Katja Flint. Eins

Menschliche Emotionen fotografisch auf die Bühne gebracht

Katja Flint. Sculpture Jenny, 2018 © Katja Flint

Seit über 30 Jahren formt und verkörpert Katja Flint als Schauspielerin menschliche Emotionen und Charakteristika. Nun wagt sie einen Perspektivwechsel, indem sie das Menschsein mit fotografischen Mitteln untersucht.

In einer umfassenden Einzelausstellung, die zuerst in der Kunsthalle Rostock (13. Januar bis 24. Februar 2019) und anschließend in der Berliner Galerie Semjon Contemporary (30. März bis 4. Mai 2019) zu sehen ist, präsentiert Flint ihre Arbeiten. Klassisch in Schwarz-Weiß gehalten, erinnern die Porträts an die ent- bzw. verrückte Mimik eines Francis Bacon oder an Samuel Becketts Not I (1973), ohne ihren eigenen Standpunkt zu verlassen oder Stellenwert einzubüßen.

Katja Flint. Angry Young Man, 2017 © Katja Flint

Dr. Matthias Harder, Kurator der Helmut Newton Stiftung, beschreibt Flints Arbeiten so:

„Die ungewöhnlichen Fotografien von Katja Flint sind eine Spielart des Porträts. Normalerweise setzen Künstler im Porträt auf Realismus oder eine Transformation im menschlichen Ausdruck, etwa auf Rollenspiele, und nicht auf Gefühle. In ihrem Hauptjob als Schauspielerin schlüpft Katja Flint immer wieder in neue Rollen und verkörpert andere Charaktere. Wenn sie allerdings selbst mit ihrer Kamera im heimischen Fotostudio den Part der Regisseurin, Beleuchterin und Ausstatterin übernimmt, ist sie an den unterschiedlichen Charaktereigenschaften eines Menschen, vor allem an echten menschlichen Emotionen interessiert. Kurze Regieanweisungen stehen am Anfang jeder Fotositzung, etwa: „Stell dir vor, du bist ein Tier, das bedroht wird.“ Alternativ gibt Flint dem ausgewählten Gegenüber einen Begriff von einer ziemlich langen, von ihr selbst zusammengestellten Liste zur Inspiration an die Hand, wie zum Beispiel Verwirrung, Verlorenheit, Staunen, Leichtigkeit, Transzendenz, Erwachen, Stolz, Lust, Neid oder Scham.

Katja Flint. Rockstar K, 2018 © Katja Flint

Katja Flint lässt jegliches Licht im fotografischen Umraum verschwinden und exponiert einzig die Person vor ihrer Kamera mit wenig zusätzlichem Licht und vor schwarzem Fond. Der zugleich darstellende und dargestellte Mensch ist hier ebenfalls auf minimale Gesten reduziert und kaum mehr ein ganzheitliches Individuum – und doch ist paradoxerweise gerade das Individuelle im Ausdruck Bildinhalt und Ansatzpunkt für unsere Rezeption. Die mehrere Sekunden lange Belichtungszeit im abgedunkelten Raum ermöglicht Bewegungen vor der Kamera, die auf der Fotografie zur Spur werden. So wird das Gesicht verunklärt und entindividualisiert, gleichzeitig wird das Körperliche oder die Aktion in den Mittelpunkt gestellt. Denn erst aus der Bewegung folgt die fotografische Unschärfe, die wiederum Dynamik und eine psychologische Innenschau impliziert. Der sonstige Körper, häufig androgyn bekleidet mit Jackett, Hemd und Krawatte, bleibt meist statisch und klar gezeichnet, als sei er das tragende, äußere Gerüst für das emotionale Innere.

Katja Flint. Mother, 2018 © Katja Flint

Flints selbst formuliertes künstlerisches Ziel ist es, in der Fotografie einen malerischen Effekt zu erzielen und gleichzeitig ins Innere des Menschen zu schauen. Das geschieht diskret und vorsichtig, mit großem Einfühlungsvermögen, nie aufdringlich oder gar desavouierend. So entsteht ein Theater der Emotionen, ein Ein-Personen-Stück, realisiert auf einer Miniaturbühne. Der emotionale Ausdruck in den Fotografien Katja Flints ist hierbei existenzieller und ursprünglicher als von anderen Porträts gewohnt; sie konfrontiert uns mit echtem Staunen und Verwirrtheit, mit Stolz oder Zerbrechlichkeit und brilliert in ihrer einzigartigen Visualisierung von Furcht und Verführung, von Euphorie oder Verzweiflung. Flints Fotografien wirken authentisch, mitunter so intensiv, dass sie verstören, und durch den schwarzen Bildraum und das exponierte Gesicht gleichzeitig auch theatralisch und so könnten wir, gleichsam zur eigenen Beruhigung, darin nur die Darstellung einer Emotion sehen.

Katja Flint. Hitchcock Jenny, 2018 © Katja Flint

Doch tatsächlich steigt Katja Flint eine Stufe tiefer ins Unterbewusstsein, als die meisten Kollegen es tun, denn ihre fotografischen Bilder werden zu einem „echten“ Drama, das der Betrachter so schnell nicht vergisst. Der Fotografin gelingt es, Gefühle von innen nach außen zu kehren und sie so erkennbar und erlebbar zu machen.

Damit wirft sie mit ihren Porträts existenzielle und essenzielle Fragen auf: Was bedeutet es Mensch zu sein? Wie ist es um seine und unser aller Befindlichkeit bestellt? Welche Gefühle schlummern in uns, von denen noch nicht einmal wir selbst wissen? Die höchst sensible und empathische Kunst Katja Flints öffnet uns die Augen, unter anderem für uns selbst. Die mal subtilen, mal brachialen Aufnahmen menschlicher Emotionen, diese statischen und stillen Bilder, sind großes Kino. Sie entführt uns mit ihren düsteren und intensiven Menschenschilderungen in eine tagtraumhafte, ja kinematographische Parallelwelt. Möglich ist das wohl nur im Medium Fotografie und so schließt sich hier der Kreis medial in geradezu idealer Weise.“

Publikation

Anlässlich der beiden Ausstellungen erscheint im Januar 2019 eine Monografie im DISTANZ Verlag. 116 Seiten, deutsch, am Rücken offene Steifbroschur, 210 x 300 mm, Hochformat, 42 Schwarz/Weiss Tafeln.
ISBN: 978-3-95476-273-6
Preis: 36,00 EUR

Besucherinformationen

Kunsthalle Rostock
Hamburger Str. 40, D-18069 Rostock

Ausstellungsdauer: 13. Januar bis 24. Februar 2019
Öffnungszeiten: Di bis So 11-18 Uhr
Eintritt:
Besucherinformationen

Galerie Semjon Contemporary Berlin
Schröderstr. 1, D-10115 Berlin

Ausstellungsdauer: 30. März bis 4. Mai 2019
Öffnungszeiten: Di bis Sa 13-19 Uhr
Eintritt:

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Kunsthalle Rostock und Galerie Semjon Contemporary Berlin

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
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