Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre

Neue Sachlicheit und Neues Sehen

Albert Renger-Patzsch (1897-1966): Gläser, vor 1928, Universität der Künste Berlin, Universitätsarchiv © Albert Renger-Patzsch/Archiv Ann und Jürgen Wilde, Zülpich/VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Bis zum 19. Mai 2019 widmet sich das Bucerius Kunst Forum in Hamburg mit Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre der kurzen Epoche zwischen den Weltkriegen. Die Ausstellung beleuchtet diese Zeit der Extreme anhand von rund 40 Gemälden der Neuen Sachlichkeit und über 115 Fotografien des Neuen Sehens, die hier erstmals in direkte Beziehung zueinander gesetzt werden. In der Gegenüberstellung spürt die Ausstellung den Wechselbeziehungen zwischen den Medien nach und rückt zugleich einen Stil in den Mittelpunkt, der mit seiner sachlichen und wirklichkeitsnahen Wiedergabe zur führenden Kunstrichtung der Weimarer Republik wurde.

Gezeigt werden Werke von Künstlern wie Otto Dix, Hannah Höch, László Moholy-Nagy, Albert Renger-Patzsch, Christian Schad oder August Sander. Die Ausstellung findet im Rahmen des Jubiläumsjahres 100 jahre bauhaus statt.

László Moholy-Nagy (1895-1946): Militarismus, 1924/1940, Museum Ludwig, Köln

„Zu Asche zu Staub / dem Licht geraubt / doch noch nicht jetzt / Wunder warten bis zuletzt“ – die Zeile aus dem Titelsong der Erfolgsserie Babylon Berlin umschreibt treffend die Tanz-auf-dem-Vulkan-Stimmung der 20er Jahre.

Es ist ein Jahrzehnt voller Extreme und Gegensätze, voller Hoffnung und Elend, Licht und Schatten.

In dieser Zeit der politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Veränderungen sowie der sozialen Gegensätze entwickelte sich in der deutschen Kunst mit der Neuen Sachlichkeit eine Stilrichtung, die sich von der gefühlsbetonten Malerei des Expressionismus grundlegend unterscheidet.

In kühler, distanziert-sachlicher Wiedergabe des Gegenstands und altmeisterlicher Malweise versuchten die Künstlerinnen und Künstler der labilen gesellschaftlichen Lage eine neue Ordnung und ein stabiles Fundament entgegenzusetzen.

Vor dem Hintergrund der traumatischen Kriegserfahrungen und des Zusammenbruchs des Kaiserreichs setzte sich damit eine Sichtweise durch, welche die Welt wirklichkeitsnah erfasste.

Auch in der Fotografie entwickelte sich in der Zeit zwischen den Weltkriegen ein neusachlicher Stil. Die Fotografinnen und Fotografen wandten sich vom Piktorialismus ab und besannen sich auf die technischen wie ästhetischen Eigenschaften des Mediums: die authentische Wiedergabe der Wirklichkeit. Mit dem Neuen Sehen entstand eine fotografische Stilrichtung, die durch ungewohnte Perspektiven sowie das Spiel von Licht und Schatten mit vertrauten Wahrnehmungsgewohnheiten brach.

Obwohl Malerinnen und Maler, Fotografinnen und Fotografen in der Zwischenkriegszeit ähnliche Bildsujets aufgriffen und ihre Vorstellungen in einer vergleichbaren Ästhetik visualisierten, wurden ihre Arbeiten seit den 20er Jahren nicht mehr in einer umfassenden Gegenüberstellung präsentiert.

Die Ausstellung Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre setzt nun fast 100 Jahre später erstmals zahlreiche Gemälde der Neue Sachlichkeit und Fotografien des Neuen Sehens in unmittelbare Beziehung zueinander.

Ausstellungsansicht: Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre Foto: Ulrich Perrey

Die von Ulrich Pohlmann und Kathrin Baumstark kuratierte Schau vereint mehr als 40 Gemälde, über 115 Fotografien und rund 20 Zeichnungen, Collagen und Druckgrafiken. Darunter finden sich Arbeiten von Künstlern wie Aenne Biermann, Otto Dix, Carl Grossberg, Hanna Höch, Karl Hubbuch, László Moholy-Nagy, Albert Renger-Patzsch, August Sander, Christian Schad, Georg Scholz oder Rudolf Schlichter. Darüber hinaus werden ausgewählte Experimentalfilme gezeigt.

Die Ausstellung ergründet den Dialog zwischen Malerei und Fotografie in insgesamt sieben Kapiteln, die sich jeweils einer Gattung oder einem Motivspektrum widmen. Im Zentrum steht dabei die Frage, ob es eine gemeinsame stilistische Grundlage gibt bzw. welche medienspezifischen Analogien und Unterschiede sich ausgeprägt haben.

Stillleben

Ab 1922 huldigten Malerinnen und Maler, Fotografinnen und Fotografen gleichermaßen dem Stillleben und befanden sich dabei in einem intensiven Dialog. In den gemalten Stillleben finden sich die Perspektiven der Fotografinnen und Fotografen des Neuen Sehens wieder und dynamisieren die Bildräume. In der Fotografie wurden wiederum die Bildelemente der Neuen Sachlichkeit aufgegriffen, um die spezifische Materialität und Textur von Gegenständen sichtbar zu machen.

Hannah Höch (1889-1978): Gläser, 1927, Kassel, Museumslandschaft Hessen Kassel © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Selbstbildnis

Das Selbstbildnis bot den Künstlerinnen und Künstlern der 20er Jahre die Möglichkeit, sich selbst und ihr Schaffen innerhalb der unterschiedlichen künstlerischen Konzeptionen der Zeit zu verorten. Verhandelt wurden darin nicht nur Fragen nach Identität und Rollenbild, sondern auch das individuelle Verständnis der eigenen Profession.

Akt

Der Akt blickt in der Kunstgeschichte zurück auf eine lange Tradition. Doch von dieser wollten sich die Künstlerinnen und Künstler nun lösen und entwickelten neue Formen der Aktdarstellung. Die potenzielle Erotik ist teils durch eine überspitzt realistische, teils durch eine unterkühlte Darstellung gebrochen. Zugleich wird das Bild der „Neuen Frau“ sichtbar. In der Fotografie wurden die Materialität der Haut und die Form des weiblichen Körpers zu zentralen Motiven.

Architekturdarstellung und Stadtansicht

Bei der Architekturdarstellung und der Stadtansicht fanden Bauwerke des Neuen Bauens als Ausdruck von Modernität Eingang in Malerei und Fotografie. Außerdem wurden die Erscheinungsformen des urbanen Lebens, die düsteren uniformen Mietshäuser und die allgegenwärtige Reklame im Stadtbild während der Weimarer Republik in beiden Medien aufgegriffen.

Reinhold Nägele (1886-1972): Weißenhofsiedlung Stuttgart bei Nacht, 1928, Maier & Co. Fine Art, Stuttgart © VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Darstellung von Industrie und Technik

Angesteckt von der Technikbegeisterung der Zeit hielten Künstlerinnen und Künstler Industrieanlagen, technisches Gerät und den Fabrikinnenraum in einem Spannungsfeld zwischen Idealisierung und realistischer Darstellung fest.

Individualporträt und Typenbildnis

Hier zeigt sich wie in fast keinem anderen Genre das Gesicht der 20er Jahre:

das Gesicht der intellektuellen Elite, der neuen Frauen und neuen Männer, des Arbeiters und des Arbeitslosen, der Dame von Welt und der Straßendirne.

Die Porträtdarstellung der Fotografinnen und Fotografen des Neuen Sehens ist dominiert vom seriellen Prinzip.

Dagegen verdichtet sich in den gemalten Porträts die spezifische Präsenz des Individuums im Einzelwerk.

Bildnachweis rechts: August Sander (1876-1964): Konditor, 1928, Museum Folkwang, Essen © Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur-August Sander Archiv, Köln; VG Bild-Kunst, Bonn 2019

Politische Montage

In den Werken etwa von Karl Hubbuch, Hannah Höch oder Erwin Blumenfeld wird eine radikale Kritik an den bestehenden gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen evident. So ist auch die Angst vor der erstarkenden Rechten ein zentrales Thema. Während einige Künstlerinnen und Künstler weiterhin Erfolge feierten, bekam ein Großteil die unmenschlichen Restriktionen des NS-Regimes zu spüren. Im Jahr 1933 ging die große Zeit des Neuen Sehens und der Neuen Sachlichkeit zu Ende.

Publikation

Der Katalog Welt im Umbruch. Kunst der 20er Jahre mit Beiträgen von Kathrin Baumstark, Simone Förster, Miriam Halwani, Ulrich Pohlmann, Esther Ruelfs, Bernd Stiegler und Katharina Sykora erschien am 1. Februar 2019 im Hirmer Verlag, München. Gebunden, 264 Seiten, mit Abbildungen ausgestellter Werke, 22,5 x 2,5 x 28,7 cm
ISBN: 978-3777432274
Preis: 39,90 € (Buchhandlung), 29 € (in der Ausstellung)

Die Ausstellung entstand in Kooperation mit dem Münchner Stadtmuseum, wo sie 2020 gezeigt wird. Sie findet im Rahmen des Jubiläumsjahres 100 jahre bauhaus und des Hamburger Architektursommers 2019 statt.

Besucherinformationen

Bucerius Kunst Forum
Rathausmarkt 2, D-20095 Hamburg
Tel +49 (0)40 36 09 96 0

Ausstellungsdauer: bis 19. Mai 2019
Öffnungszeiten: täglich 11-19 Uhr, Do bis 21 Uhr
Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 6 Euro, unter 18 Jahren frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Bucerius Kunst Forum.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Welt im Umbruch: Kunst der 20er Jahre (Bucerius KUNST Forum) (Gebundene Ausgabe)


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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
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