FORUM 049: Sebastian Riemer. Archivarische Empathie

Über die Macht der Bilder


li: Abandoned (Soccer), 2016, Pigmentprint |re: Wetzler Boy, 2016/19, 165 x 125 cm, Silbergelatine-Print | beide: © Sebastian Riemer

In seinen Fotografien geht der Düsseldorfer Künstler Sebastian Riemer (geb. 1982 in Oberhausen) den spezifischen Eigenschaften von Fotografien auf den Grund. Ausgangspunkt ist häufig eine historische Aufnahme, die mitunter sogar aus der Anfangszeit der Fotografie stammt.

Das Münchner Stadtmuseum zeigt die spannende Fotoausstellung in der Reihe FORUM noch bis zum 25. August 2019. FORUM ist das hauseigene und sehr erfolgreiche Ausstellungsformat für junge Fotografie.

Achrome Still (Monuments), 2016, 166 x 245 cm, C-Print © Sebastian Riemer

In seiner seit 2013 entstehenden Serie Press Paintings greift Riemer auf amerikanische Pressefotos der 1920er- bis 1970er-Jahre zurück. Sie wurden als Druckvorlagen genutzt und vor der Drucklegung manuell bearbeitet, um die Bildinhalte den Anforderungen der jeweiligen Presseartikel anzupassen. So wurden etwa mit Pinsel und Farbe die Veränderungen direkt auf die Foto-Oberfläche aufgetragen. In Riemers hochauflösenden Reproduktionen erscheinen diese Eingriffe in übersteigerter Skurrilität und lassen ihren Ursprung weit hinter sich. Abgebildete Personen werden nahezu in Körpergröße den Betrachtern gegenübergestellt. Vormals feine Pinselstriche der Retuschen erscheinen als expressive Trompe-l’oeil-Malerei.

Die seit 2015 entstehende Werkgruppe der Instant Photos beruht auf historischen Daguerreotypien, von denen Sebastian Riemer Polaroidaufnahmen anfertigt. Hier thematisiert er die Fehler der Repräsentation durch die frühen unausgereiften Techniken: Es sind Personen wie Aussparungen im milchigen Lichtkegel zu sehen. Der Umraum ist aufgewühlter abstrakter Gestus aus Entwicklerflüssigkeit, der das Bild in ein verwaschenes Blau taucht. Über die Oberfläche ziehen sich einzelne Kratzer.

Double Gothic, 2016, 137 x 197 cm, C-Print © Sebastian Riemer

Indem die Personen, die mit dem Habitus der Mitte des 19. Jahrhunderts sowieso aus der Zeit gefallen wirken, wie freigestellt im Bild auftreten, wird ihre Bedeutung und ihre Erzählung mysteriös. Natürlich wird die Aussagekraft und die Lesbarkeit des Porträtfotos befragt. Zugleich wird die Distanz veranschaulicht, die zur Gegenwart besteht. Dennoch sind Riemers Bilder ganz im Heute positioniert.

Die Fotografien gehen über die bloße Aneignung der Vorlagen hinaus. Sebastian Riemer wirft medienspezifische und rezeptionsgeschichtliche Fragen auf. Er befragt das „Postfaktische“ der Fotografie, dass ihr seit ihrer Erfindung innewohnt. Die Macht der technischen Bilder ist im digitalen Zeitalter präsenter denn je. Deshalb lassen Riemers Revisionen an Aktualität nichts missen. Vielmehr macht er die bis heute gültigen Mechanismen der Bildproduktion in ihren Anfängen sichtbar und stellt ihr Wirken in Frage.

Besucherinformationen

Münchner Stadtmuseum
St.-Jakobs-Platz 1, 80331 München
Tel +49 (0)89-233-22370

Ausstellungsdauer: bis 25. August 2019
Öffnungszeiten: Di bis So 10-18 Uhr
Eintritt: 7 Euro, ermäßigt 3,50 Euro, unter 18 Jahren frei

Bilder und Texte mit freundlicher Genehmigung von Münchner Stadtmuseum

Unsere chronologische Übersicht aktueller Fotoausstellungen im deutschsprachigen Raum.

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Anja Hoenen

Anja Hoenen

Marketing und Pressearbeit bei Netzwerk Fotografie
Anja betreut das Netzwerk Fotografie redaktionell und als Leiterin der Marketing- und Presseabteilung.
Anja Hoenen