondere in den ersten Jahren dieser Fluchtbewegung auch viele in die Arbeitslosigkeit getriebene Architekten der Bauhausschule.

Wierzba House, 34 Frug St., 2004 © Yigal Gawze

1925 beauftragte Meir Dizengoff, Bürgermeister Tel Avivs, einen Stadtplaner mit einem Masterplan für die rasant wachsende Stadt. Auf dem Reißbrett festgelegt wurden Straßennetz und Vorgaben zur Raumnutzung. Offen blieb jedoch das architektonische Wie, das aber schnell von Architekten der Dessauer Schule geprägt wurde. Heute verfügt die Stadt Tel Aviv als Zeichen ihrer überragenden Bedeutung für die Architektur über das im Jahr 200 eröffnete Bauhaus Center, das sich der Erforschung und Dokumentation der Bauhausgeschichte in Tel Aviv verschrieben hat. Das Bauhaus-Museum öffnete im Jahr 2008 seine Türen.

Während in Deutschland die Bauhausidee, kaum zum Leben erwacht, bereits wieder erstickt und deren Vertreter vertrieben wurden (vgl. Geschichte des New Bauhaus Chicago), konnte es sich in der Moderne des zionistischen Landes frei entwickeln. Eine Anpassung war auch dringend vonnöten, vom winterlich kalten Berlin zum sommerlich heißen Tel Aviv. Typisch für die Adaption der Bauhausidee im Mittelmeerraum der Levante sind die horizontale Linienführung, die freischwebend auskragenden Balkone und die in den Schatten zurückspringenden Fensteröffnungen. Sie erfüllen die Funktion, Licht einzulassen, jedoch direkte Sonneneinstrahlung zu verhindern. Lange tiefe Balkone (vgl. Yarden Hotel House, S. 52), bieten einen stilbildenden Übergang vom privaten zum öffentlichen Raum.

Recanati House, 35 Menachem Begin Rd./79 Mazeh St., 2000 © Yigal Gawze

Der Autor und Fotograf

Yigal Gawze ist Fotograf und Architekt; zugleich aber auch Maler, Erforscher der Bauhaus-Architektur und Architektur-Reiseführer in Tel Aviv mit seinem Tel Aviv Bauhaus Walk. Er verfügt sowohl über ein Studium der Architektur als auch eine fotografische Ausbildung. Das Buch basiert aus dem Fotoprojekt Fragments of a Style. Die ersten fotografischen Streifzüge durch die Stadt, in der er auch geboren wurde, unternahm er in einer Zeit, als er noch in Paris lebte und arbeitete. Seit acht Jahren ist der Fotograf nun auch als Reiseführer in der „Weißen Stadt“ unterwegs.

Von der dokumentarischen Arbeit hin zur künstlerischen

Mittelman House, 120 Ben Yehuda St., 2006 © Yigal Gawze

Gawzes Arbeit beginnt am Anfang mit einer dokumentarisch angelegten Sammlung von anscheinend unzähligen Variationen des weißen Kubus, dem Studium der einzelnen architektonischen Elemente wie Kurve, Balkon, vertikale Achse u. a. m.

Diese finden in dieser Struktur auch Eingang in die erste Ausstellung in 2005.

Im Laufe der Jahre wendet er sich mehr und mehr den künstlerischen Aspekten der Gebäude zu.

Es ist der Versuch, den Geist der Architektur zu erfassen, im Sinne des Neuen Sehens der modernistischen Fotografie.

Es sind die Details eines Gebäudes, bestimmte Fragmente und besondere Ausschnitte, die am ehesten die „Schönheit des Funktionalismus“ (Gilad Ophir) widerspiegeln.

In den Blick rückt für den Fotografen und Architekten – den Lichtmaler und den Baustilkundigen – die Verbindung des natürlichen, auf die Gebäude einstrahlenden und in die Gebäude hineinstrahlenden Lichts mit der besonderen Architektur und Kunstfertigkeit fast vergangener Formensprache.

Gawze beschreibt weiterhin den ihm eigenen Arbeitsrhythmus, der nur unterbrochen wurde von „begnadeten Momenten …, in denen das richtige Licht auf die Oberfläche traf oder den Raum füllte“ (Textbeitrag Yigal Gawze).

Dass die aufgenommenen Gebäude so makellos erscheinen, liegt zumeist darin begründet, dass sie nach der erfolgten Restaurierung, oft unmittelbar nach Abbau der Arbeitsgerüste, aufgenommen wurden.

Aufbau und Gestaltung

Pelzmann House, 18 bialik St., 2018 © Yigal Gawze

Mit „Form and Light“ präsentiert der Hirmer-Verlag ein weiteres Buch zu Architektur und Fotografie.

Im Zentrum stehen die Fotografien Yigal Gawzes, am Anfang des Buches drei hinführende Texte.

Yigal Gawzes beschreibt in „Das Licht und die weiße Stadt oder zurück zu Assuta“ die Entstehungsgeschichte des Foto-Projekts Fragments of a Style wie auch seine eigene fotografisch- künstlerische Entwicklung.

Gilad Ophir, Professor für Fotografie in Jerusalem, schreibt in „Der Geist eines Ortes“ über die Fotografie im urbanen Raum im Allgemeinen und die in Tel Aviv im Besonderen.

Er skizziert den fotografischen Stil Gawzes und seine wesentlichen Merkmale: die Isolation des Gebäudes aus seinem Kontext, die diagonale Perspektive nach oben, wodurch eine zeitlose Darstellung geschaffen werde und die Gebäude – dem menschlichen Treiben entzogen – als Ding für sich wirkten.

Mit diesem Anliegen korrespondiere die einzigartige Eigenschaft der Fotografie, „die Welt zu verlangsamen und anzuhalten“.

Michael Jacobson, Architekt in Tel Aviv, widmet sich in seinem Beitrag dem internationalen Stil der Weißen Stadt, dem Aufschwung in den 30er Jahren, dem anschließenden Niedergang und seiner Wiederentdeckung nach der Jahrtausendwende, sichtbar begleitet von umfangreichen Sanierungsmaßnahmen an diesen Gebäuden.

Das Buch ist durchgängig zweisprachig Englisch und Deutsch. Statt in den Textbeiträgen beide Sprachen in einem Spaltensatz nebeneinander zu stellen und bestenfalls noch durch einzelne Fotos aufzulockern, folgen englischer Text und deutsche Übersetzung jeweils nacheinander. So ist man immer wieder gezwungen, durch die ersten 34 Textseiten hin und her zu blättern auf der Suche nach dem jeweiligen Text und der gewünschten Sprache. Das macht den ersten Teil des Buches etwas unübersichtlich.

Chenziner House, 53 Frishman St./2 Spinoza St., 2018 © Yigal Gawze

Auf den anschließenden 70 Seiten, dem Hauptteil des Buches, folgen die Bildtafeln mit den Fotografien Gawzes. Am Schluss folgen noch Index, Danksagung und die sparsame Biografie.

Die Bildtafeln verfügen nur über rudimentäre Informationen über Name des Gebäudes, dessen Lage und einer Jahreszahl, vermutlich das Aufnahmedatum.

Vermisst werden weitere Angaben oder architektonische Einordnungen.

Hier wünschte sich der Rezensent eine ausführlicher informierende Edition.

Einige der im Hauptteil vermissten Angaben finden sich dann im Index, wie z. B. Angaben zum Architekten, zum Architekten der Konservierung/Sanierung und dem Bau- und Sanierungsjahr.

Die Bildtafeln und Fotografien sind von gewohnt guter Qualität.

Die Buchseiten sind fadengeheftet, das Buch mit einem festen Einband: solide und dem Inhalt angemessen, wenn auch nicht State of the Art, also höchste Buchdruckkunst, die der Verlag zu bieten hat.

Fazit

Der Verlag präsentiert einen sehr sehenswerten Fotoband zur Bauhausarchitektur in Tel Aviv. Nicht bedient werden Erwartungen zu einer Dokumentation und zu einer ausführlichen Beschreibung dieser Architekturrichtung in der Weißen Stadt. Geboten werden stattdessen künstlerische, mit dem Licht spielende Aufnahmen von Details der modernen Architektur.

Wer Näheres zu den Gebäuden der Moderne in Tel Aviv erfahren möchte, dem sei „Weiße Stadt Tel Aviv: Zur Erhaltung von Gebäuden der Moderne in Israel und Deutschland“, eine Veröffentlichung des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung vom April 2015, empfohlen.

Wer nicht nur die Fotografien Gawzes sehen möchte, aber auch nicht die Gelegenheit hat, an einer seiner dreistündigen Bauhaus-Touren in Tel Aviv teilzunehmen, kann ihn in einem 50-minütigen englischsprachigen Podcast auch hören: Yigal Gawze zu Gast bei Two Jewish Boys zum Thema „Building a Bauhaus City“. Kurzweilig und leicht zu verstehen.

Die Daten

Yigal Gawze. Form and Light. From Bauhaus to Tel Aviv erschien am 25. Oktober 2018 im Hirmer Verlag. 120 Seiten, 100 Abbildungen in Farbe, 24,1 x 27,9 cm, gebunden.
ISBN: 978-3-7774-3099-7
Preis: 45,00 € [D] | 46,30 € [A] | 54,90 SFR [CH]

Rezension: Ansgar Hoffmann

Unsere Bewertung:

Form and Light: From Bauhaus to Tel Aviv (Gebundene Ausgabe)


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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen