TVTipp: Kinderfotos im Netz

27.01.2019 / 22:00 / 43 min / BR
Kinderfotos im Netz: gepostet, geklaut, missbraucht
Ein Film von Sebastian Bellwinkel
Deutschland, 2019

Gepostet, geklaut, missbraucht

TVTipp: Kinderfotos im Netz. Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger unterrichtet Polizeinachwuchs.
Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger unterrichtet an der Fachhochschule Brandenburg den Polizei-Nachwuchs. Er sagt, Täter hätten online nahezu freie Bahn, weil deutsche Ermittler kaum sichtbar präsent seien. Foto: © BR/Spiegel TV GmbH/André Schmidtke

Weitgehend unbemerkt werden im Internet massenweise Kinderfotos geklaut und von Pädophilen für sexuelle Zwecke missbraucht. Unbedacht gepostete Alltagsbilder landen in pädophilen Fotoblogs und werden dort mit perversen Kommentaren versehen. Weder Politik noch Industrie unternehmen dagegen etwas. Die Dokumentation Kinderfotos im Netz: gepostet, geklaut, missbraucht durchleuchtet das perfide System des Foto-Diebstahls und zeigt, wie schutzlos Kinder im Netz Beute von Pädophilen werden können.

Unbedacht gepostete Alltagsbilder landen unbemerkt in Fotoblogs von Männern, die sexuelle Fantasien mit Kindern haben, und werden dort mit perversen Kommentaren versehen; in Chats beliebter Online-Spiele wie „Clash of Clans“ bahnen Erwachsene ungehindert sexuelle Kontakte mit Zehnjährigen an. Kinder und Jugendliche sind im Internet immer häufiger sexualisierter Gewalt ausgesetzt, ohne dass Industrie und Politik etwas dagegen unternehmen. In der Dokumentation „Kinderfotos im Netz: gepostet, geklaut, missbraucht“ hält der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig frustriert fest: „Kinder- und Jugendschutz findet derzeit im Internet nicht statt“. Gesetzliche Regelungen, die für mehr Schutz sorgen könnten, stammten aus dem Jahr 2003 und seien „der tatsächlichen Entwicklung Jahrzehnte hinterher“.

TVTipp: Kinderfotos im Netz. Zwei Kinder beim Spielen mit dem Smartphone.
Risiko Onlinespiele: Erwachsene Täter bahnen über die Chat-Funktion sexuelle Kontakte mit Kindern an. Die Spiele-Industrie und auch die Bundesregierung, sagen Kritiker, tun dagegen zu wenig. Foto: © BR/Spiegel TV GmbH/Peter Janssen

Autor Sebastian Bellwinkel zeigt in seiner 45-minütigen Bestandsaufnahme einen ernüchternden Befund. Es scheint, als habe der große Aufschrei über massive Missbrauchsfälle an Canisius-Kolleg, Odenwaldschule und anderen Einrichtungen vor acht Jahren nichts bewirkt. Aktuell entsteht in der digitalen Welt die nächste Generation Betroffener. Nach einer Studie der Universität Regensburg geben rund 730.000 Erwachsene zu, Onlinekontakte mit sexuellen Motiven zu Kindern unter 14 Jahren zu haben. „Rechnet man konservativ mit zwei bis fünf Kontakten pro Täter, reden wir über weit mehr als drei Millionen betroffene Kinder und Jugendliche“, sagt die Psychologin Julia von Weiler vom Verein Innocence in Danger.

Die Dokumentation Kinderfotos im Netz macht deutlich, dass insbesondere Eltern genauer hinschauen und verstehen müssen, wo ihre Kinder im Internet unterwegs sind und wer ihnen dort begegnen kann. Doch oft fehlt Eltern die Medienkompetenz. Eine fatale Entwicklung, wie mehrere Experten warnen. Stattdessen posten viele Eltern selbst Fotos ihrer Kinder in sozialen Medien und bieten pädosexuellen Tätern so ungewollt gratis Nachschub.

TVTipp: Kinderfotos im Netz. Psychologin Dr. Janina Neutze.
Die Psychologin Dr. Janina Neutze berichtet aus der Therapie von Pädophilen: Viele wilderten in sozialen Netzwerken, weil sie dort „legal“ an Kinderfotos kämen, mit denen sie sich sexuell stimulierten. Foto: © BR/Spiegel TV GmbH/Felix Korfmann

Ein Beispiel für das Wegsehen von Industrie und Politik ist das Zustandekommen des Netzwerkdurchsetzungsgesetzes (NetzDG). Es wurde in der vergangenen Legislaturperiode auf den Weg gebracht, um Betreiber sozialer Netzwerke wie Facebook und Twitter zu einem aktiveren Vorgehen gegen hetzerische Aussagen zu bringen. Nach dem Entwurf dieses Gesetzes sollten auch Anbieter vieler Online-Spiele dazu gehören.

„Das hätte dazu führen können, dass in den Chats geschulte Moderatoren eingesetzt werden, die auch stärker gegen sexuelle Anmache hätten vorgehen müssen“, sagt der renommierte Cyberkriminologe Thomas-Gabriel Rüdiger. Die Dokumentation zeigt indes, wie die Lobby der Onlinespiele-Betreiber Druck gemacht hat, so dass sie schließlich aus dem Gesetz ausgenommen worden sind. Cybergrooming (die Anbahnung sexueller Online-Kontakte von Erwachsenen mit Kindern) spiele im Gaming nicht so eine starke Rolle, so Felix Falk, Geschäftsführer des Branchenverbandes. Dem widersprechen zahlreiche Experten wie der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig: „Es ist ein Riesenproblem und es ist ein völlig unterschätztes Problem.“

TVTipp: Kinderfotos im Netz. Screenshot von einem Computer-Bildschirm
Screenshot von einem Computer-Bildschirm. Ein junges Start Up hat einen Computer-Algorithmus entwickelt, der vermeintlich harmlose Textbausteine von Tätern entschlüsselt und Alarm schlägt. So kann Künstliche Intelligenz die getarnte Anmache enttarnen. Foto: © BR/Spiegel TV GmbH/Felix Korfmann

Die Große Koalition aus CDU/CSU und SPD hat im Koalitionsvertrag zwar angekündigt, pädokriminelle Täter, die im Netz aktiv sind, konsequent zu verfolgen. Doch getan wird dafür bislang so gut wie nichts, so das Fazit des Films. Verantwortliche Ministerinnen wie Katharina Barley (Justiz) und Dorothee Bär (Digitalisierung) wollten sich in der Dokumentation Kinderfotos im Netz nicht äußern.

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung des BR.

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