Fotografien von Karl Blossfeldt und Jim Dine

Poesie der Pflanze

Entrada Drive, 2001-2003. © Jim Dine, VG Bild-Kunst, Bonn 2019; courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln

Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur in Köln zeigt bis zum 21. Juli 2019 eine beeindruckende Fotoausstellung mit Pflanzenfotografien von Karl Blossfeldt und Jim Dine.

Die immer wieder neu zu entdeckende Natur, die Vegetation mit ihren vielzähligen Gewächsen und Formen, ihre räumliche Disposition, das sie umspielende Licht ebenso wie die übergreifende Wirkung all dessen bilden das Zentrum der Ausstellung. Es geht einerseits um das Sehen, das Beobachten und empfindsame Wahrnehmen von Pflanzen und Pflanzenwelten, dokumentiert via Kamera; andererseits um ein achtsames Anschauen fotografischer Bilder, gefertigt aus der Hand zweier Künstler. Es geht um Realität und Interpretation.


li: Karl Blossfeldt: Haarfarn. Junge, noch eingerollte Wedel, o. J. | re: Karl Blossfeldt: Nieswurz, Christrose. Junger Blütenspross, o. J. | beide: © Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln in Kooperation mit der Sammlung Karl Blossfeldt in der Universität der Künste, Berlin, Universitätsarchiv, 2019

Die Werke von Karl Blossfeldt (1865–1932) und Jim Dine (*1935) setzen in diesem Sinn starke Impulse. Auch wenn beide auf verschiedene künstlerische Richtungen und Generationen zurückgehen, so wird doch in ihren Arbeiten deutlich, dass das Geheimnis der Natur, ihr Zauber ebenso wie ihre Regelmäßigkeit und Ordnung eine für die schöpferische Arbeit nicht versiegende Quelle ist. Beide Künstler verbindet die Liebe zur Natur, die differenzierte Auseinandersetzung mit ihrem Bildgegenstand ebenso wie ihre Präzision in der Umsetzung ihrer fotografischen Kompositionen.

Karl Blossfeldt

Karl Blossfeldt: Büschelschön. Blütenstand, o. J. © Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln in Kooperation mit der Sammlung Karl Blossfeldt in der Universität der Künste, Berlin, Universitätsarchiv, 2019

Über 70 originale Fotografien von Karl Blossfeldt werden in der Ausstellung gezeigt, umgesetzt als Gelatinesilberabzüge.

Blossfeldt erarbeitete seine Ansichten vor dem Hintergrund seiner Lehrtätigkeit an der Unterrichtsanstalt des Königlichen Kunstgewerbemuseums, Berlin.

Dort hatte der in Schielo (Harz, Sachsen-Anhalt) geborene Blossfeldt zwischen 1884/85 und 1888 studiert.

Anschließend arbeitete er als Modelleur in der Bronzewerkstatt.

Das Jahr 1898 gilt als der eigentliche Beginn seiner fotografischen Tätigkeit.

Blossfeldt nutzte die von ihm erarbeiteten Fotografien im Kunstunterricht zur Erarbeitung kunsthandwerklicher Stücke und individueller Zeichenentwürfe.

Mittels fotografischem Abbild konnte er seinen Studenten das von ihm in der Umgebung Berlins gesammelte Pflanzenmaterial nicht nur in quasi frisch dokumentiertem Zustand vor Augen führen (natürliche Pflanzen welkten und veränderten sich oft zu schnell).

Karl Blossfeldt: Ananas. Fruchtstand, o. J. © Courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln in Kooperation mit der Sammlung Karl Blossfeldt in der Universität der Künste, Berlin, Universitätsarchiv, 2019

Er konnte darüber hinaus die Pflanzenteile in vielfach vergrößerter Auflösung und gelegentlich in von ihm fokussierter und spezifisch präparierter Gestalt zeigen.

Blossfeldts Intention richtete sich vor allem auf die Besonderheit der einzelnen, ihn faszinierenden Formen, die er in aller Präzision herausarbeitete.

Typisch für die Fotografien von Karl Blossfeldt ist, dass er die Gestalt der Pflanze vor einem flächig neutralen Hintergrund freistellte.

Insofern griff er zu einer der puristischsten Möglichkeiten einer Bildkomposition, die dem quasi wissenschaftlichen Aufzeigen anvisierter Gegebenheiten dient.

Blossfeldts Ruhm begann mit der 1926 von Galerist Karl Nierendorf in Berlin ausgerichteten Ausstellung seiner Fotografien gemeinsam mit Skulpturen aus Afrika und Neuguinea.

1928 veröffentlichte Blossfeldt seine bahnbrechende Publikation Urformen der Kunst. Zu Beginn des Jahres 1932 folgte Wundergarten der Natur. Am 3. Dezember 1932 verstarb Karl Blossfeldt in Berlin. Heute gehört er zu den anerkanntesten Künstlern und Fotografen des 20. Jahrhunderts.

Ebenso wie die Arbeiten von August Sander und Albert Renger-Patzsch zählen die Pflanzenansichten Blossfeldts zu den entscheidenden Werken der Neuen Sachlichkeit in der Fotografie.

Jim Dine

Die Ausstellung Poesie der Pflanze stellt den Arbeiten Blossfeldts etwa 40 Heliogravüren des amerikanischen Künstlers Jim Dine gegenüber. Sie sind größeren Formats und nähern sich der poetischen Wirkung der Pflanzenwelt in formal anderer und doch verwandter Weise. Hier wie da treffen wir auf eine höchst intensive Auseinandersetzung mit dem Bildgegenstand und der davon im Einzelnen auszuführenden Fotografie gleichwie deren Einbindung in eine aufschlussreich weiterführende Bildreihe.

Jim Dine: Entrada Drive, 2001-2003. © Jim Dine, VG Bild-Kunst, Bonn 2019; courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln

Jim Dine, der in vielen verschiedenen künstlerischen Medien, sei es der Malerei, der Bildhauerei, der Druckgraphik, auch der Literatur und Lyrik, Zuhause ist, wurde Ende der 1950er-Jahre im Kontext der Pop-Art-Szene in New York berühmt. Vor allem seine Werke, die Motive wie Bademäntel, Herzformen, Farbpaletten, Pinsel und Werkzeuge zeigen, sind heute einem großen Publikum bekannt. Aber auch das von der Natur Geschaffene erwarb sein unentwegtes Interesse. Das verdeutlichen die Darstellungen und installativen Einbeziehungen von Bäumen, Ästen und Blumen. Bereits 1969 entstand Dines Portfolio Vegetables. Es ist seine früheste Arbeit, die sich mit botanischen Formen und Farben auseinandersetzt.

Jim Dines Leidenschaft für die Natur und Pflanzenwelt zeigt sich auch in der aktuell vorgestellten Reihe Entrada Drive mit Heliogravüren, die zu Beginn der 2000er-Jahre entstanden. Dieses Konvolut wird nun zum ersten Mal in Europa präsentiert und wurde überhaupt erst einmal in dem New Yorker Universitätsmuseum Neuberger Museum of Modern Art ausgestellt.

Jim Dine: Entrada Drive, 2001-2003. © Jim Dine, VG Bild-Kunst, Bonn 2019; courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln

Während eines Arbeitsaufenthalts in Los Angeles im Winter 2001 wohnte der Künstler gemeinsam mit seiner Frau Diana Michener auf dem Entrada Drive. Insbesondere das eigenwillige Licht blieb ihm nachhaltig in Erinnerung. Er empfand es wie in einem „grauen Juli“. Entsprechend gehen die teils dunkeltonigen Heliogravüren auf Fotografien zurück, die in L.A. entstanden. Doch auch Aufnahmen aus botanischen Gärten in Berlin und New York mischen sich unter. Im Gegensatz zu Blossfeldt richtet sich Jim Dines Aufmerksamkeit über die einzelne Gestalt der Pflanze hinaus, mehr noch auf den Raum, indem er die Pflanzen, Büsche und Gesträuche antrifft und erlebt.

Dines Heliogravüren wirken durch ihre besonders austarierten Grauwerte auf feinzeichnender Papierqualität. Sie sind das Ergebnis eines längeren Erarbeitungsprozesses. Die in Handarbeit gefertigten Werke entstanden auf Grundlage von Fotografien (schwarzweiße Negative im Mittelformat). Diese wurden als Diapositive in Originalgröße der geplanten Heliogravüren gewandelt und im Kontakt mit lichtempfindlichen, gelatinebeschichteten Kupferplatten belichtet.

Ein Blick in die Sammlung und in die Zusammenarbeit mit Kooperationspartnern

Jim Dine: Entrada Drive, 2001-2003. © Jim Dine, VG Bild-Kunst, Bonn 2019; courtesy Die Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur, Köln

Die Zusammenführung und Gegenüberstellung der beiden künstlerischen Positionen von Karl Blossfeldt und Jim Dine ist aus der Betreuung der internen Archivbestände hervorgegangen.

So basiert einerseits die Präsentation der Werke von Karl Blossfeldt auf der engen 20-jährigen Zusammenarbeit zwischen der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur und der Universität der Künste Berlin.

Zu deren Eigentum zählt ein Blossfeldt-Konvolut von über 600 Originalabzügen.

Zahlreiche dieser Arbeiten befinden sich als langfristige Leihgabe im Bestand der Photographischen Sammlung.

Sie werden zuweilen mit Berliner Universitätsbeständen gewechselt oder ergänzt und in Ausstellungen oder Publikationen veröffentlicht.

2009 entstand zum Gesamtbestand des Blossfeldt-Konvoluts ein wissenschaftlich kommentiertes Werkverzeichnis, das auf der Homepage der Photographischen Sammlung/SK Stiftung Kultur einsehbar ist.

Mit der Präsentation der Reihe Entrada Drive von Jim Dine bezieht sich die Photographische Sammlung auf ein umfangreiches Konvolut, das der Künstler 2005 in die Obhut der Institution übertragen hat.

Es ist die vierte Ausstellung, die die Photographische Sammlung dem fotografischen Schaffen des Künstlers widmet, das im hauseigenen Sammlungsbestand mit ca. 1500 Arbeiten vertreten ist.

Parallel dazu ist auch die Fotoausstellung Géographies des limites humaines von Roselyne Titaud zu sehen.

Besucherinformationen
Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur
Im Mediapark 7, D-50670 Köln
Tel +49 (0)221 888 95 300

Ausstellungsdauer: bis 21. Juli 2019
Öffnungszeiten: täglich außer mittwochs 14-19 Uhr
Eintritt: 5,50 €, ermäßigt 3 €, erster Montag im Monat freier Eintritt!

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Photographische Sammlung/SK Stiftung Kultur.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Aus der Werkstatt der Natur (Taschenbuch)


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Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
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