#portrait. Geschichte der inszenierten Personenfotografie

Fotoausstellung im Deutschen Technikmuseum in Berlin

Schwarz-Weiß-Porträts einer jungen Frau, erstellt als Fotostreifen im Fotoautomaten „Photomaton“ an der Berliner Friedrichstraße, um 1930. © SDTB, Historisches Archiv

Ein Porträt ist heute schnell gemacht: Das Smartphone oder die Digitalkamera ist immer mit dabei. Ein Klick und das Foto kann gedruckt, versendet und geteilt werden. Aber nicht immer war Fotografie so alltäglich und leicht zugänglich.

Das Deutsche Technikmuseum in Berlin zeigt vom 15. Mai bis zum 20. Oktober 2019 in der Sonderausstellung #portrait eine Auswahl aus 160 Jahren Personenfotografie. Präsentiert werden rund 250 Schwarz-Weiß- und Farb-Aufnahmen, die eine faszinierende Motiv-Vielfalt in diesem Genre widerspiegeln.

Blick in die Ausstellung. © SDTB / Foto: Clemens Kirchner

Das Porträt – mehr als ein Gesicht

Fotografien von Personen entstehen in allen erdenklichen Zusammenhängen und zu unterschiedlichen Zwecken. Das Porträt ist daher mehr als nur das Abbild einer Person. Es ist das Zusammenspiel von den Menschen vor und hinter der Kamera und der Art und Weise, wie, wo und wann das Foto aufgenommen wird. Ein Porträt ist also immer inszeniert.

Personenfotografien von 1860 bis heute

Ganzkörperporträt einer jungen Frau mit Schirm und großem Hut, ca. 1910 in einem der sechs Berliner Ateliers des Fotografen M. Appel. © SDTB, Historisches Archiv

Die Ausstellung #portrait zeigt eine Auswahl an Personenfotografien von 1860 bis heute.

Sie stammen aus dem Bestand des Historischen Archivs der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin und wurden um private Leihgaben ergänzt.

Dazu zählen 23 Aufnahmen aus der Privatsammlung der Familie des Berliner Fotografen Julius Kricheldorff (1830-1910).

Darunter sind z.B. ein Babyfoto des Patenkindes von Käthe Kricheldorff oder der Dienstausweis von Herrmann Kricheldorff.

Alle Fotografien sind nach ihrem Verwendungszweck geordnet: gerahmt, gesammelt, ins Album geklebt oder in die Welt geschickt.

Dabei stehen sich Schwarz-Weiß-Aufnahmen und Farbfotos ähnlicher Motive gegenüber.

Hier findet jede Besucherin und jeder Besucher einen Anknüpfungspunkt zur eigenen Fotogeschichte – egal, ob vor oder hinter der Kamera.

Letztendlich wirft die Ausstellung die Frage auf: Wie fotografierst du?

Vom künstlerischen Unikat …

Als Weiterführung der Porträtmalerei entstanden ab 1840 Fotografien von Personen. In ihren Anfängen wurden Einzel- oder Gruppenaufnahmen meist aufwendig in Ateliers angefertigt. Das entstandene Bild war etwas Besonderes, das sich nicht alle Menschen leisten konnten. Der Berliner Fotograf und Porträtmaler Karl Wahl beispielsweise vereinte die Techniken Fotografie und Malerei und bot Nachbesserungen der Fotos mit Öl- und Pastellfarbe an. Diese Form der Retusche ist eine Art der Bildnachbearbeitung, mit der auf dem Abzug Details hervorgehoben oder betont werden können.

Blick in die Ausstellung. © SDTB / Foto: Clemens Kirchner

Das 1854 patentierte Visitformat (6 x 9 Zentimeter) verhalf dem Porträt zu großer Popularität, auch, weil dadurch Abzüge prominenter Personen gekauft und gesammelt werden konnten. So zeigt die Ausstellung Sammelbilder des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. und dessen Frau Elisabeth. Mit seiner Verbreitung diente das Porträtfoto immer mehr dazu, den Status der abgebildeten Personen darzustellen. Dekoratives Beiwerk wie Säulen, Tische und Stühle, bemalte Hintergründe und Requisiten dienten der Inszenierung und gehörten daher zur Ausstattung eines jeden Fotoateliers.

… zur Bilderflut

Mit der Weiterentwicklung der Fototechnik verlagerte sich die Porträtfotografie aus den Ateliers in den Alltag der Menschen. Die Amateurfotografie verbreitete sich, weil die Kameras kompakter und die Filmentwicklung preisgünstiger wurden. Damit nahm die Vielfalt an Themen und die Gelegenheit zur Inszenierung zu. Seit den 1930er Jahren erstrahlt die Fotowelt zudem in Farbe. Bei der Wahl des Motivs ist jedoch eines gleich geblieben: Geknipst wird, was den Menschen wichtig ist.

Selbstporträt eines Fotografen in schwarzem Anzug, fotografiert mit einer Rolleiflex-Kamera auf Stativ und mit Selbstauslöser, um 1970. © SDTB, Historisches Archiv

Die Möglichkeit, seit Ende des 20. Jahrhunderts Fotos digital aufzunehmen, minderte die Faszination am Porträt nicht – ganz im Gegenteil. Durch digitale Datenträger ist der Umgang mit Fotos noch einfacher geworden, denn sie können sofort betrachtet, bearbeitet und gelöscht werden. Bildbearbeitung mithilfe von Software oder Apps auf dem Smartphone ist zum Standard geworden. Das Internet ermöglicht heute einen weltweiten Austausch von Fotografien, besonders in den Sozialen Medien. In einer wahren Bilderflut inszenieren sich Menschen hier täglich: Auf der Fotoplattform Instagram gibt es bereits über 90 Millionen Bilder, die mit #portrait verschlagwortet sind. Die Ausstellung endet mit einer Projektion, die diese Allgegenwärtigkeit des Selfie als ein Markenzeichen des digitalen Zeitalters deutlich macht.

Die Ausstellung #portrait ist ein Gemeinschaftsprojekt der Wissenschaftlichen Volontärinnen und Volontäre der Stiftung Deutsches Technikmuseum Berlin.

Besucherinformationen

Deutsches Technikmuseum
Kleine Galerie der Fototechnik-Dauerausstellung (Beamtenhaus, 2. OG)
Trebbiner Straße 9, D-10963 Berlin-Kreuzberg

Ausstellungsdauer: bis 20. Oktober 2019
Öffnungszeiten: Di bis Fr 9.00-17.30 Uhr, Sa. u. So 10-18 Uhr
Eintritt: 8 Euro, ermäßigt 4 Euro, bis 6 Jahre frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Deutsches Technikmuseum

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

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Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen