Ernst Ludwig Kirchner. Der Maler als Fotograf

Fotografie als Vorlage und Dokumentation bildender Kunst

Erna Kirchner (Schilling) und Ernst Ludwig Kirchner im Atelier Berlin-Wilmersdorf, Durlacher Strasse 14, um 1912/14. Glasnegativ, 18 x 24 cm, Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1992

Als Maler und Bildhauer wurde Ernst Ludwig Kirchner in zahlreichen Ausstellungen gefeiert. Das Museum der Moderne Salzburg präsentiert nun erstmals und noch bis zum 16. Juni 2019 in Österreich eine Ausstellung, die sich dem fotografischen Werk des Künstlers widmet.

Ernst Ludwig Kirchner (1880 Aschaffenburg, DE – 1938 Davos, CH) gilt als der einzige Künstler des deutschen Expressionismus, der sich ernsthaft mit der Fotografie beschäftigt hat. Er hinterließ etwa 1.300 Glas- und Zellulose-Negative, ein Konvolut von Vintage-Prints sowie gebundene Fotoalben mit Aufnahmen seiner Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen und Druckgrafiken.

Die Ausstellung versammelt eine Auswahl von rund 300 Fotografien und präsentiert Beispiele aus allen Genres, die der Künstler bedient hat: von Akten und Atelierszenen über Porträts bis hin zu Landschaften und Sachfotografien.

Bauerntanz im Obergeschoss des Hauses In den Lärchen mit Selbstporträt links, 1919/20. Glasnegativ. Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1992

„Kirchner verstand sich zwar nicht als Foto-Künstler, schöpfte jedoch die Möglichkeiten, die ihm das Medium Fotografie bot, umfänglich aus. Sie war für ihn ein Instrument der künstlerischen Findung und Erfindung; zugleich spiegelt sich in seiner Kunst die Vorstellung einer Inventarisierung der Welt im Lichtbild“, so Thorsten Sadowsky, Kurator der Ausstellung und Direktor des Museum der Moderne Salzburg.

Nina Hard vor dem Eingang des Hauses In den Lärchen, Sommer 1921. Glasnegativ. Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1992

Kirchner nutzte die Fotografie als Vorlage, Gedächtnisstütze und optisches Hilfsmittel für seine Kunst.

Inszenierungen seiner Skulpturen, Aufnahmen von Besucherinnen seines Ateliers oder fotografische Dokumentationen der Entstehung eines Gemäldes in den unterschiedlichen Entwicklungsstufen zeugen von den Wechselwirkungen zwischen Fotografie und bildender Kunst im Werk des Künstlers.

Die Ausstellung im Museum der Moderne Salzburg, die als thematischer Rundgang konzipiert ist, bietet eine umfassende Gesamtschau des fotografischen Blicks in Kirchners Oeuvre und zeigt – ergänzt durch eine kleine Auswahl an Gemälden – diese noch wenig bekannte Werkgruppe des berühmten deutschen Expressionisten.

Ein eigener Themenschwerpunkt in der Ausstellung befasst sich anhand der Kunstfigur Louis de Marsalle auch mit Kirchners Selbstvermarktung, seiner Selbstdarstellung und der Inszenierung seines Lebens.

Unter dem Pseudonym Louis de Marsalle veröffentlichte er zwischen 1920 und 1933 insgesamt sechs Texte zu seinem Werk und betrieb damit ein geschicktes Marketing in eigener Sache.

Der Schweizer Fotograf Stephan Bösch (1982 St. Gallen, CH) schuf 2016 die Werkserie Louis de Marsalle. Visite à Davos. Die großformatigen Schwarzweiß-Fotografien geben Kirchners imaginärem Alter Ego ein Gesicht. Sie werden erstmals zusammen mit Kirchners fotografischem Werk ausgestellt.

„Louis de Marsalle“ am Donnerstag (31.03.2014) auf der Veranda des Wildbodenhauses in Davos. Von 1923 an lebte und arbeitete Ernst Ludwig Kirchner fünfzehn Jahre lang in einem Bauernhaus in Frauenkirch-Wildboden, dem so genannten „Wildbodenhaus“. Auf dieser Veranda portraitierte der Maler mit seiner Kamera seine Gäste. Unter dem Pseudonym „Louis de Marsalle“ schrieb Ernst Ludwig Kunstkritiken über seine eigenen Werke. Foto: © Stephan Bösch

Über Ernst Ludwig Kirchner

1880 Geboren am 6. Mai in Aschaffenburg.

1901–1905 Architekturstudium an der Technischen Hochschule in Dresden. Am 7. Juni 1905 erfolgt die Gründung der Künstlergemeinschaft Brücke mit Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff und Fritz Bleyl1906/07

1908/09 Erster Aufenthalt auf Fehmarn. Die achtjährige Fränzi Fehrmann wird zum bedeutendsten Modell der Brücke.

1910 Kirchner tritt der Neuen Secession in Berlin bei. Angeregt von seinen Besuchen im Dresdner Völkerkundemuseum fertigt er Holzplastiken.

1913 Aufgrund von Meinungsverschiedenheiten über die von Kirchner verfasste Chronik der Brücke löst sich die Gruppe am 27. Mai auf.

Selbstporträt, um 1928. Glasnegativ. Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1992

1914–1917 Kirchner meldet sich „unfreiwillig freiwillig“ zum Militär. Im September 1915 wird er wegen einer psychischen Erkrankung vorläufig aus dem Dienst entlassen. Diagnose: Alkoholsucht sowie Schlafmittel- und Morphiumabhängigkeit. Im Januar 1917 erster Aufenthalt in Davos.

1918 Kirchner bewohnt ab dem 20. September das Haus „In den Lärchen“ in Davos Frauenkirch und beginnt mit dessen skulpturaler Ausstattung. Er malt eine Reihe von Alpenlandschaften, die in ihrer ekstatischen Farbigkeit zu den Hauptwerken dieser Jahre gehören. Im Herbst verfasst er das Glaubensbekenntnis eines Malers.

1919 Den Sommer verbringt Kirchner auf der Stafelalp oberhalb von Frauenkirch. Er beginnt mit der partiellen Restaurierung, aber auch Übermalung seiner frühen Bilder.

1920 Erster Artikel Kirchners über das eigene Werk, veröffentlicht unter dem Pseudonym Louis de Marsalle.

1924 Im Juni/Juli große Einzelausstellung im Kunstverein Winterthur, die von der Bevölkerung als Skandal wahrgenommen wird.

1925/26 Kirchner verfasst in seinem Tagebuch den Essay „Das Werk“, in dem er seinen künstlerischen Werdegang skizziert. Von Dezember 1925 bis März 1926 reist er erstmals wieder nach Deutschland.

1927 Mit dem Direktor des neu erbauten Museum Folkwang in Essen, Dr. Ernst Gosebruch, erörtert Kirchner die Möglichkeit, Wandmalereien für den Festsaal des Museums zu gestalten.

1928 Bei der Biennale in Venedig wird im deutschen Pavillon Kirchners Gemälde Schlittenfahrt (1923) ausgestellt. Teilnahme an der Ausstellung German Paintings and Sculpture im Museum of Modern Art in New York. Kirchner wird zum Mitglied der Preußischen Akademie der Künste berufen.

Elisabeth Hembus als liegender Akt im Wildbodenhaus, ca. 1930. Glasnegativ. Kirchner Museum Davos, Schenkung Nachlass Ernst Ludwig Kirchner 1992

1932/33 Die Situation des für Kirchner überaus wichtigen Kunstmarkts in Deutschland wird immer ungewisser. Beginn der Vorarbeiten für die bedeutende Retrospektive, die 1933 in der Kunsthalle Bern gezeigt wird. Im Katalog zur Ausstellung erscheint der letzte Aufsatz unter dem Pseudonym Louis de Marsalle, den Kirchner für tot erklärt.

1936/37 Der Direktor des Detroit Institute of Art, Wilhelm R. Valentiner, bietet dem Künstler eine erste Einzelausstellung in den USA an, die 1937 realisiert wird. 639 von Kirchners Werken werden als „entartet“ aus deutschen Museen entfernt und später zum Teil ins Ausland verkauft oder zerstört. Ende Juli wird er aus der Preußischen Akademie ausgeschlossen.

1938 Der Anschluss Österreichs an Deutschland am 13. März fördert bei Kirchner die Angst, die Deutschen könnten in Graubünden einmarschieren. Er zerstört teilweise Druckstöcke und Skulpturen. Am 15. Juni nimmt Kirchner sich mit einer Schusswaffe das Leben. Er wird in Davos auf dem Waldfriedhof beerdigt.

Besucherinformationen

Museum der Moderne Salzburg
Mönchsberg 32, A-5020 Salzburg
Tel +43 662 842220

Ausstellungsdauer: bis 16. Juni 2019
Öffnungszeiten: Di bis So 10–18 Uhr, Mi 10–20 Uhr
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 6 Euro

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Museum der Moderne Salzburg.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Ernst Ludwig Kirchner: Der Künstler als Fotograf / The Artist as Photographer (Gebundene Ausgabe)


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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen