TVTipp: alpha-retro: Lebemänner

16.02.2019 / 20:15 / 40 min / ARD-Alpha
Die Playboys kommen erst um Acht (1962)
Reportage, Deutschland, 1962

16.02.2019 / 20:55 / 60 min / ARD-Alpha
Die geschlossene Gesellschaft von Kampen/Sylt (1972)
Reportage, Deutschland, 1972, Norddeutscher Rundfunk

beide aus der Reihe "alpha-retro: Lebemänner"

Die Schönen und die Reichen

alpha-retro: Lebemänner. Die Playboys kommen erst um Acht. Foto: © BR

ARD-Alpha zeigt in der Reihe alpha-retro: Lebemänner direkt nacheinander zwei Dokumentarfilme, die viel Fotografiegeschichte enthalten. In beiden geht es (auch) um Gunter Sachs, der nicht nur häufiges Motiv der Fotoreporter, sondern auch selbst professioneller Fotograf und Dokumentarfilmer war.

„Es handelt sich um eine modische Legende, ein entfesseltes Märchendorf am blauen Meer, wo reich gewordene Aschenbrödel und Ex-Königskinder sich auf den Spuren Casanovas tummeln.“ So beginnt der Film Die Playboys kommen erst um Acht von Corinne Pulver, den sie 1962 für den Bayerischen Rundfunk drehte. Gezeigt werden zu diesen ersten Sätzen junge Männer und Frauen in teuren Sportwägen und Cabrios, die langsam eine Strandpromenade entlang flanieren. Das Märchendorf ist, wie könnte es anders sein, das kleine Fischerdorf Saint-Tropez, zu jener Zeit der Nabel der reichen und schönen Welt in Europa.

Und kaum fängt die Kamera auch nur eine Minute lang dieses Treiben ein, schon ist ein gut aussehender junger Mann zu sehen, den man sofort erkennt: der König der Playboys. Dennoch, dieser Gunter Sachs war damals noch nicht so berühmt wie nur kurze Zeit später, als er eine Liaison mit der persischen Ex-Kaiserin Soraya hatte und ab 1966 für drei Jahre der Ehemann von Brigitte Bardot wurde. Nicht zuletzt wegen Gunter Sachs und seinen Freunden und Bekannten wurde Saint-Tropez das, was es in diesem Film darstellt: für die einen der Ort von Sodom und Gomorra und für die anderen der Sehnsuchtsort schlechthin in Sachen freier Liebe und ewigem Nichtstun unter azurblauem Himmel.

Der Film meint dazu, dass über diesem „süßen Leben“, diesem dolce vita eben auch der Hauch von Langeweile schwebt, aber in Saint-Tropez bräuchte man eben das Kunststück fertig, die Langeweile kleidsam zu machen. Im Kindergarten der Playboys in Saint-Tropez finde man Menschen wie Erol Flynn jr., einen umschwärmten gutaussehenden jungen Amerikaner, dessen einzige Lebensleistung bis dato darin bestand, eben der Sohn von Erol Flynn zu sein. Es kommt aber auch das Gegenstück vor, derjenige Mann, der dem Begriff „Playboy“ in der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg überhaupt Leben eingehaucht hatte: Porfirio Rubirosa, Diplomat, Rennfahrer, Polospieler und aufgrund seiner vielen Liebschaften von Barbara Hutten bis Marilyn Monroe der Playboy schlechthin. Man trifft ihn im Haus von Gunter Sachs bei einer kleinen, erlesenen Gartenparty.

Und später, in einem Kellerlokal beim Twist, sieht man neben dem Regisseur Roger Vadim eine schöne blonde Frau: Damals noch so unbekannt, dass der Sprecher noch nicht einmal ihren Namen erwähnt. Wer hätte wissen können, dass daraus einst die berühmte Catherine Deneuve werden wird? Damals war sie mit Roger Vadim liiert und sollte unter seiner Regie bald den Film „Laster und Tugend“ drehen, in der sie die Hauptrolle ergattert hatte. Vorlage dieses Films war, wie passend zu dieser Doku, der Roman „Justine“ von Marquis de Sade.

Höhepunkt des Films ist sicherlich das Interview, das Corinne Pulver mit Gunter Sachs über dessen Leben führen konnte. Sein hauptsächliches Hobby sei der Sport, den er in allen Facetten liebe. Seine größten Erfolge habe er jedoch im Bobsport erzielt, weil er darin einst sogar einmal Junioreneuropameister geworden war. Zu seinen amourösen Abenteuern befragt meint er, dass wohl jeder Mann in seinem Alter gerne Erfolg bei Frauen hätte – die meisten hätten halt das Glück, dass darüber dann nicht wie bei ihm sofort Artikel in Illustrierten geschrieben würden und er sogar im Fernsehen dazu Stellung nehmen müsse.

Als Fazit in Bezug auf die Playboys meint der Film schließlich: „Unter Komplexen und Minderwertigkeitsgefühlen leiden sie nicht und brauchen deshalb auch keinen Trost im Intellekt zu suchen. Sie sind mit sich und ihrer Bildung ganz zufrieden. Diese ist durch viele Reisen und den Verkehr mit der so genannten großen Welt gehoben und enthält den Wortschatz der mondänen Gesellschaft. Sie könnten zufriedene Sonnenanbeter sein, wenn der menschliche Geist sich mit körperlichem Striptease zufriedengeben würde.“

alpha-retro: Lebemänner. Die geschlossene Gesellschaft von Kampen/Sylt. Foto: © BR/NDR

Kampen war einst das St. Tropez Deutschlands und übte magische Anziehungskraft aus – auch für Fotoreporter, denn „Buhne 16“ in Kampen war mit Abstand der berühmteste deutsche FKK-Strand. Bereits in den 1920er-Jahren hatten Prominente wie Thomas Mann und Marlene Dietrich Sylt als Urlaubsinsel populär gemacht, in den Sechzigerjahren war es vor allem Gunther Sachs, der Kampen zum Hot Spot des Jet Sets machte. Der Film Die geschlossene Gesellschaft von Kampen/Sylt von 1972 zeigt, wie das damals gewesen ist unter den Reichen und Schönen auf Sylt.

In den späten Sechziger- und frühen Siebzigerjahren verging in den Sommermonaten keine Woche, ohne dass ein Boulevardblatt oder eine Illustrierte über die Reichen und Schönen von diesem ehemaligen Bauerndorf auf Sylt berichtete.

Axel Springer hatte seine etwas größere Urlaubsvilla bereits in den fünfziger Jahren gekauft, ebenso wie Berthold Beitz und andere. Aber da war die Insel noch so etwas wie ein Geheimtipp gewesen. Warum und wieso Kampen auf Sylt ab den Sechziger Jahren so dermaßen „in“ war, zeigt dieser Filmbericht des NDR aus dem Jahr 1972, in dem neben Sachs, Springer und Beitz auch noch und z. T. sehr ausführlich Fritz Raddatz, Rudolf Augstein, eine Handvoll Schweizer Playboys und andere zu Wort kommen – und vor allem auch junge Frauen, die dort ebenfalls Urlaub machen.

Im damaligen Pressetext zu diesem Film hieß es: „Nicht jeder, der sich am Strand von Kampen zeigt, ist schön – und ebenso ist auch nicht jeder reich. Aber wer hier schön ist, kennt in der Regel mehr als einen Reichen, und wer reich ist, hat im Handumdrehen einen Tross von Schönen im Gefolge. Alle zusammen kommen sich unglaublich schick vor und präsentieren sich als deutsche Ausgabe des Jet Set – bis auf die ganz großen Snobs, die an Geld, Geist oder Einfluss wirklich Reichen, die auch in Kampen lieber unter sich bleiben und den mondänen Betrieb auf den Partys und in den Diskotheken allenfalls mokant zur Kenntnis nehmen. Der vorliegende Bericht entstand in beiden Lagern: bei den Snobs und bei der Schickeria und eröffnet ebenso amüsante wie aufschlussreiche Einblicke in eine gehobene Schicht der deutschen Gesellschaft.“

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung des BR.

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Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen