Das Bauhaus in Oldenburg

Zwischen Utopie und Anpassung

Unbekannter Fotograf (Erich Krause?), Vier Bauhäusler (Hermann Gautel, Robert Lenz, Hin Bredendieck? und Lony Neumann?), um 1929, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Nachlass Hermann Gautel

Vom 27. April bis zum 4. August 2019 widmet sich das Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg mit der Ausstellung Zwischen Utopie und Anpassung – Das Bauhaus in Oldenburg dem Leben und Wirken der Bauhäusler Hans Martin Fricke, Hermann Gautel, Karl Schwoon und Hin Bredendieck.

Das von Walter Gropius im April 1919 gegründete Staatliche Bauhaus Weimar war die einflussreichste Hochschule für Gestaltung im 20. Jahrhundert und ein wirkungsvolles Experimentierfeld für neue Ideen. Sie prägte maßgeblich Architektur, Design und Kunst der Moderne.

Zwischen 1923 und 1927 brachen vier junge Männer aus Oldenburg und Ostfriesland nach Weimar bzw. Dessau auf, wo sie die freiheitlichen und innovativen Bauhaus-Ideen kennenlernten und vom Geist der Moderne erfasst wurden. Was erlebten sie dort und wie ging es für sie nach dem Besuch der richtungsweisenden Gestaltungsschule weiter?

Anhand ihrer bewegten Lebensgeschichten rekonstruiert die Schau exemplarisch die Entwicklungen des Bauhaus-Impulses von seinen Anfängen bis in die heutige Zeit und wirft Schlaglichter auf das Zeitgeschehen und die Kulturgeschichte des 20. Jahrhunderts. Sie spannt den Bogen von der Weimarer Republik über die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg bis zum kulturellen Wiederaufbau der Nachkriegszeit.

Die 20er Jahre

Ausgangspunkt der Schau markieren das Bauhaus-Manifest von 1919 und die Gründung des Staatlichen Bauhauses durch Walter Gropius. In Oldenburg fanden schon früh Ausstellungen, organisiert von der Vereinigung für junge Kunst, statt, in denen am Bauhaus entstandene Werke präsentiert wurden. Dem Wirken der Oldenburger Vereinigung ist ein eigener Ausstellungsraum gewidmet, in dem herausragende Arbeiten der Bauhaus-Meister László Moholy-Nagy, Oskar Schlemmer und Josef Albers präsentiert werden, die zum Teil schon 1930 als Leihgaben im Oldenburger Augusteum gezeigt wurden.

Erich Consemüller, Portrait Hans Martin Fricke, 1924, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Nachlass Hans Martin Fricke

Als eines der ersten Museen in Deutschland sammelte und präsentierte das Landesmuseum Oldenburg bereits in den 20er Jahren Bauhausmöbel und -produkte. Gründungsdirektor Walter Müller-Wulckow, leidenschaftlicher Unterstützer der Bauhaus-Ideen, ermutigte junge Künstler aus der Region – wie Karl Schwoon und Hermann Gautel – dazu, an der neuen Kunsthochschule zu studieren.

Hans Martin Fricke besuchte mit nur 16 Jahren zunächst in Weimar die Tischlerei-Werkstatt.

Er legte in Dessau die Gesellenprüfung ab und schrieb sich Mitte der 20er Jahre zum Architekturstudium in Oldenburg ein.

Herrmann Gautel und Hin Bredendieck arbeiteten in Dessau gemeinsam in der Metallwerkstatt, wo sie unter anderem mit Marianne Brandt Lampen für die Leipziger Leuchtenfirma Körting & Mathiesen entwarfen.

Karl Schwoon wurde in Dessau von Paul Klee, Wassily Kandinsky und Oskar Schlemmer beeinflusst.

Die Jahre am Bauhaus sind für die vier jungen Künstler geprägt von außerordentlicher Innovationskraft und dem Geist der Moderne.

Die Ausstellung zeigt erstmals ihre Arbeiten in einer umfassenden Schau und präsentiert sie gemeinsam mit epochemachenden Werken von Wassily Kandinsky, Paul Klee, László Moholy-Nagy, Marianne Brandt, Oskar Schlemmer, Josef Albers, Lyonel Feininger, Ludwig Mies van der Rohe und Marcel Breuer.

Neben Entwürfen aus den Nachlässen der Künstler, die erstmals gezeigt werden, können die Besucherinnen und Besucher auch Meisterwerke der Moderne entdecken, wie etwa das Bauhaus- Schachspiel von Josef Hartwig oder die berühmte Bauhaus-Lampe von Wilhelm Wagenfeld.

Die 30er Jahre und der Zweite Weltkrieg

In zweijähriger Forschungsarbeit gelang es dem Kuratorenteam des Landesmuseums, die sehr unterschiedlichen Wege der vier nordwestdeutschen Protagonisten auch nach ihrer Zeit am Bauhaus zu rekonstruieren. Fotografien, Skizzen und Entwürfe, Designobjekte, Druckgrafiken und Gemälde aus den Jahren nach dem Besuch des Bauhauses dokumentieren, welch unterschiedliche Wege sie einschlugen und wie die Lehrjahre sie beeinflussten:

Bereits seit 1926 arbeitete Hans Martin Fricke als Architekt in Bremen und Oldenburg. Während der NS-Zeit fungierte er als überzeugter Kulturfunktionär in Oldenburg und übernahm 1941 die kommissarische Leitung des Oldenburger Kunstvereins.

Bauhaus-Ausweis von Hermann Gautel, Dessau, 1927, Familienarchiv

1933 kehrte auch Gautel nach Oldenburg zurück, wo er ein innovatives Einrichtungsgeschäft eröffnete.

Die Ideen des vom Bauhaus inspirierten, modernen Innenraumdesigns gab er so in die Region weiter.

Die in der Ausstellung gezeigten Fotografien seiner Interieurs verdeutlichen jedoch, dass er sich nur zum Teil an der klaren Formen- und Materialsprache des Bauhauses orientierte.

Zugeständnisse an provinzielle Gemütlichkeit waren offenbar nötig, um die Kundschaft zu überzeugen.

Seine Freundschaft zu Hin Bredendieck bestand auch nach ihrer gemeinsamen Zeit in der Metallwerkstatt.

So entstanden in den 30er Jahren gemeinsame Arbeiten und Entwürfe.

Ein jähes Ende fand das gestalterische Schaffen Gautels mit seinem Einzug in den Kriegsdienst. Seit 1945 gilt er als vermisst.

Der Zweite Weltkrieg bedeutete auch für Karl Schwoon eine Zäsur: Der Künstler war von 1943 bis 1945 Bildberichterstatter in Frankreich und an der Ostfront. Seine Fotografien sind Teil der Ausstellung und vermitteln ein Bild des Krieges. Schwoon überlebte den Krieg in britischer Gefangenschaft, doch wurde fast sein gesamtes Frühwerk bei einem Bombenangriff 1943 zerstört.

Hin Bredendieck arbeitete nach dem Abschluss am Bauhaus Dessau zunächst in den Werbeateliers von Moholy-Nagy und Bayer in Berlin. 1932 nahm er eine Arbeit in der Schweiz an und entwickelte zusammen mit Sigfried Giedion wegweisende Entwürfe neuer Leuchten, die durch indirektes Licht überzeugten.

Als die Schweiz auf Sanktionen der Nazis reagierte, wurde Bredendiecks Arbeits-erlaubnis nicht mehr verlängert. Einen neuen Job fand er bei seinem Bauhaus-Kommilitonen Gautel in Oldenburg. 1937 emigrierte Bredendieck jedoch aufgrund der sich verschärfenden politischen Situation in die USA. Am New Bauhaus Chicago erhielt er einen Lehrauftrag und schon im darauffolgenden Semester übernahm Bredendieck die Leitung des Basic Workshop, der sich an den Vorkurs des Dessauer Bauhauses anlehnte. Auch die Holz- und Metallwerkstatt unterstand nun seiner Leitung. Maßgeblich wurde Bredendieck Ende der 30er Jahre zum Katalysator für die weltweite Verbreitung des Bauhaus-Gedankens.

Die Zeit nach 1945

Den Abschluss der Ausstellung bildet der kulturelle Wiederaufbau nach 1945. Fricke, der während der Zeit des Dritten Reichs als NS-Kulturpolitiker und Architekt tätig war, wurde in der Nachkriegszeit zu einer bedeutenden Kraft des Wiederaufbaus in Oldenburg – ein Lebenslauf, in dem sich die deutsche Geschichte mit all ihren Verwerfungen widerspiegelt. Seine NS-Vergangenheit wurde nicht aufgearbeitet und er realisierte zahlreiche Wohnhäuser und Geschäftsbauten, wie das Bürohaus des Bauunternehmers Ludwig Freytag in Oldenburg. Dieser klar gegliederte Bau mit großen Fenstern ist eine gestalterische Ausnahme in dem eher konventionellen Baustil Frickes.

Karl Schwoon eröffnete 1947 die erste Oldenburger Avantgardegalerie der Nachkriegszeit. Die abstrakte Gestaltung des Eingangsschildes seiner Galerie und der in Kleinbuchstaben gehaltene Schriftzug verraten sofort Schwoons Ausbildung am berühmten Bauhaus. Eine Klammer setzt die Ausstellung mit Objekten aus der eigenen Sammlung, die Direktor Walter Müller-Wulckow in den Nachkriegsjahren in Schwoons Galerie für das Landesmuseum erwarb. Daneben kommt auch eines der bedeutendsten künstlerischen Spätwerke Schwoons – In Memoriam Bauhaus Dessau I – zur Ansicht.


li: Portrait Karl Schwoon, um 1930, Familienarchiv | re: Unbekannter Fotograf, Portrait Hin Bredendieck, Dessau 1928, Sammlung Freese

Ende der 1940er Jahre entwickelte Hin Bredendieck zusammen mit Nathan Lerner, seinem ehemaligen Schüler am New Bauhaus Chicago, Möbel, die als fertige Bausätze verkauft wurden. Ein Erfolgskonzept, das von Ingvar Kamprad, Gründer des Möbelhauses IKEA, etwa zur gleichen Zeit auch in Schweden konzipiert wurde. 1952 wechselte Hin Bredendieck ans Georgia Institute of Technology in Atlanta und avancierte zu einem weltweit vernetzten Professor für Industriedesign. Seinen Unterricht gestaltete er vollkommen neu und setzte Schwerpunkte auf die benutzerorientierte Entwicklung von Design. Hin Bredendieck zählt somit zu den einflussreichsten und am nachhaltigsten wirkenden Vertretern der Bauhaus-Ideen in Amerika.

Karl Schwoon, In Memoriam Bauhaus Dessau I,, um 1972, Gouache und Acryl, Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg, Foto Sven Adelaide

Die Ausstellung zeichnet in außerordentlichem Umfang ein facettenreiches Bild des Bauhauses und seiner Zeit, die geprägt ist von innovativen Ideen und politischem Umbruch, Krieg, Anpassung und Emigration. Zugleich fügt sie der Geschichtsschreibung des Bauhauses bis dato unerforschte Akteure hinzu. Die Schau umfasst rund 250 Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen und Druckgrafiken sowie Fotografien und Designobjekte aus den Beständen des Landesmuseums Oldenburg sowie aus bedeutenden privaten und öffentlichen Sammlungen des In-und Auslands.

Ab Ende April 2019 trägt ein umfangreiches Begleitprogramm aus Talks, Interventionen im Stadtraum, einem Filmprogramm, Führungen und Workshops das Bauhaus auch in die Oldenburger Gesellschaft.

Die Ausstellung ist das Ergebnis eines zweijährigen Forschungsprojekts und zentraler Beitrag des Landes Niedersachsen zum 100-jährigen Jubiläum der Gründung des Bauhauses.

Publikation

Begleitend zur Ausstellung erscheint am 27.  April 2019 im Imhof-Verlag eine 191 Seiten umfassende, gleichnamige Publikation mit zahlreichen Erstveröffentlichungen von Skizzen, Entwürfen und Fotografien.
ISBN: 978-3731908111
Preis: 26 Euro (Museumsausgabe)| 29,95 Euro (Buchhandel)

Begleitausstellung von Studierenden der Universität Oldenburg

Studierende des Instituts für Kunst und visuelle Kultur haben sich in Anlehnung an die Ausstellung „Zwischen Utopie und Anpassung“ mit ihren Verbindungen zum Bauhaus auseinandergesetzt. Die Ergebnisse ihrer Spurensuche werden für die Dauer der Ausstellungslaufzeit vom 27. April bis zum 4. August im Schlossatelier ausgestellt.

Besucherinformationen

Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg
Augusteum
Elisabethstr. 1, D-26135 Oldenburg 

Ausstellungsdauer: bis 4. August 2019
Öffnungszeiten: Di bis So 10-18 Uhr
Eintritt: 9 Euro, ermäßigt 6 Euro

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von: Landesmuseum für Kunst und Kulturgeschichte Oldenburg.

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

Das Bauhaus in Oldenburg: Zwischen Utopie und Anpassung (Gebundene Ausgabe)


Neu ab: EUR 29,95 EUR Auf Lager
Benutzt ab: EUR 29,95 Auf Lager
kaufe jetzt

image_pdfimage_print

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen